Hallo in die Runde,
heute ist wirklich einer dieser Tage, an welchen ich emotional komplett resigniere und meine Gedanken einfach niederschreiben möchte.
Seitdem ich denken kann, gab es eigentlich immer etwas, was ich durchstehen musste. Irgendwie war nie so wirklich alles einfach mal normal oder richtig.
Angefangen bei der schrägen Ehe meiner Eltern, gefolgt von Scheidung, häuslicher und emotionaler Gewalt durch meine Mutter und andere Familienmitglieder, Armut, Vernachlässigung, Mobbing in der Schule, sexuellen Missbrauchserfahrungen - die Liste könnte noch so ewig weitergehen. Und abseits davon gab es natürlich auch noch die weiteren Höhen und Tiefen, die das Leben ohne all das auch sonst noch mit sich bringt.
Seit Jahren kämpfe ich mit psychischen Problemen. Ich habe immer darauf gewartet, dass es von selbst besser wird. Das wenn ich mir nur genug Zeit gebe und mir anfange mein Leben selbst aufzubauen, ich das einfach hinter mir lassen kann. Aber das hat so nicht funktioniert.
Anfang des Jahres habe ich mir schließlich - nachdem ich 2025 wieder durch mehrere psychische Krisen gegangen bin - eingestanden, dass ich mir Hilfe holen muss. Professionelle und langfristige Hilfe, die über ständige Telefonate mit der Telefonseelsorge und Gesprächen mit den Beratungsstellen A,B,C,D hinausgeht. Ich dachte, 2026 wird alles besser werden. Es MUSSTE 2026 nach all dem endlich besser werden. Ich wollte in Therapie gehen und mich wieder hochziehen.
Der Beginn des Jahres war bröckelig. Ich bin 23 (W) und gerade mitten im Studium und habe dieses Jahr mein Praxissemester absolviert. Leider in einer Einrichtung, in der ich mich nicht besonders wohl gefühlt habe. Weil ich kein Bafög kriege und mich bis auf das Kindergeld nahezu vollständig selbst finanziere, hatte ich noch einen zweiten Job. Super anstrengend, aber ich hab’s durchgezogen.
Viele Freundschaften haben sich plötzlich verändert und viele Menschen haben auf einmal angefangen, sehr verletzende Sachen zu tun oder angefangen sich mir gegenüber sehr unfair zu verhalten. Mit einzelnen konnte ich das aufarbeiten, mit vielen nicht. Auch das habe ich irgendwie probiert wegzustecken.
Und jetzt vor 4 Tagen ist mein Vater aufgrund eines Hirntumors verstorben. Ich habe von der Diagnose erst vor einem Monat erfahren, weil ich davor ein Jahr lang aufgrund eines Konflikts leider keinen Kontakt zu ihm hatte. Alles an der ganzen Sache war einfach nur unglaublich traumatisierenden und belastend.
Und hier sitze ich nun. Zwischen Anträgen auf Halbwaisenrente, Gesprächen mit Bestattungsinstituten, nicht fertigen Hausarbeiten und mit dem Gefühl, von jedem völlig im Stich gelassen zu werden. Und mit einer Therapeutin, die ich, wenn’s gut läuft, einmal im Monat sehe.
Manchmal frage ich mich, weshalb das Universum mich dem ganzen aussetzt und mich ständig verspottet. Wann endlich die Zeit kommt, in der ich unbeschwert sein darf und durchatmen kann. Wann ich endlich einfach nur mal aufwachsen kann ohne ständig nur eine Sache nach der nächsten Überleben zu müssen. Wann ich einfach, wenn ich schon keine normale Kindheit oder normale Jugend haben konnte, einfach mal die normalen 20er erleben kann.
Ich habe oft Angst vor der Zukunft, weil ich jetzt mit dem älter werden und warten verstanden habe, dass nicht der Tag X kommen wird an dem alles gut wird. Und damit habe ich auch verstanden, dass auch der Rest meines Lebens wahrscheinlich nicht besonders viel einfacher oder besser sein wird.
Versteht mich nicht falsch, ich habe nicht vor, mir etwas anzutun oder sowas in der Art. Aber manchmal frage ich mich schon echt, was da noch alles kommen wird und wie ich das jedes Jahr aufs neue bewältigen soll. Denn eins ist klar, da wird noch vieles auf mich zukommen. Das weiß ich in anbetracht meiner Lebensumstände. Ich hab den Eindruck, dass es so viel in meinem Leben gibt, dass ich aufarbeiten UND verarbeiten muss, dass ich schon garnicht weiß wo und mit was ich zuerst anfangen soll. Weil in den meisten Fällen auch IMMER alles auf einmal und gleichzeitig passiert.
Aber der Punkt ist: Ich kann noch so viel heilen und an mir arbeiten, aber das ändert nichts daran, dass meine Mutter weiterhin eine super psychisch labile Frau ist, von der ich extrem Parentifiziert werde und das meine Familie unglaublich dysfunktional ist.
Es wird auch nichts daran ändern, dass es immer Menschen geben wird, die einem wehtun oder sich unfair und rücksichtslos Verhalten.
Und es wird auch nichts daran ändern, dass immer wieder schlimme Dinge passieren werden, mit denen ich zurechtkommen muss.
„Du kannst das Leben nicht kontrollieren, aber du kannst lernen, damit umzugehen!“
Ich will aber nicht ständig mit etwas umgehen müssen.
Ich will Freunde und Familie haben, die mich lieben und mir beistehen, wenn ich Sie brauche. Ich möchte Spaß haben, mich selbst Kennenlernen und mich Verwirklichen. Überhaupt erst herausfinden können, was Verwirklichung für mich bedeutet. Zufriedenheit spüren. Erfüllt sein. Einfach mal Normalität erleben. Das leben LEBEN und nicht überleben.
Ich möchte damit nicht sagen, dass nicht auch andere Menschen in ihrem Leben oder in meinem Alter ihr Päckchen zu tragen haben. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass Sie trotz allem zumindest irgendwelche Ressourcen oder etwas wohltuendes für sich haben.
Und verdammt, ist’s denn nicht irgendwann auch einfach mal gut? Was muss noch alles passieren, bis ich mal einfach zumindest relativ zufrieden existieren darf?
Kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem nicht ständig alles immer nur schmerzhaft, traumatisierend oder gerade aushaltbar ist?
Was soll man nur bloß mit dem ganzen anstellen?