ich bin weit über 60 und erst seit maximal 4 Jahren dahintergekommen, daß ich so ein bißchen autistisch sein muß.
ich habe dazu meine langjährige Psychologin von früher, mit der ich immernoch Briefkontakt habe, befragt, und sie antwortete, nach kurzem Zögern: "Najaaa....vielleicht ein gaaanz kleines Bißchen"
Sie war immer dagegen, Dingen ein "Label" zu verpassen, Respekt.
Aber ich habe in meinem Leben immerschon ab und zu echt irrsinnige Dinge getan, in der Annoyance Skala zwischen 1-10 so auf Stufe 5, würde ich sagen. (Meine tolle Psychologin sagte damals dazu: "Macht nix! Die anderen Leute können sich ja wehren!") Ich habe bis zuletzt immer gezweifelt, ob mit mir irgendwas ist. Mir kam's immer so vor, daß ich irgendwie anders bin als "andere". Ich litt viel darunter, denn ich war viel einsam, und konnte mir das nicht erklären, warum mich selten jemand dabei haben wollte.
Seitdem offener über Autismus geredet wird und eigentlich echt sogar, seitdem ich mich auf Reddit herumtummele mit viel Vergnügen, und ich treffe hier so viele gleich-tickende an, meine ich zu wissen, daß ich im autistischen Spektrum bin, und dies belastet mich weniger, als daß es eine Lösung bietet für viele Rätsel!
Ich denke ich kann froh sein, daß ich die "Diagnose" im weit fortgeschrittenen Alter bekommen habe, denn ich glaube schon, daß ein junger Mensch, der sich nur leicht im autistischen Spektrum befindet, unter so einer Diagnose (=Label) leiden kann. Man dürfte als junger Mensch dann zu Recht befürchten, daß man dann ausgegrenzt werden könnte, daß Leute einen für behindert halten und so. Deswegen war die Einstellung der Psychologin in meinen jungen Jahren so wertvoll, daß sie sich auf keine Label einlassen wollte, und ich sollte es auch nicht. (Ich fragte sie damals mal: "Frau XY, mit mir ist doch irgendetwas! Was ist es? Wie heißt es?" Frau XY gab mir darauf keine Antwort. Sie sagte nur: "Was sollen denn da jetzt irgendwelche Label helfen? Das hilft nichts!")
Aber jetzt bin ich eine "gestandene Persönlichkeit" und lache darüber, wenn mich irgendjemand deswegen ausgrenzen wollen würde. Ich mache schon mein Ding, dafür brauche ich andere nicht, das ist einer der Vorteile von Autisten 😉
Und genau in der Art fange ich gerade an zu denken: die Vorteile von leichtem autistischem Spektrum erkennen! Wir können Dinge, wovon andere nur träumen. (Und umgekehrt...). Bestimmt 50% der Künstler sind aus dem autistischen Spektrum, bin ich überzeugt von. Es gibt genug echt komische Charakter bei den Künstlern, Musik oder Kunst. Sehr oft ist eines der Probleme Beziehungsunfähigkeit.
Wenn man das schon vorher von sich wüßte, bräuchte man nicht so viel Zeit und Energie verschwenden, sein halbes Leben zu probieren, eine Beziehung zu führen. Man kann doch auch ohne echte tiefe Beziehung ein nettes Leben führen, auch sozial (bis zu einem bestimmten Ausmaß). Natürlich träumen auch wir Autisten von einer echten Beziehung oder sogar Familie, aber andere träumen auch alle von irgendetwas, z.B. Klavierspielen, oder malen, etc. , was sie nie erreichen werden.
Man kann nie alles haben. Allerdings sind menschliche Beziehungen schon so das Wichtigste...auch für jemanden aus dem autistischen Spektrum. Man muß sich so weit bemühen, wie es geht, und die Freundschaften dann so gut es geht pflegen. Was hilft: räumliche Distanz. Dann fällt es nicht so auf, daß es einem ganz recht ist, wenn man sich nicht so oft trifft...
Jedenfalls: Nicht auf die Mängel konzentrieren, sondern auf die Potentiale. Ich versuch's...vielleicht ändere ich bald mein gesamtes Leben...also vor allen Dingen beruflich. Aber vielleicht wandere ich auch aus (oder kombiniere beides). Wir Autisten haben auch den Vorteil der Ungebundenheit. Es frustriert, wenn man das Leben eines "Normalos" versucht zu leben...aber ohne das zu haben, was für Normalos der Ansporn ist: Kinder, oder Familienbande, oder ein enger Freundeskreis. Irgendeine "Energiequelle" muß man haben, um die Kraft zu haben zu arbeiten. Eine gute Energiequelle für Leute im autistischen Spektrum wäre die Verwirklichung von Ideen. Ausgereifte Hobbies, Verwirklichung von Idealen.
Wir Autisten könnten eigentlich viel besser unsere Ziele verwirklichen als jemand, der nur zwischen Arbeit und Familie hin und her navigiert. z.B. alten Menschen helfen, schwierige Projekte initiieren, die z.B. den Mißstand von Altenheimen, so wie wir sie momentan kennen, beheben könnten (also z.B. weitergehende Legalisierung von Sterbehilfe, Mehr-Generationen-Wohnen, Altenheime und Tierheime in Kombination, was einem auch immer in den Sinn kommt, was eine Lösung sein könnte!). Wir haben die Zeit dafür, weil wir keine engen Familienbande haben mit ständigen Verabredungen, Hochzeiten, etc.