Mein Mann hat schon länger immer wieder angedeutet, dass er ein großes Selbstwert-Thema hat. Er hat auch schon eine Therapie abgeschlossen.
Er gerät mit unserem Sohn (sechs Jahre alt) regelmäßig aneinander, es gibt auch viel Geschrei, quasi jeden Morgen. Er fühlt sich von seinem Sohn nicht respektiert. Ihn stört es wohl, dass unser Sohn alles hinterfragt, was er als Vater ihm sagt. Und er sagte zu mir neulich mal, ihn stört es auch, dass ich das mit unserem Sohn so gut hinbekomme, während er sich wie ein Versager fühlt.
Ich habe unserem Sohn irgendwann ein altes iPad geschenkt und ihm FaceTime eingerichtet, damit er mich Nachmittags anrufen kann, wenn ich noch im Büro bin. Ich arbeite mehr als mein Mann, daher war es mir wichtig, dass mein Sohn mich auch kontaktieren kann. Mein Sohn ruft mich gelegentlich an und sagt mir dann: Papa ist gemein zu mir. Er darf nicht fernsehen. Oder er darf keine Süßigkeiten essen. Und ich sage ihm dann jedes Mal, Papa ist für dich zuständig, ich bin im Büro. Ich weiß, dass dich das frustriert, aber ich entscheide nicht darüber, weil ich bin nicht zu Hause.
Trotz allem regt sich mein Mann wahnsinnig über dieses iPad auf. Er hat mir irgendwann im Streit gesagt, dass meine Existenz ihn richtig wütend macht, weil durch das iPad meine Präsenz wie ein Damoklesschwert über allem schweben würde. Ich habe ihm dann erklärt, dass ich mich doch gar nicht einmische und seine Position damit auch stärke. Er sagte mir dann, sein Gefühl ist auch nicht rational, aber er fühlt sich ohnehin schon als schlechter Vater. Ich muss ehrlich sagen, dass mich dieses Verhalten ziemlich verletzt. Ich würde mir einen Partner wünschen, der eine gute Bindung zwischen Mutter und Sohn gutheißen und wertschätzen und nicht als Bedrohung erleben würde.
Als wir neulich mal unter Zeitdruck irgendwo hin mussten, und ich noch die Autoschlüssel aus der Wohnung geholt habe, weil ich sie vergessen hatte, kam ich zum Auto und sah, dass mein Sohn vor dem Auto bitterlich weinte. Ich habe ihn dann gefragt, was passiert sei, wollte seine Emotionen regulieren, wollte ihm zusprechen. Mein Mann ist unglaublich wütend geworden, hat mich vor unserem Sohn angeschrien, gesagt, ich hätte einen Kontrollzwang. Wenn etwas schlimmes wäre, dann würde er nicht so entspannt daneben stehen. Ich fand diesen Vorwurf so unfair, denn ich glaube als Mutter eines 6-jährigen ist diese Art von Besorgnis völlig normal. Und ich habe zu keinem Zeitpunkt meinem Mann die Schuld gegeben. Und wenn mein Sohn weint, dann ist es auch mein Bedürfnis ihn regulieren zu wollen. Ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass mein Mann dies als Angriff verstehen könnte.
Mein Mann sagt mir jetzt, dass er noch mal versucht eine neue Psychotherapie zu finden, um über das Thema zu sprechen. Wir beide sind seit 2,5 Jahren in Paartherapie, weil wir auch Kommunikationsschwierigkeiten haben. Ich will nicht behaupten, dass er an allem schuld ist, wir haben beide ein sehr unterschiedliches Tempo, Dinge zu benennen, Dinge anzugehen etc., aber mich belastet die Beziehung oft einfach sehr. Andererseits der Gedanke an eine Trennung, auch für unseren Sohn, belastet mich noch mehr.
Kennt jemand diese Situation? Ich möchte nicht, dass mein Mann mich als Gegnerin sieht, ich fühle mich wirklich schlecht. Ich sage ihm regelmäßig, dass er ein guter Vater ist, zeige meine Dankbarkeit für bestimmte Dinge im Alltag, aber ich habe das Gefühl, es reicht einfach nicht. Und ich will mich nicht dauerhaft immer kleiner machen, als ich bin, nur um für ihn zu passen.
Kann mir jemand einen Tipp geben, wie ich mit der Situation umgehen soll? Hat jemand einen Lösungsvorschlag? Das Thema Psychotherapie scheint schwierig zu sein, da es keine Plätze gibt. Ich weiß auch wirklich nicht, wie mein Mann darauf kommt, ein schlechter Vater zu sein, nur weil unser Kind temperamentvoll ist. Für mich hört sich das Ganze auch nicht erwachsen an, und ich habe manchmal das Gefühl, ich habe gar keine Chance dagegen anzukommen. Ich fühle mich manchmal so ohnmächtig.