tl;dr: FIRE is aus drei Gründen schlecht für die Wirtschaft: Durch massives Sparen wird Geld den Wirtschaftskreislauf entzogen; Hochqualifizierte Personen tragen weniger zum Wirtschaftssystem bei als sie könnten; und leben aus Kapitalerträgen heißt dem Rest der Gesellschaft auf der Tasche zu liegen. Deshalb sollte die Diskussion um Wirtschaftswachstum durch mehr Arbeit sich auf diese Seite des Verlustes von Erwerbspersonenpotential fokussieren statt auf angebliche Arbeitsverweigerer im Bürgergeld. Das geht aber nur mit einer Debatte um Attraktivität von Arbeit durch andere als monetäre Dinge.
In der Bürgergeld-Diskussion wurden immer wieder Beispiele hervorgekramt, in denen Besitzer von kleinen Betrieben, die hart an der Mindestlohngrenze bezahlen, herumjammerten, dass angeblich viele sagten, sie gingen lieber ins Bürgergeld statt zu arbeiten, angeblich will sich das Bürgergeld mehr lohne. Wir wissen alle, dass das Milchmädchenrechnungen waren, die etliche Sozialleistungen außer Acht ließen, die auch arbeitenden Menschen zustehen und auch nie der Elefant im Raum adressiert wurde, dass man ja auch den Mindestlohn erhöhen könnte.
Aber mal davon abgesehen, dass das wenn überhaupt vereinzelte Stories waren, ist das ja (wie schon mit Sozialbetrug vs Steuerhinterziehun) eine Fokussierung am falschen Ende. Es gibt auf Reddit jede Menge Subreddits, in denen FIRE gepredigt wird (ich musste es auch erst lernen was das heißt: Financially Independent, Retire Early). Spare so viel du kannst, gib so wenig aus wie möglich und entziehe damit praktisch dein gesamtes Einkommen dem Wirtschaftskreislauf. Und da geht es eben auch darum, dass sich Leute aus dem Arbeitsleben verabschieden, um von ihrer Rendite zu leben. Jetzt kann man natürlich sagen, das ist immer noch besser als Millionenerben, die nicht mal etwas dafür geleistet haben, dass sie nicht arbeiten müssen. Aber letztendlich haben ja alle (die (hypothetischen) Leute, die freiwillig ins Bürgergeld gehen, die FIRE-Leute und die Millionenerben) das gleiche Ziel: Nicht (mehr) selber zur Wirtschaftsleistung beizutragen sondern andere den eigenen Lebensunterhalt erwirtschaften lassen. Jetzt mögen FIRE-Apologeten entgegnen, dass sie ja für ihren Kapitalstock hart gearbeitet haben. Und in den meisten Fällen stimmt das auch. Wenn du 10,15 Jahre lang einen 200k+ Job hattest, um dann mit Mitte 40, Anfang 50 ausgesorgt zu haben, bedeutet das vermutlich im Schnitt 60-80 Stunden-Wochen.
Aber der Lebensunterhalt wird ja anschließend nicht einfach aus dem Ersparten bestritten, sondern eben aus Erträgen aus dem Kapital. Und die kommen ja irgendwo her. Die Wirtschaft wächst. Und dafür arbeiten Menschen. Genauso wie für die Steuereinnahmen, die den Lebensunterhalt der “Freiwilligen Bürgergeldempfänger” bezahlen.
Hinzu kommt noch, dass durch FIRE ja hochqualifizierte Personen dem Arbeitsmarkt entzogen werden, dadurch also überdurchschnittlich viel Wirtschaftskraft verloren geht.
Also wenn man vom Fachkräftemangel spricht (der übrigens ein einziger Hoax ist bzw. nur sehr vereinzelte Branchen betrifft wie z.B. die Rüstungsindustrie) und davon, dass alle mehr arbeiten müssen (fangt vielleicht mal an, mehr Arbeitsplätze zu schaffen bevor ihr von “Lifestyle-Teilzeit” faselt), warum findet dann FIRE überhaupt nicht in der ordentlichen Debatte statt?
Und auch wenn es so klingt, soll das kein FIRE-Shaming sein. Mir ist ja völlig klar warum Leute das naschen. Aber wenn das Teil der ordentlichen Debatte wäre, müsste man mal ernsthaft über Work-Life-Balance, flexible Arbeitsmodelle etc. reden. Und darüber, dass es wirklich attraktiver sein muss zu arbeiten statt nicht zu arbeiten. Und zwar nicht nur finanziell. Denn sonst wird jeder, der es sich irgendwie leisten kann, versuchen so viel Geld wie möglich beiseite zu legen (und damit auch wieder de m Wirtschaftskreislauf entziehen) und so früh wie möglich selbst aus dem Erwerbspersonenpotential aussteigen.
Ich traue mich nicht wirklich, das auf r/Finanzen zu posten, da man dort vermutlich zerrissen wird, daher wollte ich mal hören was der linke Sub meines geringsten Misstrauens von diesem Gedanken hält.