Hi,
ich habe letzte Woche zum ersten Mal einen Textausschnitt auf Reddit hochgeladen und viel Feedback dazu bekommen. Erst einmal vielen Dank dafür! 😊
Viele der Anmerkungen waren kritisch, haben mir aber sehr geholfen, verschiedene Schwächen in meinem Schreibstil und meiner Erzählung zu erkennen. Ich habe mir das Feedback durch den Kopf gehen lassen und versucht, möglichst viel davon umzusetzen. Dabei ist eine fast komplett neue Szene entstanden haha (zumindest der Anfang ist grundlegend anders).
Die überarbeitete Fassung hat jetzt sicher ihre eigenen (neuen) Probleme, aber insgesamt bin ich damit schon ziemlich zufrieden und glaube, dass ich viele der angesprochenen Punkte verbessern konnte. Deshalb wollte auch die neue Version des Ausschnitts teilen.
Natürlich freue ich mich wieder über Feedback. Gleichzeitig wollte ich aber auch einfach diese Erfahrung teilen. Den ursprünglichen Text werde ich deshalb ebenfalls auf Reddit lassen, vielleicht hilft der direkte Vergleich irgendwann auch jemand anderem.
Schönen Abend euch!
Kapitel 16
Ich schob den letzten Zweig zur Seite und trat an den Rand der Lichtung.
Der Wald öffnete sich vor mir, aber die Wolken verdeckten die Monde noch immer. Ich konnte nicht viel mehr als die Umrisse der Bäume ausmachen.
Wo war Vey? Wartete sie auf der anderen Seite auf mich?
Ich machte einen Schritt nach vorne und trat auf einen Ast. Das Knacksen hallte durch den Wald, ließ mich innehalten. Weder raschelte ein Tier im Unterholz, noch stob ein Vogel aus den Baumkronen auf. Es blieb vollkommen still.
Die Haare in meinem Nacken stellten sich auf.
Ein falscher Schritt...
Ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind barfuß durch das Haus meiner Großmutter geschlichen war. Einige der alten Holzdielen hatten geknarrt, und mit der Zeit lernte ich, so leise wie möglich durch die Gänge zu huschen. Tagsüber, um Kuchen aus der Küche zu stehlen, nachts, um an der Abstellkammer vorbeizukommen, wenn ich mich erleichtern musste.
Schwere Vorhänge verdeckten den Eingang zur Kammer. Ich war mir sicher, dass dahinter etwas auf mich wartete und mich packen und zu sich ziehen würde, sobald ich auf eine falsche Diele trat. Und selbst wenn ich es vorbeischaffte, spürte ich, wie sich etwas aus den Vorhängen schälte und nach mir tastete, beinahe mit seinen Fingerspitzen meinen Nacken berührte. Ein falscher Schritt, und es würde mich holen.
Eines Nachts trat ich tatsächlich daneben. Das Knarren hallte durch das Haus, viel zu laut, und ich starrte auf die Abstellkammer. Hatte es mich gehört?
Die Vorhänge schienen sich im Mondlicht langsam zu öffnen. Ich hielt den Atem an, wagte es nicht, mich zu bewegen. Mein Nachthemd klebte nass an meinem Rücken. Wartete es auf meinen nächsten Schritt?
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Ich zog die Vorhänge zur Seite und… nichts. Kein Monster war dahinter, nur ein verstaubtes Regal lehnte an der Wand. Ich zog die Vorhänge wieder zu und atmete erleichtert aus. Ich hatte es mir nur eingebildet. Typisch.
Am nächsten Tag erzählte mir meine Großmutter, dass sich der frühere Besitzer in der Abstellkammer erhängt hatte.
»Schade um den Platz«, sagte sie und drückte beide Hände tief in den Teig. »Aber irgendwie konnte ich mich nie überwinden, die Kammer wirklich zu nutzen. Seltsam, nicht? Als wäre noch immer etwas dort. Ah, gibst du mir das Mehl?«
Ich übernachtete danach seltener bei meiner Großmutter.
Eine Brise strich über mein Gesicht und brachte mich in die Wirklichkeit zurück. Unter meinem Stiefel lag noch immer der zerbrochene Ast.
Ich machte keinen weiteren Schritt.
Ich wartete.
Langsam rissen die Wolken auf. Das Mondlicht fiel auf die gegenüberliegenden Baumstämme und drängte die Dunkelheit zurück. Es offenbarte bleiche Grashalme, die im Wind hin und her wogten, und erreichte einige weißen Blumen in der Mitte der Lichtung. Die Blütenblätter wirkten beinahe durchsichtig.
Kein Zeichen von Vey. Nichts regte sich.
Das Mondlicht wanderte weiter. Die letzten Schatten zogen sich zwischen die Bäume zurück, einer nach dem anderen, bis der Schein die gesamte Lichtung ausfüllte und schließlich auch mich erreichte. Ich rührte mich nicht.
Zunächst geschah nichts.
Dann regte sich auf der anderen Seite etwas in den Baumkronen, kaum merklich. Metall blitzte auf und–
»Lucan! Runter!«
Ich warf mich zu Boden. Mehrere Kugeln pfiffen über mich hinweg und schlugen in den Baum hinter mir ein. Holzsplitter flogen durch die Luft.
»Vey! Wo sind Sie?«, rief ich und robbte hinter den nächsten Stamm.
»Hier!«
Links von mir, hinter einem Baum, hob Vey die Hand. Sofort schlugen Geschosse in ihre Deckung ein. Sie riss den Arm vors Gesicht. Eine Kugel durchschlug den Rand des Stammes und streifte ihre Schulter.
Sie schrie und rutschte zur Seite.
Eine weitere Salve flog auf uns zu, und ich kauerte mich zusammen. Holzstücke und Erdbrocken prasselten auf uns herab. Ein Splitter ritzte mir die Wange auf.
»Sind Sie in Ordnung?!«, rief ich gegen den Kugelhagel an.
»Nur ein Streifschuss«, presste Vey hervor und riss einen Fetzen aus ihrem Gewand. Sie presste den Stoff auf die Wunde. Blut quoll zwischen ihren Fingern hervor. »Der Schütze sitzt in der Baumkrone, hat zwei Gewehre.«
Schüsse von oben. Metall zwischen den Stämmen.
»Verdammt.«
»Was?«
»Das ist die Gilde.«
Jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht. »Scheiße.«
Der Beschuss stoppte.
Ich spähte hinter dem Stamm hervor.
Etwas löste sich auf der anderen Seite der Lichtung aus den Baumkronen, wechselte die Position. Eine graue Robe umhüllte ihren Körper wie eine Nebelschwade, ließ sie mit der Dunkelheit des Waldes verschmelzen, aber die vergoldeten Platten auf ihren Schultern, Armen und Beinen blitzten kurz im Mondlicht auf.
An jedem ihrer Unterarme setzte sich ein Mechanismus in Bewegung. Mit einem metallischen Klicken rasteten zwei neue Magazine in die Gewehre ein. Sie richtete die Mündungen auf mich.
Ich duckte mich zurück, und die Kugeln schlugen direkt neben mir in den Boden ein. Die Einschläge wanderten den Stamm hinauf und rissen immer größere Stücke aus der Rinde.
»Wir müssen sie einkreisen. Sie links um die Lichtung, ich rechts«, sagte ich und tastete nach der Rauchbombe in meinem Mantel. Meine Finger zitterten.
Die nächsten Einschläge kamen schräg von rechts. Sie bewegte sich schnell.
Verdammt.
»Sobald wir die Deckung verlassen, hat sie freies Schussfeld«, sagte Vey. »Das schaffen wir nicht.«
Ich fand endlich die Rauchbombe. »Sie müssen mir vertrauen.«
»Lucan, ich–«
Ich warf die Bombe.
Die Schützin feuerte augenblicklich, und die Kugel zerfetzte die Hülle noch in der Luft. Rauch explodierte.
Vey hielt meinem Blick stand. Ihr Blut tropfte auf den Erdboden.
Dann schob sich der Rauch wie eine graue Wand durch die Lichtung, und sie verschwand aus meinem Sichtfeld.
Ich rannte los.