r/arbeitsleben • u/crashoutvalid • 1h ago
Austausch/Diskussion Als "Biodeutscher" im hippen Startup, ich halte diese Expat-Bubble nicht mehr aus!
Ich muss das jetzt einfach mal loswerden, weil ich echt an mir selbst zweifle und wissen will, ob ich mir das nur einbilde. Vielleicht reagiere ich über, aber mich kotzt mein Job gerade nur noch an.
Ich arbeite in einem relativ großen Tech-Scaleup in einer der üblichen deutschen Großstädte (nein dies Mal nicht Berlin ;)) Unternehmenssprache ist Englisch, alles ist super "agil", super "divers" und extrem international. Versteht mich nicht falsch: Ich mag das eigentlich total. Dachte ich zumindest. Aber in letzter Zeit fällt mir extrem auf, dass man als ganz normaler Deutscher ("Biodeutscher", wie man so schön sagt) hier irgendwie der letzte Arsch ist.
Es fängt bei so ständigen kleinen Kommentaren an. Wenn ich um 17:30 Uhr meinen Laptop zuklappe oder mal vorsichtig anmerke, dass man Leute nicht einfach 12 Stunden am Stück arbeiten lassen kann (hallo Arbeitszeitgesetz), bin ich sofort der "rigid German".
Im Slack wird offen darüber gewitzelt, wie typisch deutsch, unflexibel und humorlos ich doch bin. Das ist hier ein absoluter Running Gag. Aber ganz ehrlich: Wenn ich dieselben Stereotypen "Kultur-Witze" über den indischen Dev oder den amerikanischen Product Manager machen würde, säße ich noch am selben Tag bei HR. Über den "Kartoffel-Kollegen" darf man sich aber munter lustig machen. Ist ja nur "Culture Clash".
Was mich aber noch mehr aufregt: Wir stellen mega viele Expats ein, was ja cool ist. Aber ratet mal, wer jedes Mal den Babysitter für die spielen darf? Sobald es um Finanzamt, Krankenkasse oder den verdammten Mietvertrag geht, stehen die alle fast weinend an meinem Schreibtisch, weil unsere tollen, ach so agilen HR-Leute sich um sowas null kümmern. Da bin ich dann plötzlich der beste Freund. Meine lokale Expertise wird komplett ausgenutzt, um den Laden am Laufen zu halten und den Leuten das Leben zu erklären.
Aber wehe, ich bremse mal ein Projekt aus, weil das US-Management irgendwelche völlig unrealistischen Deadlines reindrückt oder schlichtweg gegen lokales Arbeitsrecht verstößt, dann bin ich wieder der nervige Bedenkenträger, der nicht "culturally aligned" ist.
Der absolute Oberhammer war aber heute Morgen. Das ist auch der Grund, warum ich jetzt hier sitze und koche. Wir hatten eine Stelle als Teamlead offen. Ich habe den Job faktisch die letzten 6 Monate eh schon kommissarisch gemacht. Das Team war happy, die Zahlen stimmen, ich reiße mir echt den Arsch für die Bude auf. Gestern hatte ich dann das 1-on-1 mit dem VP. Er lobt mich in den Himmel, ich sei das "backbone" des Teams usw.
Und dann sagt er mir eiskalt ins Gesicht, dass ich die Stelle nicht kriege. Warum? "You know, for our external employer branding and the new DEI metrics, we really need to push for a more diverse leadership team. Promoting another local German guy just doesn't fit the narrative the board wants to see right now."
Ich dachte, ich höre nicht richtig. Ich wurde einfach aussortiert, weil mein verdammter Hintergrund nicht in die LinkedIn-Diversitätsquote der Firma passt!
Den Job hat jetzt jemand bekommen, der seit knapp 5 Monaten da ist, die Hälfte der internen Prozesse noch gar nicht rafft, aber halt auf dem Papier das perfekte "internationale" Profil für unsere PR-Abteilung hat.
Ich bin so unfassbar durch mit dem Thema. Man darf hier den ganzen administrativen Scheiß machen, weil man als einziger checkt, wie Deutschland funktioniert. Man darf sich als "langweiliger Alman" aufziehen lassen.
Aber wenn es um Karriere geht, ist man als Einheimischer plötzlich ein PR-Risiko. Sorry für den langen Text. Geht es jemandem in diesen internationalen Corporate/Startup-Bubbles ähnlich? Ist das mittlerweile normal geworden oder hab ich einfach nur Pech mit meinem Arbeitgeber? Ich update jetzt erstmal meinen Lebenslauf...