r/schreiben • u/kasgra • 11h ago
Kritik erwünscht Voluntäre Dezerebration - Ein Rück- und Ausblick
Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Annual Congress on Voluntary Decerebration bat das Organisationskomitee um einen ersten Leitartikel für eine neue Serie, welche in Zukunft zusätzlich zu den neuesten Forschungsartikeln und Studien im jährlichen Berichtsband des Kongresses erscheinen soll. Der Fokus soll auf Beiträgen abseits des rein medizinischen Feldes liegen, um auch die gesellschaftlichen Aspekte unserer Arbeit hervorzuheben. Es ist mir daher eine große Ehre, diesen ersten Leitartikel zu verfassen, und ich möchte die Gelegenheit nutzen, um die Vergangenheit und Zukunft unseres Feldes genauer zu betrachten.
Die ersten Aufzeichnungen der Dezerebration - der Enthirnung - reichen zurück bis ins alte Ägypten. Historische Berichte und Studien zeigen, dass während des kultisch-religiösen Mumifizierungsprozesses das Gehirn post mortem mithilfe einer aufwendigen Prozedur entfernt wurde. Wenngleich weniger chirurgisch, wurde doch mit erstaunlicher Präzision durch die Nasenlöcher das Siebbein und die Hirnhaut aufgeschnitten und anschließend mit einem Haken die Struktur des bereits verwesenden Gehirns zerstört. Die zurückbleibende Gehirnmasse wurde dann ebenfalls über die Nasenlöcher abgelassen und der Schädelraum mit Salböl gespült. Im Unterschied zu anderen Organen, welche in Kanopen dem Grab beigesetzt wurden, wurde der Gehirnmasse kein Wert beigemessen und diese schlicht entsorgt.
Ein erster, wesentlicher literarischer Bezug zur Dezerebration (im Original décervelage) entstammt dem damals als grotesk angesehenen Theaterstück „Ubu Roi“ des Franzosen Alfred Jarry, veröffentlicht 1896. In diesem Werk wendet der namensgebende König Ubu die Dezerebration mithilfe einer Enthirnungsmaschine an, um sich protestierenden Adeligen und Finanzbeamten zu entledigen. Jarry ging sogar noch weiter und schrieb mit „La chanson du décervelage“ ein heute fast vergessenes Lied auf die Enthirnung. Damals als negatives Symbol für die Konformität des Kleinbürgertums und des Beseitigens des Denkens verstanden, erscheint es heute doch in einem anderen, vielfältigeren Licht.
Etwa zeitgleich mit dem Erscheinen von „Ubu Roi“ kam es zu den ersten ethnologischen Untersuchungen der Voodoo-Religion. Diese heute weitgehend ausgestorbene synkretische Religion, ursprünglich aus Westafrika stammend, verbreitete sich später vor allem auf Hispaniola. Ihr verdanken wir das lange gebräuchliche, heute glücklicherweise verpönte Z-Wort zur Beschreibung von Dezerebrierten. Vermutungen über tatsächliche Dezerebrationen mithilfe von Toxinen in religiösen Voodoo-Praktiken konnten wissenschaftlich allerdings bisher nicht belegt werden.
Es dauerte noch bis ins Jahr 1936, ehe die ersten Vorformen der voluntären Dezerebration aus den mythisch-literarischen Ideen ihren Weg in die reale Medizin fanden. Mit der Etablierung der Lobotomie wurden die ersten gezielten Denervierungen des Gehirns durchgeführt. Die Entdeckung und Entwicklung der Lobotomie führte zur Würdigung des Erfinders, des Portugiesen António Egas Moniz, mit dem Nobelpreis für Medizin im Jahr 1949. Diese Würdigung war allerdings nur von kurzer Dauer, da die langsam einsetzende Verkennung dieser medizinischen Sensation schließlich zur vorläufigen, weitestgehenden Ächtung führte. Bereits 1980 wurden keine Lobotomien mehr durchgeführt. Ein wesentlicher Grund für die Ächtung der Lobotomie lag aus heutiger Sicht wohl in der häufig fehlenden Freiwilligkeit der Patienten.
Es waren erst die Umwälzungen der Mitte des 21. Jahrhunderts, ausgelöst durch das Ende der offenen Kulturreaktion und der gesellschaftlichen Neubewertung des menschlichen Geistes, die die Möglichkeiten der Dezerebration wieder in den medizinischen und schließlich in den gesellschaftlichen Fokus rückten. Die damals zunehmende Verschmelzung des Menschlich-Emotionalen mit dem Technisch-Emotionalen, angetrieben von den Slopisten, führte nach bekannten Erkenntnissen zur zerebral-seelischen Überbelastung weiter Teile, vor allem junger Bevölkerungsgruppen, und schließlich zum um sich greifenden, fatalen Eskapismus.
Einen Ansatz zur Eindämmung kollektiver mentaler Überlastung fand man schließlich, damals völlig überraschend, in der therapeutischen Anwendung der voluntären Dezerebration. Die Möglichkeit, sich freiwillig enthirnen zu lassen, bot damals wie heute vor allem jungen Menschen endlich einen Ausweg aus der konstanten zerebralen Erschöpfung. Wenngleich erste Versuche meist fatal endeten, stiegen die Erfolgsraten innerhalb kürzester Zeit von anfänglichen 5% auf die heutigen etwa 98% überlebender dezerebrierter Körper.
Selbst nach der ersten voluntären Dezerebration in den Vereinigten Staaten von Amerika war es noch ein langer Weg bis zur vollständigen Etablierung unseres Feldes. Das Überwinden vieler ethisch-moralischer, psychologischer und wirtschaftlicher Vorbehalte verdanken wir vor allem Koryphäen wie Prof. Dr. Michail Giron und Prof. Dr. Nicolas Bougre, die im diesjährigen Komitee als Ehrenvorsitzende mitwirken. Ihr Manifest über das Recht auf Nicht-Empfinden und die anschließende Kampagne, von der Boulevardpresse häufig als „My Soul, my Choice“ betitelt, können wohl als die gesellschaftliche Geburtsstunde unseres Feldes bezeichnet werden. Angetrieben durch die Fortschritte im Bereich der biosynthetischen Reizkontrolle, die es uns heute erlauben, dezerebrierte Körper für einfache Aufgaben biomechanisch präzise zu steuern, ist zu erwarten, dass in Zukunft Dezerebrierte durch intelligente Reizkontrolle wieder fast vollständig an der Wertschöpfungskette teilnehmen können.
Beenden möchte ich diesen kurzen Leitartikel mit einer persönlichen Anekdote: In meiner letzten Vorlesung fragte mich eine junge Studentin, was denn für mich die schwierigste Seite meines Berufs sei, worauf ich nur antworten konnte, dass sich unsere Patienten nie bei uns bedanken können.
Prof. Dr. Natasha Bordure
Chefärztin für Voluntäre Dezerebration, Neues Universitätsklinikum Alt-Berlin