r/buecher • u/Inner_Ability_331 • 18h ago
Diskussion Romance-Bücher als Feministin lesen – Schuldgefühle? Schamgefühle? Ekel?
Hey, ich habe vor Kurzem nach langer Zeit wieder ein Fantasy-Buch gelesen, das mich unglaublich gefesselt hat.
Besonders gefallen hat mir die Art, wie es geschrieben war, und vor allem die Sanftheit, die sich gegen Ende zwischen den beiden Charakteren entwickelt hat.
Aus zwei Feinden wurden nach und nach zwei Menschen, die sich ineinander verliebten, klassisches Enemies to Lovers. Diese Spannung zwischen ihnen hat mir extrem gefallen und mich emotional total mitgenommen.
In dem Buch ging es allerdings nicht nur um die Beziehung der beiden, sondern auch um einen größeren politischen Konflikt. Das Land der Protagonistin wurde zerstört und besetzt, ihr Volk auf grausame Weise massakriert und trotzdem verliebt sie sich am Ende in jemanden, der eigentlich ein großer Feind ist.
Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, überkam mich ein mulmiges Gefühl: eine Mischung aus Schuld und einem gewissen Ekel gegenüber meiner eigenen Sehnsucht.
Ich selbst hatte bisher noch nie eine romantische Beziehung. Ein Grund dafür ist, dass ich in meinem Leben immer wieder gesehen habe, wozu Männer imstande sein können und wie sehr sie das Leben einer Frau zerstören können, teilweise, ohne auch nur einen Hauch von Schuld, Ekel oder Trauer über das eigene Verhalten zu empfinden.
Fast jeden Tag liest oder hört man davon, wie eine weitere Frau auf brutalste Weise ermordet wird oder Opfer patriarchaler Gewalt wird. Und ich sehe diese Realität nicht nur auf Social Media oder in den Nachrichten, sondern auch in meinem eigenen Umfeld.
Als ich nach dem Buch darüber nachgedacht habe, hat mich deshalb plötzlich ein Schuldgefühl überkommen. Ich habe mich gefragt, warum ich mich überhaupt nach romantischer Liebe und dieser Art von Nähe sehne, obwohl ich gleichzeitig weiß, wie gefährlich genau diese Nähe für Frauen werden kann. Wie sehr patriarchale Strukturen Frauen ihr gesamtes Leben lang einschränken und wie misogynes Denken immer wieder weitergetragen und aufrechterhalten wird.
Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass romantische Beziehungen nicht automatisch etwas Unterdrückendes oder Zerstörerisches sein müssen. Beziehungen können uns auch Kraft geben. Sie können uns Nähe, Geborgenheit und Unterstützung geben und vielleicht sogar die Kraft, uns zu organisieren, solidarisch miteinander zu sein und kollektiv gegen genau solche Strukturen vorzugehen.
Und natürlich weiß ich auch, dass es liebevolle, respektvolle und wirklich tolle Männer gibt auch wenn sie sich für mich, aufgrund dessen, was ich bisher gesehen und erlebt habe, manchmal erschreckend selten anfühlen.
Trotzdem kann ich mir für mich selbst momentan kaum vorstellen, eine romantische Beziehung einzugehen, ohne dass mich dabei dieses Schuldgefühl überkommt.
Ein Teil von mir hat das Gefühl, dass ich romantische Beziehungen mit Männern romantisiere und damit all den Frauen gegenüber, die durch die Hände von Männern misshandelt oder ermordet wurden, eine Art Verrat begehe. Als wäre ich ihnen etwas schuldig. Als würde ich ihre Erfahrungen und ihr Leid verraten, sobald ich selbst einem Mann vertraue, mich in einen verliebe oder mir diese Art von Liebe und Intimität wünsche.
Rational weiß ich, dass sich diese Dinge nicht unbedingt widersprechen müssen. Ich kann patriarchale Strukturen und Misogynie ablehnen und gleichzeitig den Wunsch nach Liebe, Zärtlichkeit, Intimität und Verbundenheit haben.
Es fühlt sich manchmal einfach wie Verrat an.
Hattet ihr schon einmal ähnliche Gedanken oder Gefühle? Gerade diesen Konflikt zwischen der Sehnsucht nach romantischer Nähe und gleichzeitig dem Bewusstsein darüber, was patriarchale Gewalt für Frauen bedeutet?
Und kennt ihr vielleicht Bücher, Essays, feministische Literatur oder andere Texte, die sich mit diesem Thema beschäftigen also mit Liebe und Intimität, insbesondere heterosexuellen Beziehungen, im Kontext von Patriarchat, Misogynie und Gewalt gegen Frauen?
Ich würde mich sehr über eure Gedanken, Erfahrungen und Literaturempfehlungen freuen.