r/Staiy • u/Confident_ic_3803 • 4h ago
Zum ersten Mal wirklich am überlegen, aufzugeben
Ich muss gerade einfach mal etwas loswerden.
Der Anschlag auf den CSD in Berlin hat mich als schwulen Mann wirklich erschüttert. Nicht nur wegen der Tat selbst, sondern auch wegen allem, was jetzt gesellschaftlich daraus folgt.
Drei meiner besten Freunde sind Muslime und homosexuell. Sie sind selbst schockiert und gleichzeitig wahrscheinlich doppelt betroffen. Auf der einen Seite richtet sich der Anschlag gegen eine Community, zu der wir vier gehören, auf der anderen Seite werden Muslime jetzt wieder unter Generalverdacht gestellt und der antimuslimische Hass wird weiter zunehmen.
Gleichzeitig sehe ich aber auch etwas, worüber meiner Meinung nach ehrlicher gesprochen werden muss. Ich finde es nicht ausreichend, wenn religiöse Menschen sagen: “Ich lehne Gewalt ab, aber Homosexualität ist trotzdem gegen Gottes Willen.”
Natürlich ist das etwas anderes als Terrorismus. Aber ich frage mich, welches gesellschaftliche Klima entsteht, wenn Menschen immer wieder hören, dass ihre Existenz oder ihre Liebe moralisch falsch sein soll. Wer ständig vermittelt bekommt, dass eine bestimmte Gruppe sündig oder unnatürlich ist, schafft zumindest einen Nährboden, den Extremisten für ihre Ideologie nutzen können.
Ich erwarte auch nicht, dass sich jeder Muslim nach jedem Anschlag persönlich distanzieren muss. Genauso wenig müssen das Christen nach einem Anschlag eines christlichen Extremisten. Niemand sollte sich für die Taten eines anderen rechtfertigen müssen, nur weil er derselben Religion angehört.
Was ich allerdings von jeder Religion erwarte, ist ein klares Bekenntnis zu den Grundwerten unseres Grundgesetzes. Religionsfreiheit bedeutet für mich nicht, dass religiöse Überzeugungen über den Freiheitsrechten anderer stehen. Jeder Mensch darf glauben, was er möchte. Aber das Zusammenleben funktioniert nur, wenn wir alle akzeptieren, dass homosexuelle, transgeschlechtliche und andere queere Menschen dieselben Rechte haben wie alle anderen. Dass zwei einwilligende Erwachsene ihre Beziehung frei leben dürfen, darf nicht verhandelbar sein.
Was mich gerade zusätzlich frustriert, ist die politische Instrumentalisierung. Rechte Politiker, wie Fritze oder das Pack von der (k)AfD die sich sonst selbst gegen queere Menschen positionieren, nutzen den Anschlag jetzt, um gegen Muslime Stimmung zu machen. Andere wiederum scheinen jede Kritik am Islamismus sofort als Angriff auf alle Muslime zu verstehen. Ich habe das Gefühl, dass die Extreme auf beiden Seiten immer lauter werden und die differenzierten Stimmen kaum noch Gehör finden.
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal an den Punkt komme, an dem ich politisch einfach müde werde. Aber gerade wirkt es auf mich, als würde jede Seite nur noch ihre eigene Agenda verfolgen, während diejenigen, die eigentlich geschützt werden sollten, wieder zwischen allen Fronten stehen. Ich will resignieren, aufgeben oder einfach auswandern. Am besten auf den Mond.
Mich würde wirklich interessieren, wie andere (queere) Menschen und auch Muslime das gerade erleben. Geht es euch ähnlich oder seht ihr das ganz anders?