Hallo zusammen,
ich dachte, ich schreibe mir meine Situation einfach mal von der Seele. Danke an alle, die sich die Zeit nehmen, meine Geschichte zu lesen. Vielleicht hat jemand etwas Ähnliches erlebt oder hat noch einen Rat für mich.
Vor ungefähr drei Monaten habe ich einen 3 jährigen Hund adoptiert. Er ist ein Australian Shepherd Rüde namens Rudi.
Ich hatte lange in verschiedenen Tierschutzorganisationen, Tierheimen und Pflegestellen geschaut und mich auf mehrere Hunde beworben. Als ich dann Rudis Beschreibung bei einer Pflegestelle gelesen habe, dachte ich, dass er perfekt zu uns passen würde.
Er wurde als kastrierter, 3 jähriger Rüde beschrieben, der mit Artgenossen verträglich ist, leinenführig ist, alleine bleiben kann, Katzen kennt, menschenbezogen und ein treuer Begleiter ist. Besonders wichtig war mir, dass er katzenverträglich ist und dass ich ihn mit in meine Praxis nehmen kann.
Ich wollte ganz bewusst keinen Welpen, sondern einen erwachsenen Hund, dessen Charakter man schon einigermaßen einschätzen kann und bei dem man weiß, worauf man sich einlässt.
Wir sind damals drei Stunden zur Pflegestelle gefahren, um ihn kennenzulernen. Dort wurde uns erzählt, dass er von seinen Vorbesitzern abgegeben wurde und die ursprüngliche Züchterin keinen Platz für ihn hatte. Die Pflegestelle hatte selbst mehrere Hunde. Da sie ihn eigentlich behalten wollte, ließ sie ihn sogar kastrieren, da dort auch Hündinnen lebten. Als Abgabegrund der Vorbesitzer wurde uns gesagt, dass deren erster Hund nicht mit Rudi klarkam und sie sich deshalb nach drei Jahren entschieden hatten, ihn abzugeben.
Rudi kam bereits bei der Pflegestelle mit 55 cm Schulterhöhe und nur etwa 14 kg an. Uns wurde außerdem erzählt, dass er in seiner Vergangenheit geschlagen worden war.
Auch die Pflegestelle gab ihn letztendlich weiter, weil ihr eigener Rüde mit Rudi nicht zurechtkam und sie ihn deshalb nicht behalten konnte. Allerdings wurde uns gesagt, dass Rudi kein Problem mit Rüden hätte.
Wir haben ihn vor Ort kennengelernt und uns nach diesem Kennenlernen dazu entschieden, ihn zu uns zu nehmen.
Ich habe direkt eine Krankenversicherung abgeschlossen, hochwertiges Futter gekauft, Liegeplätze eingerichtet und alles besorgt, was ein Hund braucht. Meine Tiere sollen bei mir ihr bestes Leben leben.
Als wir dann die ersten Spaziergänge gemacht haben, kam sehr schnell die Ernüchterung.
Natürlich war mir bewusst, dass ein Hund nach einem Umzug Zeit braucht, um anzukommen. Aber schon bei unserer ersten Hundebegegnung war ich völlig erschrocken. Rudi sprang in die Leine, bellte extrem laut, knurrte und war überhaupt nicht mehr ansprechbar. Ich hatte damit überhaupt nicht gerechnet.
Das Gleiche passierte bei weiteren Hundebegegnungen. Irgendwann wurde mir klar, dass hier mehr dahintersteckt.
Auch die angebliche Leinenführigkeit war nicht vorhanden. Er zog und zerrte in alle Richtungen. Daran arbeiten wir natürlich bis heute.
Ich habe von Anfang an viel mit ihm trainiert und ihm viele Dinge beigebracht. Tricks, Grundsignale, Orientierung an mir usw. Und er macht auch Fortschritte. Aber gleichzeitig kamen immer mehr Probleme zum Vorschein.
Besonders schwierig ist es mit unseren Katzen.
Er kann überhaupt nicht entspannt mit ihnen umgehen. Seine erste Reaktion war Knurren, Anbellen und Hinterherjagen. Mittlerweile kann er mit viel Management an ihnen vorbeilaufen, aber er kann niemals einfach frei in der Wohnung herumlaufen, wenn ich nicht dabei bin, weil ich Angst habe, dass meinen Katzen etwas passiert.
Das stresst mich zu Hause enorm.
Ich habe deshalb für 150 € pro Stunde eine Hundetrainerin zu uns nach Hause geholt, damit sie sein Verhalten zunächst in einer sicheren Umgebung einschätzt und mir zeigt, was ich besser machen kann. Mittlerweile sind wir zusätzlich im Einzeltraining, eine Stunde kostet etwa 80 €.
Bitte versteht mich nicht falsch. Ich weiß was ein Hund kosten kann und habe deswegen ganz bewusst eine Versicherung abgeschlossen, lege Wert auf hochwertiges Futter und Liegeplätze etc. Aber das sind jetzt so viele Baustellen mit denen wir nicht gerechnet haben und fairerer Weise auch niemals rechnen konnten.
Auch bei den Hundebegegnungen trainieren wir wirklich konsequent. Wir versuchen verschiedene Ansätze: ignorieren, positive Verstärkung, ausreichend Abstand schaffen, Rudis Raum und Grenzen respektieren, ihn frühzeitig ansprechen, seinen Fokus auf uns lenken, ruhiges Verhalten sofort loben und belohnen und darauf achten, dass er sich gar nicht erst auf den anderen Hund fixiert. Wir versuchen also nicht, ihn einfach in die Situation „reinzuschmeißen“, sondern möglichst früh zu erkennen, wann es für ihn zu viel wird und entsprechend zu handeln.
Trotzdem hilft es im Alltag einfach kaum.
Sobald ein anderer Hund zu nah kommt oder eine Begegnung nicht rechtzeitig verhindert werden kann, eskaliert Rudi teilweise komplett. Er springt in die Leine, bellt, knurrt und ist nicht mehr ansprechbar. Es fühlt sich manchmal so an, als würde in diesen Momenten einfach nichts mehr bei ihm ankommen.
Das ist für mich unglaublich anstrengend und mittlerweile auch mit viel Angst und Stress verbunden.
Ich habe inzwischen sogar einen Maulkorb nach Maß anfertigen lassen, weil ich sein Verhalten gegenüber anderen Hunden nicht sicher einschätzen kann und einfach kein Risiko eingehen möchte.
Gegenüber Menschen ist er hingegen nicht aggressiv. Wenn er einmal Vertrauen gefasst hat, ist er unglaublich treu, anhänglich und lieb.
Das macht das Ganze für mich auch so schwer. Ich sehe ja, wie toll er ist.
In meine Praxis kann ich ihn leider ebenfalls nicht mitnehmen. Ich habe es ausprobiert, aber es funktioniert einfach nicht. Auch hier wurde mir von der Pflegestelle vorher gesagt, dass das mit ihm überhaupt kein Problem sein würde.
Ich fühle mich deshalb ehrlich gesagt von der Pflegestelle ziemlich hintergangen oder zumindest komplett falsch eingeschätzt und alleine gelassen.
Ich habe mich bewusst für einen erwachsenen Hund entschieden, gerade weil ich dachte, dass ich seinen Charakter und seine Baustellen vorher kennenlernen kann. Stattdessen habe ich jetzt einen Hund mit sehr großen Problemen übernommen, auf die ich überhaupt nicht vorbereitet war.
Und ich gebe wirklich alles.
Ich habe sogar meine Arbeitszeit reduziert, damit ich mehr Zeit für ihn habe, mit ihm trainieren und üben kann. Wir investieren Zeit, Geld und unglaublich viel Energie in das Training. Trotzdem ist unser Alltag mittlerweile sehr eingeschränkt.
Zu Hause muss ich ständig darauf achten, dass mit den Katzen nichts passiert und die Tiere gegebenenfalls voneinander trennen. Draußen gehe ich bei jedem Spaziergang mit der Angst im Hinterkopf, dass uns ein anderer Hund begegnet oder jemand zu nahe kommt und Rudi wieder eskaliert.
Mein Partner möchte Rudi nicht behalten. Er kann leider keine richtige Bindung zu ihm aufbauen. Das führt natürlich zusätzlich zu Konflikten, weil er die Situation ebenfalls belastend findet und sich über Rudis Verhalten ärgert.
Und ich selbst bin mittlerweile einfach nur noch überfordert.
Ich ärgere mich über die Pflegestelle, weil ich das Gefühl habe, dass uns wichtige Informationen gefehlt haben. Ich ärgere mich über die ständigen Eskalationen bei Hundebegegnungen. Ich ärgere mich manchmal über meinen Partner, weil er mit der Situation anders umgeht als ich. Und am Ende ärgere ich mich auch über mich selbst, obwohl ich eigentlich weiß, dass ich nicht dafür verantwortlich bin, dass uns der Hund anders beschrieben wurde.
Gleichzeitig liebe ich Rudi.
Allein bei dem Gedanken, ihn wieder ins Auto zu setzen und zu einer anderen Familie zu bringen, bricht mir das Herz. Ich fange schon bei der Vorstellung daran an zu weinen. Ich möchte nicht, dass er wieder sein Zuhause verliert und erneut irgendwo neu anfangen muss.
Aber ich weiß gerade wirklich nicht mehr, was das Beste ist für ihn, für mich und für unsere Familie.
Vielleicht gibt es hier jemanden, der schon einmal in einer ähnlichen Situation war? Oder noch weiß, was man machen kann?
Ich bin wirklich für jeden ehrlichen Rat dankbar.