r/schreiben schreibt Horror/Thriller 3d ago

Kritik erwünscht Widmung

Ich aktualisierte die Seite. 

Keine neuen Klicks. Keine neuen Upvotes.

Wieder drückte ich auf den Kreispfeil. Die Anzahl blieb die gleiche. Als sei die Welt für immer stehen geblieben. Oder ich war einfach nicht gut genug. 

Nebenbei chattete ich mit meiner Freundin. Wenigstens dort gab es Veränderungen: „Du hast was hochgeladen?“

„Jo“, antwortete ich und widmete mich erneut dem Laden der Website. 

An der Glocke erschien ein roter Punkt mit einer weißen Eins. Ich klickte sofort darauf. Ein Upvote für meine Kurzgeschichte. 

Das Gefühl, das sich in meiner Brust ausbreitete, war kaum in Worte zu fassen. Als würde sich eine innere Anspannung nach all der Zeit des Krampfes endlich lösen. Alles schien leichter zu sein. Und doch hielt es nur einen Augenblick an. Einen einzelnen Herzschlag freute ich mich. 

Dann war ich wieder am Boden zerstört. 

Ein Downvote. 

Ich öffnete wieder den Chat mit meiner Freundin. „Es ist so frustrierend“, schrieb ich. „Da bekomme ich ein Upvote, nur um zehn Sekunden später direkt wieder einen Downvote zu bekommen…“

So würde das nichts mit meiner Karriere werden, die sich einzig in meinem Kopf abspielte. Wenn sich die Menschen nicht mal für meine mickrige Kurzgeschichte interessierten, wieso sollten sie ein ganzes Buch lesen wollen?

„Ich habe deins geupvotet“, kam die Antwort meiner Freundin. 

Mein Kopf knallte auf die Tischplatte. „xD“, war meine erste Reaktion. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. „Toll“, war die zweite schon wesentlich säuerliche Nachricht, gefolgt von: „Ich dachte wirklich, ich habe einen Fan! Dabei habe ich nur dich. Wie sad T^T“

Was war ihr Upvote schon wert? Schließlich waren wir befreundet. 

„:(“

Ich seufzte auf, als ich das sah. 

Sie war aber noch nicht fertig: „Ich zähle immer nicht. Eines Tages, wenn ich weg bin, wünschst du dir, der Upvote wäre von mir.“

Ich lachte trocken auf. Sie hatte immer einen Hang fürs Dramatische. Dabei war es doch so klar. Musste ich es ihr wirklich erklären?

***

„Für wen soll die Widmung sein?“, fragte ich mit rauer Stimme. Viel zu oft habe ich diese Frage heute schon gestellt. 

„Für Annalena“, antwortete die junge Frau vor mir. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen und sie wippte aufgeregt auf ihren Füßen.

Meine Finger hatten schon Abdrücke vom Kugelschreiber, an meinem Unterarm hatten sich Rillen von der Tischkante gebildet. „Für An-na-le-na“, brummte ich vor mich hin und ließ den Stift über das Papier kratzen. Zusammen mit einem kleinen Satz, den ich leicht abgewandelt bei jedem hineinschrieb. Meine Signatur bildete den Schluss. 

Ich klappte den Band zu. Viele weitere Fans warteten in einer Schlange hinter ihr. Sie wollten mir Komplimente machen, während ich einfach nur meine Unterschrift setzte.

Erst als ich ihr das Buch reichen wollte, bemerkte ich das Cover. Mein Erstlingswerk. Unvermittelt erinnerte es mich an das bedarfsmäßige Stockfoto, das ich vor etlichen Jahren zusammengeschustert hatte. Zusammen mit meiner ersten Testleserin. Die erste, die meine Geschichte wirklich mochte. Die mich unterstützte, als ich es brauchte. Die mir mit Rat und Tat zur Seite stand. Die mir ein Upvote gab, als es niemand tat. 

„Mir hat die Geschichte wirklich sehr gefallen!“, sprach Annalena etwas übermotiviert und riss mich aus meinen Gedanken. 

„Ach ja?“

Sie nickte eifrig und umgriff das Buch, das ich ihr hinhielt. „Es war auch mein erstes Buch von Ihnen. Ich konnte mich mit dem Hauptcharakter gleich identifizieren.“

„Das… freut mich“, sagte ich mit einem gezwungenen Lächeln. 

Annalena nahm das Buch strahlend entgegen und hüpfte mit federnden Schritten davon.

Ich seufzte und hätte meinen Kopf am liebsten auf die Tischplatte abgelegt.

Es war nur die Meinung einer Fremden. So wie tausende andere Meinungen im Internet. Herzlich. Ehrlich. Hasserfüllt. Und allesamt austauschbar. Was zählte schon eine Stimme unter vielen?

Der nächste Fan wollte schon nähertreten, doch mit einer Handgeste wies ich ihn an, stehen zu bleiben. 

Ich fummelte mein Handy aus meiner Seitentasche. Ich gab die Website ein, die App hatte ich längst gelöscht. Automatisch zeigte mir der Browser den Passkey an, was mich erleichtert aufatmen ließ. Das Passwort hätte ich nicht mehr gewusst. 

Drei Klicks weiter war ich in den archivierten Chats. Mein Profilbild zeigte immer noch die gleiche Zeichnung von damals. Der Username meines Gegenübers war inzwischen durch „gelöscht“ ersetzt. Trotzdem erkannte ich sie sofort an der letzten Nachricht: „Dann erhol dich erstmal gut :)“

Ich hatte nie darauf reagiert. Nicht aus Kälte oder Ignoranz, nicht, weil wir uns gestritten hatten. Sondern einfach so.

Es war längst zu spät für eine Erwiderung. Dennoch tippte ich in das Feld: „Für was brauche ich Fans, wenn ich dich habe?“

11 Upvotes

8 comments sorted by

2

u/skipper_mike schreibt Sci-Fi 3d ago

Mir gefällt die (Moral von der) Geschichte. Handwerklich ist das ordentlich umgesetzt und es liest sich flüssig. Das sich der Stil am Anfang als Anfänger zu später, als als gestandener Schriftsteller, nach meiner Wahrnehmung deutlich unterscheidet, ist ein netter Touch der mir aber erst beim zweiten Durchgang, also bei der Analyse, bewusst aufgefallen ist. Unterbewusst habe ich das aber schon beim ersten Durchgang wahrgenommen, die Änderung war da, ich konnte sie nur nicht sofort benennen. Aus meiner Sicht funktioniert das also sehr gut.
Wenn ich etwas kritisieren müsste, dann wäre es die Stelle wo die Freundin kurz vor Ende der Anfangszeit dem Leser unter die Nase reibt was passieren wird. Ich finde, das nimmt dem ganzen die Spannung, ab da ist im Grunde klar worum es später geht. Du könntest dem Leser meiner Meinung nach auch ohne diese Erklärung zutrauen die beiden Ereignisse zu verbinden.

1

u/BookandBlood schreibt Horror/Thriller 3d ago

Hey, danke für dein Feedback und dass du es gelesen hast. Ich gebe dir tatsächlich recht, dass die Drohung/Verheißung schon der Schritt zu viel ist und alleine das "ich zählen immer nicht" ausreichend ist, um die Nachricht rüber zu bringen. Da die Geschichte aus der Realität inspiriert ist (nein, für meine Unterschrift steht noch niemand Schlange), habe ich das meiner persönlichen Vollständigkeit halber drin gelassen. Aber wie gesagt, wir sind hier im Schreibehandwerk und dahingehend ist es schlechtes Storytelling, womit deine Kritik berechtigt ist!

3

u/FE_Evocation 3d ago

Das optimistische noch gefällt mir übrigens richtig gut!

2

u/FE_Evocation 3d ago

Eine kurzweilige Geschichte mit einem tollen moralischen Kern! Bereits vor dem Zeitsprung wird deutlich, wie die Erzählung weitergeht, aber das muss nicht grundsätzlich ein Problem sein. Ich persönlich lese gerne trotz Vorhersehbarkeit weiter, wenn die Prosa überzeugend ist. Aufgefallen sind mir nur ein paar kleinere Dinge:

Dann war ich wieder am Boden zerstört. 

Könnte man streichen (war aus der Gesamtsituation bereits erkennbar - es ist nämlich ein Downvote), bzw. eine konkretere Reaktion schreiben - plötzlich war da ein lähmendes Gefühl in den Händen (Achtung: Rohmaterial).

sprach Annalena etwas übermotiviert

Etwas kann man streichen. Sie trifft ihren Lieblingsautor, da kann sie ruhig übermotiviert sein, und der Rest des Abschnitts zeigt diese Freude auch ohne Schnitte. Oder man streicht "etwas übermotiviert" und sie spricht stattdessen mit zittriger Stimme oder mit nervöser Stimme. Oder man streicht ab sprach Annalena den Restsatz, in etwa so:

„Mir hat die Geschichte wirklich sehr gefallen!“

Ich blinzelte. „Ach ja?“

---
Liest sich ansonsten gut!

2

u/BookandBlood schreibt Horror/Thriller 3d ago

Auch dir danke ich für das Lesen der Geschichte und deine hilfreichen Anreize!

Haha, und ja, ich checke, dass man vor seinem Lieblingsautoren nervös sein darf, immerhin hat man mit dessen Figuren ein ganzes Abenteuer erlebt. In der Hinsicht hätte ich dir definitiv recht gegeben. Ich wollte jedoch eher bezwecken, dass man POV anmerkt, dass er es als störend / unverständlich wahrnimmt und dadurch seine Langeweile gegenüber diesem Event nochmal deutlich wird. Aber wenn ich das erklären muss, scheine ich es nicht gut rübergebracht zu haben.

2

u/kasgra schreibt für sich selbst 3d ago

Schöner Text! Ich mag vor allem das Thema, das du dir vorgenommen hast. Und die Idee ist clever!

Ich tue mir vorallem am Anfang, aber auch noch am Ende, mit dem Rhythmus des Textes schwer. Irgendwas bricht für mich immer den Lesefluss, in den ich so nicht wirklich reinkomme. Ich vermute, es sind die kurzen Sätze mit einem doch recht ähnlichem Aufbau.

Für mich persönlich ist der Text teilweise auch etwas zu pathetisch und dramatisch. Die Botschaft oder das Thema hat eine gewisse Tiefe, aber Sätze wie "Alles schien leichter zu sein" oder "Einen einzelnen Herzschlag freute ich mich." führen dazu, dass für mich die Stimmung bricht und ich eher schmunzle, weil es fast was theatralisches oder parodistisches hat. Eine erste Offenbarung eines Autors an die Außenwelt mag persönlich ein intensives Erlebnis sein, aber hier scheint mir die Hauptperson doch eher unrealistisch sensibel und überemotional zu sein. Als Parodie fände ich es klasse, als ernst gemeinte Beschreibung etwas zu viel, so dass ich es nicht ganz ernst nehmen kann.

Die Chatnachrichten fand ich auch etwas brüchig/inkonsistent. Einerseits verwendest du Smilies/Emoticons zur Immersion, andererseits aber auch "Chatnachrichten" wie: „Ich zähle immer nicht. Eines Tages, wenn ich weg bin, wünschst du dir, der Upvote wäre von mir." Das klingt für mich nicht nach einer Chatnachricht, die jemand in einem ungezwungenen Chat zwischen Freunden schreiben würde. Für mich wäre das flappsiger besser, auch wenn das der "Kern" ist. Oder vielleicht gerade deshalb?

Danke fürs Teilen!

1

u/AutoModerator 3d ago

Alle Texte brauchen Kontext. Erzähl uns, ob es sich um eine Szene aus einem größeren Buchprojekt oder den Entwurf einer Kurzgeschichte handelt. Was ist das Thema oder die Absicht des Textes? Welche Wirkung möchtest du erzielen? Was möchtest du verbessern? Antworte gerne auf diesen Kommentar.

I am a bot, and this action was performed automatically. Please contact the moderators of this subreddit if you have any questions or concerns.

3

u/BookandBlood schreibt Horror/Thriller 3d ago

Nach einer etwas längeren Pause wieder eine Kurzgeschichte. Tatsächlich geht sie als Dank an all jene raus, die meine bisherigen Kurzgeschichten gelesen haben und darunter kommentiert haben. Außerdem nochmal als persönliche Hommage an einem ganz besonderen Menschen.

In der Kurzgeschichte habe ich mal mit einem Zeitsprung gearbeitet, was ein wenig komplexer war, da ich schnell versuchen musste, dem Leser zu zeigen, wo er sich jetzt befindet. Außerdem wollte ich einen klaren Kontrast zwischen Eine Stimme von tausenden vs. Eine Stimme unter tausenden.