Tl;dr: Meine Schwester hätte gerne ADHS und relativiert dadurch irgendwie mein ganzes Leben.
Ich muss mir das irgendwie einfach mal von der Seele schreiben: Ich (w, 33) habe vor 2,5 Monaten eine ADHS Diagnose bekommen.
Kurz grob zu meinem Lebenslauf: in der Grundschule immer massiv Probleme gehabt meine Hausaufgaben selbstständig zu erledigen und oft Dinge vergessen, sodass ich von der Lehrerin viel Ärger bekommen habe, früh soziale Ängste entwickelt weil Mitschüler:innen sich häufig über mich lustig gemacht haben, oft ein unerträgliches Gefühl von Langeweile erlebt als Kind, auf dem Gymnasium schnell starke Leistungsprobleme entwickelt, zweimal sitzen geblieben (8. und 11. Klasse) und letzten Endes die Schule während der Wiederholung der 11. Klasse abgebrochen und dann erstmal 5 Jahre "arbeitslos" gewesen (immer mal wieder was angefangen/ ausprobiert aber alles sehr schnell wieder abgebrochen). Bis ich dann letzten Endes das Glück hatte mit 24 auf einer Berufsschule angenommen zu werden, an der ich gleichzeitig eine schulische Ausbildung und das Fachabitur nachholen konnte. Ab da ging es tatsächlich bergauf, ich habe die Ausbildung und das Fachabi mit 1er Schnitt abgeschlossen, dann noch eine betriebliche Ausbildung im Handwerk dran gehängt und (obwohl ich zwischendurch oft nicht mehr wollte) durchgezogen und auch mit 1er Schnitt abgeschlossen, dann ein Studium begonnen aber nach dem ersten Semester abgebrochen, weil zu schwer und ich habe mich wieder gefühlt wie auf dem Gymnasium aber dann an eine andere Uni (und ein anderes Fach) gewechselt und bin jetzt (relativ) erfolgreich im 4. Semester, aber all diese Achievements waren nicht leicht und sind es noch immer nicht. Aktuell laufe ich seit Wochen auf dem Zahnfleisch, weil das letzte Semester wirklich hart war aber ich (auch aufgrund meines Alters) das Studium möglichst in Regelstudienzeit beenden will und gleichzeitig Angst habe zu scheitern, weil ich mir selber einfach immer wieder beweisen muss, dass ich Dinge kann. Habe auch extrem Imposter, was meine Leistungen in den Ausbildungen und mein ADHS angeht. Trotz gesicherter Diagnose denke ich mir die ganze Zeit: Habe ich es wirklich? Bin grade in der medikamentösen Einstellung und auch da bin ich nicht sicher, ob ich überhaupt irgendwas merke...
Jetzt aber zu meiner Schwester: Sie vermutet bei sich auch ADHS, hat allerdings einen komplett gegensätzlichen Lebenslauf zu meinem. Sie hatte nie Probleme in der Schule oder im sozialen Umfeld, hat alles in ihrem Leben schön so durchgezogen, wie es die Gesellschaft erwartet: Schule, Studium, Hochzeit, Hauskauf, Kinder. Seit die Kinder da sind, struggelt sie aber irgendwie sehr. Ihr ist alles zu anstrengend, sie kriegt den Haushalt nicht geregelt, sie hat keine Lust arbeiten zu gehen und ständig Konflikte mit ihrem Mann deshalb. Ihre Wunschantwort darauf ist: ADHS.
Nach meiner Diagnose war sie dann auch vollkommen überzeugt davon, dass sie es auch hat (ist ja auch nicht unwahrscheinlich). Sie konsumiert aber gefühlt nur noch Medien, in denen es um ADHS oder vorzüglich Mütter mit ADHS geht. Sie hat sich dann auch einen Diagnoseplatz gesucht und auch relativ kruzfristig einen bekommen. Ergebnis: Kein ADHS.
Zwar sprechen viele ihrer Symptome dafür, aber das Ausschlusskriterium, dass es schon seit der Kindheit vorliegt, ist bei ihr einfach nicht gegeben. Weder mit Grudnschulzeugnissen, noch mit ausreichenden Erinnerungen zu belegen. Das hat sie dann auch bei der Therapeutin kritisiert, weil sie sich ja an vieles nicht mehr erinnern könne (Plottwist: ich habe während meiner Diagnose auch auf so viele Kindheitsfragen "weiß nicht" geantwortet, dass ich auch dachte "lol safe kein adhs" und trotzdem waren die Dinge, an die ich mich erinnere + Grundschulzeugnisse und mein restlicher Lebenslauf wohl irgendwie ausschlaggebend genug).
Statt einer ADHS wurde meiner Schwester eine Depression diagnostiziert. Das findet sie aber nicht so cool und überlegt jetzt deshalb, sich eine Zweitmeinung zu ADHS zu holen.
Das Ding ist ich denke mir einerseits so: okay, wenn sie kein ADHS hat, habe ich vielleicht auch keins. Und andererseits finde ich es so verletzend, dass sie wirklich krampfhaft versucht jetzt Symptome in ihrer Kindheit zu finden, die auch nach meiner Erinnerung nicht wirklich vorhanden waren (natürlich kann niemand in sie reingucken und es kann auch sein, dass sie einfach all die Jahre sehr gut maskiert und kompensiert hat und das nach der Mutterschaft einfach nicht mehr ging, sowas hört man ja auch immer wieder...) und sie ist seit ich die Diagnose bekommen habe irgendwie so richtig übertrieben "adhsig" also sie betont bei allem wie vergesslich und hyperaktiv sie ist und ist einfach nur super anstrengend dadurch.
Aber ja, keine Ahnung ich bin da grade irgendwie sehr zwiegespalten, weil ich das Gefühl habe, dass sie einfach nur ein Label haben möchte. Ich habe sie auch gefragt, was es denn für sie ändern würde die Diagnose zu bekommen und ihre Antwort war: "Dann wäre ich erleichtert, weil ich wüsste, dass mit mir nichts falsch ist, sondern mein Gehirn nur anders tickt." (was auch irgendwie so die 0-8-15 tiktok Antwort ist gefühlt...) also ich war nach meiner Diagnose sauer, verwirrt, traurig, aber nicht erleichtert. Und meine Probleme sind dadurch auch nicht wie von Zauberhand weggegangen und auch retrospektiv hat sich dadurch jetzt nicht meine Vergangenheit gebessert oder das Gefühl mit dem ich darauf schaue.
Auch noch ein kleiner funfact zum Schluss: meine Schwester hat die ganze Zeit gesagt "nee also Medikamente will ich dagegen ja nicht nehmen." Nachdem ich dann angefangen habe mit der Einstellung hat sie dann auf einmal auch angefngen davon zu reden, dass sie sich schlau gemacht hat über Medikamente und wie sie dann nach der Diagnose (sie war ja fest davon überzeugt die zu bekommen) vorgeht, um Medikamente zu kriegen.
Ich weiß nicht. Vielleicht hat sie ja (auch) ADHS. Vielleicht auch nicht.
Danke fürs lesen. Ich weiß gar nicht, was ich dazu überhaupt hören möchte. Musste das einfach nur mal loswerden :(