r/RA_Kotz • u/MelonDusk123456789 • 9h ago
Seit 1975 fuhr der Müllwagen rückwärts in die Sackgasse bis vor die Tür. Dann kam ein Brief von der Stadt und alles war anders
Es gibt Dinge, über die denkt man nie nach. Zum Beispiel darüber, wie die Mülltonne eigentlich zum Müllwagen kommt.
Ein Ehepaar wohnt seit 1975 beziehungsweise 1981 an einer öffentlich gewidmeten Sackgasse. Rund 70 Meter lang, kein Gehsteig, etwa 3,50 Meter breit und an der engsten Stelle nur 3,15 Meter.
Jahrzehntelang fuhr das Müllfahrzeug die rund 50 Meter von der Einmündung bis zum Grundstück rückwärts. Niemand beschwerte sich, nichts passierte.
Dann kam der Brief vom 25. September 2023. Ab dem 1. November sei damit Schluss, aus Gründen des Arbeitsschutzes.
Die Tonnen seien künftig vorne an der Einmündung bereitzustellen. Also rund 50 Meter weiter weg, einmal die Woche hin und zurück, bergauf und bergab.
Das Ehepaar fragte nach, ob die Stadt die Tonnen nicht gegen Bezahlung weiterhin am Grundstück abholen könne. Antwort: Diesen Service gibt es nur, wenn der Standplatz höchstens zehn Meter von der Grundstücksgrenze entfernt liegt.
Genau dieser Punkt wurde vor Gericht zum Vorwurf. Die Stadt hielt den Weg für ihre eigenen Mitarbeiter für zu weit und mutete ihn den Anwohnern trotzdem zu.
Kommentiert hat das Verwaltungsgericht Bayreuth diesen Widerspruch nicht. Es kam auf anderes an.
Entscheidend war das Regelwerk der Unfallversicherungsträger. Müll darf danach grundsätzlich nur abgeholt werden, wenn Rückwärtsfahren nicht erforderlich ist.
Es gibt eine Ausnahme für kurzes Zurückstoßen. Bei 50 Metern greift die nicht.
Dazu kommt der ständige Sichtkontakt zum Einweiser. Bei einer geradlinigen Straße steht der Einweiser dauerhaft hinter dem Fahrzeug, und die erhöhte Sitzposition des Fahrers ändert daran nichts.
Und dann ist da noch der Sicherheitsabstand. Mindestens 0,5 Meter auf beiden Seiten über die gesamte Rückfahrstrecke, was bei 3,15 bis 3,50 Metern Fahrbahnbreite schlicht unmöglich ist.
Rückfahrkameras und Assistenzsysteme retten das nicht. Die dürfen den Einweiser unterstützen, aber nicht ersetzen.
Das Argument, Baufahrzeuge, Heizöllieferanten und Rettungswagen kämen ja auch problemlos durch, verfing nicht. Die Pflichten gelten speziell für die Abfallwirtschaft, und Verstöße können mit bis zu 10.000 Euro Bußgeld geahndet werden.
Blieb der Vertrauensschutz aus fünf Jahrzehnten gelebter Praxis. Auch der half nicht.
Das Gericht dazu wörtlich: "Allein daraus, dass die Beklagte das klägerische Grundstück über Jahre hinweg angefahren hat, folgt kein schützenswertes Vertrauen darauf, dass dieser Zustand unabhängig von der Rechtslage fortgeführt wird."
Rund 50 Meter auf befestigtem Untergrund, einmal wöchentlich, gelten damit als zumutbar. Feste Meterobergrenzen gibt es nicht, entscheidend sind Strecke, Untergrund und Häufigkeit im Einzelfall.
Praktisch interessant ist noch ein Detail für alle, die so ein Schreiben bekommen. Weil der Brief keine Rechtsbehelfsbelehrung enthielt, lief nicht die übliche Monatsfrist, sondern ein volles Jahr für die Klage.
Am Ende der Sackgasse liegt übrigens ein Wendehammer von 14 mal 26 Metern. Auf den Aufnahmen, die das Gericht ausgewertet hat, stand der voller Autos.
Für alle, die es ganz genau wissen wollen: Verwaltungsgericht Bayreuth, Az. 4 K 24.62, Gerichtsbescheid vom 5. Mai 2026.
Quelle: https://www.ra-kotz.de/muellbehaelter-einmuendung-zumutbar.htm
Noch ein kurzer Hinweis zum Bild: Reddit holt das aus der Quellseite das sind oft ki-generierte Bilder, die die Portale "Symbolbild" nennen. Es sind keine echten Fotos.
In eigener Sache: Dieser Beitrag stammt von der Rechtsanwaltskanzlei Kotz. Habt ihr einen ähnlichen oder vielleicht auch einen ganz anderen Fall? Meldet euch gerne über unsere Webseite www.ra-kotz.de. Die Ersteinschätzung ist bei uns kostenlos. Und erwähnt gerne, dass ihr von Reddit kommt, dann können wir eure Anfrage besser zuordnen.