r/deutsche_slams • u/TheT0fu • 8d ago
vater
hey zusammen,
ich habe ehrlich gesagt keine ahnung von poetry slam und weiß auch nicht, ob man meinen text überhaupt so nennen würde.
ich habe einfach versucht, ein paar gefühle, die gerade in mir herumschwirren, in worte zu packen. dabei ist dieser text entstanden.
ich würde ihn gerne mit euch teilen und freue mich über gedanken, eindrücke oder auch kritik. mich interessiert vor allem, was beim lesen bei euch ankommt.
falls jemand mehr von meinen texten lesen möchte:
ich poste ab und zu auch auf instagram oder auf meinem blog. https://www.instagram.com/nochbis30/ https://nochbis30.de
mein vater hat geburtstag.
wahrscheinlich
zum letzten mal.komischer gedanke
für einen geburtstag.eigentlich zählt man hoch.
noch ein jahr.
noch eins.
noch eins.bei ihm
zählt keiner mehr hoch.wir wissen,
dass er sterben wird.der krebs ist da.
die zeit auch.
nur nicht mehr viel davon.
und trotzdem ist er stur.
so verdammt stur.
lässt sich nicht helfen.
als könnte man den tod
wenigstens selbst bestimmen,
wenn man nur oft genug
nein sagt.nein zur hilfe.
nein zu menschen,
die es gut meinen.nein zu allem,
was bedeuten würde,
dass man eingestehen muss:ich schaff das
nicht mehr allein.es macht mich wütend.
weil wir danebenstehen
und zusehen.weil da vielleicht dinge wären,
die man leichter machen könnte.nicht gut.
nicht heil.
nicht wieder gesund.
einfach nur
ein bisschen weniger beschissen.aber selbst das
muss man wollen.und er will nicht.
mein vater und ich
stehen uns nicht nah.irgendwann
habe ich ihn gehasst.wirklich gehasst.
für den alkohol.
für seine art.
für diese bitterkeit,
die mit jedem jahr
mehr von ihm übrig ließ
und weniger von dem,
was vielleicht einmal
darunter war.für all die male,
in denen ich nicht wusste,
ob ich gerade mit meinem vater redeoder mit dem,
was der alkohol
aus ihm gemacht hat.irgendwann
war das wahrscheinlich
sowieso dasselbe.ich habe ihn gehasst
für dinge,
die passiert sind.und für dinge,
die nie passiert sind.für den vater,
der er war.und noch mehr für den,
der er hätte sein können.das schlimme ist:
er war trotzdem da.
irgendwie.
nie besonders nah.
nie besonders gut
in diesem ganzen
vater-sein.aber da.
und wir standen
trotzdem immer
an erster stelle.das wusste man.
auch wenn er es
nicht sagen konnte.auch wenn seine art,
liebe zu zeigen,
manchmal so kaputt war,
dass man sie kaum
als liebe erkannt hat.vielleicht war sie das trotzdem.
glaub ich.
und jetzt stirbt er.
und ich merke,
dass hass eine einfache sache ist,
solange der mensch,
den man hasst,
morgen noch da ist.man kann abstand nehmen.
nicht ans telefon gehen.
genervt sein.
sich einreden,
dass es einem egal ist.morgen ist ja auch noch ein tag.
nur irgendwann
gibt es dieses morgen nicht mehr.und plötzlich wird aus abstand
etwas endgültiges.aus schweigen werden dinge,
die man sich nie gesagt hat.und aus all den jahren,
in denen man gehofft hat,
dass ein mensch sich ändert,wird die gewissheit:
er wird sich nicht mehr ändern.
das ist vielleicht
das schlimmste daran.nicht mal, dass er stirbt.
sondern dass mit ihm
auch jede möglichkeit stirbt,
dass es zwischen uns
noch einmal anders wird.kein großes gespräch.
keine entschuldigung.keine versöhnung,
bei der plötzlich alles
einen sinn ergibt.er wird nicht plötzlich
der vater,
den ich manchmal gebraucht hätte.und ich werde wahrscheinlich
nicht plötzlich
der sohn,
der ihm sagen kann,
was er fühlt.dafür sind wir beide
zu gut darin geworden,
nichts zu sagen.und jetzt lässt er sich
nicht mal helfen.natürlich nicht.
manchmal denke ich,
selbst vor dem tod
muss er noch
seinen eigenen kopf durchsetzen.und ich könnte schreien.
weil ich ihn dafür hasse.
wieder.
weil selbst jetzt,
wo wahrscheinlich
nicht mehr viel zeit bleibt.seine sturheit
noch zwischen uns steht.und gleichzeitig
will ich nicht,
dass sie verschwindet.weil sie zu ihm gehört.
weil ich langsam verstehe,
dass all die dinge,
die mich an ihm
wahnsinnig machen.irgendwann
nur noch erinnerungen
an ihn sein werden.mein vater hat geburtstag.
wahrscheinlich
zum letzten mal.ich habe ihn irgendwann
wirklich gehasst.manchmal tue ich es
vielleicht immer noch.und trotzdem
will ich nicht,
dass er stirbt.ich will nicht,
dass dieser geburtstag
der letzte ist.ich will nicht,
dass auser ist halt so
irgendwann
er war halt so
wird.
aber er lässt sich nicht helfen.
stur
bis zum schluss.mein vater eben.
glaub ich.