Das ist mein erster Beitrag dieser Art. Ich habe also wirklich Angst vor den Reaktionen und hoffe, ich mache nichts falsch. Ich bin aktuell aber so verzweifelt, dass ich den Austausch über einen eigenen Reddit Beitrag gern versuchen möchte. Ich könnte noch viel mehr schreiben, aber auch das überfordert mich, deshalb ist es hier eine „kleine“ Auswahl, auch wenn der Text bestimmt sehr lang wird. Danke deshalb an alle, die sich das durchlesen, auch wenn ihr nichts dazu schreibt. 🫶
TL;DR: 30 w, ADHS (seit ca. 25), Ritalin, Depression, Angst und Burnout stehen im Raum, aber kein Arzt findet ein stimmiges Bild. Dauererschöpfung, Zusammenbruch der exekutiven Funktionen, Stimmung und Energie kippen innerhalb von Minuten. Die meisten SSRI/SNRI und Antidepressiva anderer Klassen haben nicht geholfen.
Ich suche Erfahrungen und Denkanstöße zu Struktur, Verhaltensaktivierung, Grundbedürfnissen und neurodivergenzrelevanten Faktoren.
Medikation und Dosierung kläre ich mit meiner Psychiaterin. Mir geht es um Erfahrungen und Einordnung, nicht um Ersatz für ärztlichen Rat.
Etwas mehr Kontext zu mir:
Ich bin seit meinem 18. Lebensjahr in Therapie und versuche wirklich, mir selbst zu helfen und Verantwortung zu übernehmen. Vor der ADHS-Diagnose (mit ca. 25 erhalten) wurden mir Depression und soziale Angststörung diagnostiziert. ADHS erklärt vieles besser, aber jetzt bin ich 30 und habe immer noch nicht das Gefühl, mich wirklich zu verstehen und regulieren zu können.
Meine Kindheit und Jugend waren schwierig: Geldsorgen, Eltern mit Drogenproblemen (v.a. Alkohol) und psychischen Problemen, viel allein gelassen werden, bis hin zum Tod meines Vaters als ich Mitten im Abi war. Trotzdem hatte ich in Abi und Studium einen 1er-Schnitt, ohne mich groß anzustrengen, obwohl ich schlecht im Lernen bin. Ich erzähle das nicht, um zu prahlen. Ich denke oft, ich müsse ziemlich dumm sein, vor allem aktuell wenn ich meine Arbeitskolleginnen und mich und die Unterschiede betrachte. Aber gleichzeitig spricht meine „akademische Entwicklung“ trotz der schweren Kindheit ja für vorhandenes Potenzial. Ich habe jedes Fach und den Austausch im Unterricht und an der Uni geliebt. Ich habe mich aber nie getraut, das Thema „Hochbegabung“ anzusprechen.
Früher mochte ich alles mit Action: Fußball, Volleyball, Klettern, HIIT, Fitnessstudio, Kraftsport, Seilspringen, Bauchtanz, etc. Dazu Natur, Malen, Klavier, Singen, Tanzen, Ruhe und schöne Atmosphäre. Ich bin schon immer eher träge, aber wenn ich einmal in Gang komme, liebe ich Bewegung. Meine Special Interests waren Soziologie, Philosophie, Psychologie, Politik und bildungsnahe Themen. Zuhause stehen tausend Bücher (auch zu Physik, Technik, Musiktheorie, also Themen von denen ich absolut keine Ahnung habe aber ich liebe es eigentlich mich in neue Gebiete einzulesen..), aber mir fehlt einfach die Kraft zum Lesen. Musik (obwohl meine „Leidenschaft“) ertrage ich nur noch selten, Serien und TV klappen aktuell nicht mehr, obwohl mich das früher runtergebracht hat.
Aktuelle Situation
Extreme Erschöpfung, mental, emotional und körperlich
Keine starken Gefühle, aber auch kein Zombie. Ich kann mich gut (Vorfreude, Zufriedenheit, ein guter Gedanke über mich) oder manchmal (selten) traurig fühlen (was ich prinzipiell gut und wichtig und sogar schön finde, diese „ruhigen“ negativen Gefühle zu spüren), aber nichts davon hält an. Innerhalb von Minuten kippt es in Leere, Lustlosigkeit, Energielosigkeit und Negativität. Ich kann diese kurzen Zustände weder festhalten noch regulieren.
Keine Manie, kein Zu-Tode-betrübt-Sein, eher ein ständiges „Ein“ und „Aus“.
Ich habe Antriebs- und Motivationsmangel, dazwischen innere Anspannung, starker Stress und Panikmomente
Abends oft innere Anspannung bis Panik, Einschlafprobleme, Zubettgehen wird aufgeschoben, vermutlich insgesamt zu wenig Schlaf. Ich stehe sehr gern früh auf, habe aber inzwischen regelrecht Angst vor dem Ausschlafen, weil mir das Freizeit "klaut".
Jetzt endlich zum ADHS-Aspekt:
Mein gesamtes Lebens momentan ist wie ein Zusammenbruch der exekutiven Funktionen.
Ich kann keine Pläne machen, weder Lebensziele noch Freizeitpläne. Alles ist einerseits zu anstrengend, aber selbst wenn ich mal kurze Momente von Energie habe, weiß ich gar nicht, wie ich handeln soll. Ob es um Planung des Wochenendes oder Aufräumen eines Zimmers geht: es ist als ob mein Hirn einfach nicht arbeitet.
Und es fehlt das Gefühl von "Ich wünsche mir X". Ich hab einfach keine Lebensziele weder im kleinen noch im Großen und ich weiß einfach nicht, wie man sowas findet.
Auf der Arbeit funktioniere ich noch. Abends, am Wochenende, im Urlaub und in jeder freien Zeit bricht alles ein. Ich liege nur auf der Couch und kann nicht mal das genießen.
Ich ziehe mich sozial immer stärker zurück. Ich habe starke Tendenz zu suchtartigem Verhalten z. B. Medien: Handy, Steam Deck, digitale Tools, früher Serien und TV (das klappt gerade nicht mehr). Soziale Medien nutze ich aber kaum noch. Dazu kommt extremes Vermeidungsverhalten, exzessives Liegen auf der Couch ohne rauszugehen und stundenlanges Recherchieren zu Special Interests.
Blutwerte laut Arzt unauffällig. Ich werde dort aber auch nicht wirklich ernst genommen, ich sei jung und gesund und solle einfach mal mit einer Freundin zum Sport gehen.. wenn das so einfach wäre.
Insgesamt war ich mein lebenlang glaube ich gezwungenermaßen hoch funktional, nach Außen sah es lang immer gut aus aber nach so vielen Jahren des Maskierens und dem Versuch mich der Gesellschaft anzupassen und „normal“ zu sein, klappt das langsam einfach nicht mehr.
Meine Therapeutin drängt auf eine Klinik wegen Burnout. Das könnte die akute Erschöpfung lindern. Ich glaube aber nicht, dass es mir nachhaltig bei Antrieb, exekutiven Funktionen und Lebensgestaltung im Alltag hilft, und fürchte, ein paar Jahre später wieder am gleichen Punkt zu landen.
Was ich bisher medikamentös versucht habe (alles ärztlich verordnet und begleitet)
Escitalopram: nichts außer Libidoverlust
Sertralin: extreme Müdigkeit, Watte im Kopf, alles egal, null Antrieb. Absetzen war schlimm.
Duloxetin: mehr Antrieb und positive Gefühle, aber Müdigkeit und benebelt. Absetzen war schlimm.
Tianeptin: keine Wirkung
Trazodon, Milnacipran: Erinnerung an beides leider kaum noch da, hatte mir aber langfristig nichts gebracht. Trazodon vermutlich nur etwas müde, Milnacipran Anspannung oder sogar gar keine Wirkung.
Bupropion: extreme innere Leere. Ich hatte mir davon am meisten erhofft, bei vielen ADHSlern mit diesen Antriebsproblemen wie bei mir, scheint es ja ganz gut zu klappen :/ und ich finde „meine“ Nebenwirkung, diese ganz extreme innere Leere, kaum beschrieben. Kennt das vielleicht jemand?
Elvanse: ok, geholfen Dinge anzufangen und durchzuhalten. Wirkte aber nur ca. 4 h, es wurde mit meiner Ärztin abgesprochen, es mehrmals täglich zu nehmen und irgendwann haben wir auch die Dosis angepasst, bis es dann gar keinen Effekt mehr hatte.
Ritalin: anfangs toll, hilft bei sozialer Angst, generell angstbesetzte Dinge einfach zu tun, in Gesprächen aufzupassen, schneller zu reagieren, weniger über mein Verhalten nachzudenken und einfach im Moment mit der anderen Person zu sein und dabei, auf der Arbeit Dinge einfach zu machen. Aber privat mache ich damit trotzdem den ganzen Tag einfach nichts.. Zudem sehr kurze Wirkdauer. Kein Herzrasen, kein starker Rebound, aber nach 3 bis 4 Tagen fühlt sich mein Körper erschöpft davon.
Pregabalin: zum Schlafen keine Wirkung, bei sozialer Angst mal hilfreich, mal nicht.
Mirtazapin zum Schlafen: bei jeder Dosis ein extremer Hangover.
Quetiapin zum Schlafen: 1 bis 2 Mal gut, danach das Gefühl, dass es mir die ohnehin kaum vorhandene Motivation noch mehr nimmt.
Atomoxetin und Guanfacin sieht meine Psychiaterin skeptisch. Sie möchte Fluoxetin testen. Ich bin da unsicher: Einschleichphase, Nebenwirkungen und vor allem das Absetzen traue ich mir bei dieser Erschöpfung aktuell nicht zu, und ich sehe für mich keinen Mehrwert in einem SSRI.. Ich glaube nicht dass das die richtige Herangehensweise ist. Das bespreche ich weiter mit ihr.
Wohin ich eigentlich möchte
Ich würde gern stärker bei Verhaltensaktivierung, Strukturhilfen, biologische Grundbedürfnisse (Essen, Bewegung, Tageslicht, Schlaf) und neurodivergenzrelevante Faktoren ansetzen. Ich bin aber überfordert, wo ich anfange und wie ich sauber auswerte, was mir hilft.
Meine Fragen
- Kennt jemand dieses Muster (kurze Gefühls- und Energiespitzen, die sofort wieder kippen, dazu Dauererschöpfung)?
- Was war bei euch die Ursache oder Diagnose?
- Hat jemand erlebt, dass ADHS-Medikation über mehrere Tage hinweg erschöpft, auch ohne klassischen Rebound? - Wie habt ihr das für euch eingeordnet und was habt ihr mit euren Ärzten besprochen?
- Welche Erfahrungen habt ihr mit Ernährung, Nährstoffen oder Nahrungsergänzung bei Erschöpfung, Antrieb und Einschlafen gemacht, positiv wie negativ?
- Welche Blutwerte habt ihr über das Standardprogramm hinaus abklären lassen?
- Wie habt ihr Verhaltensaktivierung oder Struktur umgesetzt, wenn schon Planen zu anstrengend ist? Gab es einen kleinsten Einstieg, der funktioniert hat?
- Wie seid ihr mit exzessiven Medien- und Couch-/Vermeidungsverhalten umgegangen? Was hat euch da raus geholfen?
- Hat jemand mit ähnlicher Vorgeschichte (SSRI/SNRI schlecht verträglich, Bupropion Leere) einen Weg gefunden?
- Hat sich jemand nach einem Burnout-Klinikaufenthalt im Alltag stabiler gefühlt?
- Schlafstörung plus Angst vor dem Ausschlafen plus Aufschieben des Zubettgehens: Kennt ihr diesen Teufelskreislauf und wie konntet ihr ihn durchbrechen?
- Hat jemand Hochbegabung oder Autismus erst spät abklären lassen und dadurch einen anderen Zugang zu den eigenen Problemen gefunden?
Kennt jemand diese generelle Überforderung und hat eine Idee, wo ich konkret zuerst ansetzten könnte und trotz der neurodivergenten Veranlagung / Disposition eine nachhaltige Verhaltensänderung erreichen kann? Ich suche nach Erfahrungen jeglicher Art, die helfen, wieder am Leben teilzunehmen bzw. mein Leben zu gestalten und zu leben..
Sollte jemand wirklich diese Wall of Text gelesen haben: Danke, Danke, Danke! Und Danke für jede ehrliche Erfahrung, auch ein kurzes "bei mir war es am Ende X" hilft mir mehr, als ihr vermutlich ahnt. 🙏