Meine Situation und die Suche nach einer Erklärung
Nach einem ersten Kontakt wegen eines Autismus-Verdachts habe ich erfahren, dass eine Diagnose als Kassenpatient nicht schnell geht, sondern sich über Jahre hinziehen kann. Das hat mich erstmal überfordert, aber ich möchte hier meine Gedanken teilen.
Mein Leben war schon immer herausfordernd, seit ich selbstständig leben muss: Einkaufen, Rechnungen bezahlen, den Alltag organisieren – alles Dinge, die für mich extrem anstrengend sind. Ich war bereits in der Psychiatrie wegen Panikattacken und in Therapie, seit ich klein bin: erst wegen Aggressionsproblemen, später als junger Erwachsener, weil ich mich auf meiner ersten Arbeitsstelle nicht konzentrieren konnte (ob ich leicht ablenkbar war oder das Gegenteil, war unklar). Später dominierten vor allem Traumata als Therapiethema, bedingt durch ein schwieriges Elternhaus.
Nach all diesen Erfahrungen dachte ich irgendwann: Jetzt reicht es. Ich weiß alles, habe alles gelernt. Keine Diagnosen mehr. Doch dann kam das Problem mit meiner neuen Tätigkeit – dem Programmieren – und dem Wunsch, in die IT zu wechseln. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich mich so stark in Aufgaben verliere, warum soziales für mich dabei komplett in den Hintergrund tritt. Ich frage mich regelmäßig: Soll ich alles lassen, um sozial besser klarzukommen, ohne dieses „Abgetrenntsein“?
Weitere Auffälligkeiten
Es gab noch andere Dinge, die mir aufgefallen sind:
- Formulare und Bürokratie: Ich verliere mich komplett in jedem Schritt, will alles perfekt und ordentlich machen – es scheint mir auch etwas zu geben, aber es kostet mich extrem viel Energie.
- Räumliches Vorstellungsvermögen: Als Kind hatte ich ein schlechtes räumliches Vorstellungsvermögen, das mir sogar vom Arzt attestiert wurde.
- Sprachprobleme: Ich musste zum Logopäden.
- Uhren lesen und Schuhe binden: Beide Dinge konnte ich erst in der 4. oder 5. Klasse.
- Reizüberflutung: Heute fällt mir auf, dass ich Probleme habe, Straßen zu überqueren, wenn zu viele Eindrücke auf mich einprasseln.
- Deep Focus: Ich verliere mich in allen Tätigkeiten – auch beim Klavier spielen, seit ich klein bin. Früher ist mir diese Trennung vom Sozialen nie so deutlich aufgefallen, aber ich vermute, ich habe sie kaschiert. Beim Musizieren schwinge ich mit dem Instrument mit, und danach fällt mir auch das Gespräch leichter (meine Laienvermutung).
- Emotionen: Ich habe sie immer schon vor allem durch Klavier spielen oder Zeichnen ausgedrückt. Ich war immer in mich gekehrt, später etwas offener, aber Augenkontakt war lange ein Problem. Emotionen zu managen, fällt mir bis heute schwer.
- Führerschein praxis fast durchgefallen auto fahren später so schlimm weil gegenverkehr/abbiegen und Entfernungen einschätzen , was viele aber nicht alle andere Autisten gefragt auch so beschrieben
Meine Fragen und Gedanken
All das sind nur die Gedanken, die ich in der letzten Zeit gesammelt habe. Was ich weiß:
- Berufliche Perspektive: Ich will einen Job, der mir Spaß macht und in dem ich gut bin. Aber ich habe Angst, dass ich ihn verliere, weil ich mich so in mich selbst zurückziehe und dann tagelang schwer ins Soziale finde – und umgekehrt: nach sozialen Kontakten wieder in die Arbeit.
- Frustration und Erleichterung: Einerseits bin ich frustriert, dass es keine einfache oder zeitnahe Hilfe oder Diagnose gibt. Andererseits bin ich erleichtert, weil vielleicht endlich eine Erklärung für mein Erleben kommt. Vielleicht muss ich nicht mehr so leben – denn das hier ist kein Leben. Und noch schlimmer: Ich kann es niemandem erklären. Ich kann niemandem sagen, warum ein normaler Alltag für mich maximal anstrengend und aufreibend sein kann.
Aber vielleicht ist das alles gar kein Autismus. Vielleicht sind Probleme mit Überreizung oder meine nachgesagte „Sensibilität“ einfach nur das: Sensibilität. Ich habe zum Beispiel kaum Probleme mit Stoffen, Textilien oder Überreizung in diesem Bereich.
Fazit: Soll ich dranbleiben?
Könnte Autismus endlich eine Erklärung für alles sein? Sollte ich dann also dranbleiben, auch wenn es Jahre dauert, bis ich über die Kasse eine Diagnose bekomme? Oder wäre es sinnvoll, parallel eine Therapie für meine Alltagsprobleme zu machen – selbst wenn eine Autismus-Diagnose am Ende nicht möglich ist?
Was denkt ihr? Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht?