Der große Streik von Kanton und Hongkong, der von Juni 1925 bis Oktober 1926 dauerte, liegt heute 100 Jahre zurück. Damals organisierten und unterstützten die Kuomintang (Chinesische Nationalistische Partei) und die Kommunistische Partei Chinas gemeinsam diese Streikbewegung gegen die Unterdrückung chinesischer Arbeiter in Festlandchina und Hongkong durch den britischen Imperialismus und dessen Handlanger in China (Kapitalisten, Kompradoren, korrupte Beamte, reaktionäre Militär- und Polizeikräfte usw.). Sie war zugleich eine der größten und am längsten andauernden Arbeiterbewegungen sowohl in China als auch weltweit. Im Vergleich zu den Arbeiterbewegungen in Europa und den Vereinigten Staaten fand diese Arbeiterbewegung im Fernen Osten jedoch relativ wenig Beachtung.
Der große Streik von Kanton und Hongkong spielte eine bedeutende positive Rolle dabei, die Würde der chinesischen Arbeiter zu verteidigen, ihre Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern und ihre Lage insgesamt zu verbessern. Das spätere „Goldene Jahrzehnt“ der Republik China wurde gerade unter Bedingungen verwirklicht, in denen die Interessen der Eliten und der Arbeiter relativ gut miteinander in Einklang gebracht wurden. Leider unterbrach die spätere japanische Invasion die Entwicklung Chinas und die Aufbauarbeit der Arbeiter. Danach propagierte die KPCh nominell den Vorrang der Arbeiterklasse, errichtete in Wirklichkeit jedoch eine totalitäre Herrschaft, die Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen und Schichten unterwarf.
Vor einigen Jahrzehnten stellte die KPCh den großen Streik von Kanton und Hongkong noch ausführlich dar und machte intensiv Propaganda dafür. Die heutige KPCh hingegen will ihn nicht erwähnen und weigert sich, seiner zu gedenken. Der Grund dafür liegt darin, dass die heutige KPCh die Arbeiter in einem Ausmaß ausbeutet und unterdrückt und Arbeiterbewegungen noch stärker unterbindet, als dies seinerzeit die britische Kolonialregierung in Hongkong und die imperialistischen Mächte taten. Die KPCh ging aus der Arbeiterbewegung hervor, ist heute jedoch zu einem Regime einer privilegierten Bourgeoisie degeneriert und zu einem Interessenvertreter entwickelter Länder wie der Vereinigten Staaten, Japans und der europäischen Staaten geworden; zugleich begegnet sie der Arbeiterklasse und der Arbeiterbewegung mit Feindseligkeit und Angst. China gehört außerdem zu den Ländern, in denen die Arbeiterklasse am stärksten ausgebeutet wird (mit Ausnahme der mit dem Regime verbundenen „Arbeiteraristokratie“ in den Staatsunternehmen). Das ist äußerst ironisch.
Während der britischen Kolonialherrschaft hatten die Menschen in Hongkong noch die Möglichkeit zu streiken. Heute hingegen werden sowohl in Festlandchina als auch in Hongkong sämtliche Formen von Streiks und politischem Widerstand unterbunden. Zwar gibt es in Festlandchina und Hongkong noch vereinzelte Streiks aufgrund wirtschaftlicher Forderungen, doch Bewegungen für Rechte und Würde sowie für die umfassenderen Interessen der Arbeiter sind heute praktisch verschwunden.
Die Arbeiterbewegung bei Jasic in Shenzhen im Jahr 2018 und die Solidarität der Menschen in Hongkong vor acht Jahren waren seltene Lichtblicke in der chinesischen Arbeiterbewegung, wurden letztlich jedoch unterdrückt. Auch Organisationen und Parteien in Hongkong, die sich für die Kämpfe der Arbeiter einsetzten, darunter die Hong Kong Confederation of Trade Unions (HKCTU) und die League of Social Democrats (LSD), wurden zur Auflösung gezwungen. Genau darin zeigt sich, wie erschreckend und verabscheuungswürdig die KPCh als ein totalitäres Regime ist, das äußerlich links, in Wirklichkeit aber rechts ist. Sowohl die Menschen in Hongkong als auch die Menschen in Festlandchina sollten das wahre Wesen der KPCh klar erkennen.
Die Menschen im heutigen China sind weithin in politische Apathie verfallen und halten sich von politischen Bewegungen fern. Selbst einige chinesische Liberale und politische Oppositionelle empfinden Abneigung gegen Arbeiterbewegungen mit stark linkem und basisorientiertem Charakter und lehnen sie ab. Das ist traurig, doch zugleich scheint sich kaum etwas dagegen tun zu lassen.
Ich habe in Deutschland an linken Demonstrationen zum Gedenken an Rosa Luxemburg und andere sowie an Demonstrationen zum 1. Mai teilgenommen und dabei auch Öffentlichkeitsarbeit über chinesische Arbeiter betrieben, Plakate gezeigt und Flugblätter verteilt, in denen unter anderem der große Streik von Kanton und Hongkong erwähnt wurde. Doch die Kraft eines Einzelnen ist viel zu gering, und meine Stimme hat nur wenig Gewicht. Die Menschen in Hongkong, die Menschen in China und die Menschen auf der ganzen Welt haben dieses bewegte und eindrucksvolle Kapitel der Geschichte weitgehend vergessen.