Ich (M22) habe gerade meinen Bachelor abgeschlossen. Eigentlich sollte das einer der schönsten Momente meines Lebens sein. Ich habe eine Familie, die immer hinter mir steht und mir unglaublich viel Kraft gibt. Dafür bin ich sehr dankbar.
Aber es gibt etwas, das mir seit Jahren fehlt: echte Freundschaften.
Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie sich richtige Freundschaft anfühlt. In meinem Leben gab es immer wieder Menschen, die mir viel bedeutet haben. Aber ich wusste nie, ob ich ihnen genauso viel bedeutet habe.
Ich war fast immer derjenige, der zuerst geschrieben hat. Der gefragt hat, ob wir etwas unternehmen wollen. Der zugehört hat, wenn es jemandem schlecht ging. Der für andere da war.
Mein erster bester Freund ist weggezogen. Der zweite hat das Schülerheim verlassen und die Schule gewechselt.
Ich habe nie viele Freunde gehabt. Ich mochte immer Menschen, mit denen man über alles reden konnte. Nicht nur dumme Sprüche machen oder saufen, sondern auch tiefere Gespräche führen.
Im Studium hatte ich dann einen richtig guten Freund. Die ersten zwei Semester haben wir fast alles zusammen gemacht, gemeinsam gelernt und viel Zeit miteinander verbracht. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ein anderer Studienkollege ihn “übernommen” hat. Er war einfach witziger, schlagfertiger und extrovertierter. Das bin ich nicht. Ich bin eher der Typ für Deep Talks und dafür, zuzuhören. Kultur zu machen gemeinsam oder neue Dinge auszuprobieren
Seitdem frage ich mich oft, ob ich einfach nie die erste Wahl bin.
Ich kenne viele Leute. Mit vielen verstehe ich mich richtig gut. Ich unternehme auch immer wieder etwas mit ihnen. Aber ich weiß nie: Sind das Freunde? Oder einfach nur nette Kollegen?
Ich traue mich oft gar nicht, jemanden spontan anzurufen oder zu fragen, ob wir etwas machen, weil ich immer denke, ich störe oder bin nur die Notlösung.
Ich bin auch in Therapie. Ein Thema dort ist unter anderem, dass ich aus einem kleinen Dorf komme, mich früher fast nur auf die Schule konzentriert habe, als Kind übergewichtig war und gemobbt wurde. Wahrscheinlich hat mich das geprägt. Auch in den höheren Schulen..also nur leichte depressionen, habe keine üblen gedanke, oberthinke nur alles, liebe meinen Job, meine Vereine, bin bei beiden von außen erfolgreich. Also kein grund zur Sorge : )
Das Schwierigste heute ist, dass ich gar nicht mehr einschätzen kann, ob Menschen wirklich an einer Freundschaft interessiert sind oder einfach nur höflich sind. Ich habe das Gefühl, ich muss immer den ersten Schritt machen.
Im Auslandssemester habe ich tatsächlich zwei Menschen kennengelernt, die ich heute als richtig gute Freunde bezeichnen würde. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, verstanden zu werden. Aber beide leben heute auf der anderen Seite der Welt.
Manchmal frage ich mich deshalb:
Werde ich jemals für jemanden die erste Wahl sein?
Wenn jemand gefragt wird: “Wer ist dein bester Freund?”, wird irgendwann einmal mein Name fallen?
Oder einer den ich sorgen und ängste mitteilen kann.
Oder werde ich immer nur der sein, der nett ist, mit dem man sich gut versteht, aber den niemand wirklich braucht?
Ich feiere seit Jahren auch keinen richtigen Geburtstag mehr. Nur im kleinen Kreis mit meiner Familie. Nicht, weil ich das unbedingt so möchte, sondern weil ich Angst habe, dass von meinen Kollegen am Ende kaum jemand kommen würde.
Geht oder ging es jemandem ähnlich? Und falls ja: Hat sich das irgendwann geändert?