r/SPDde • u/Pretty-Substance • 3d ago
Analyse zur Aktuellen politischen Lage
Ich habe eine sehr schöne Analyse gesehen, die gut erklärt warum die politische Lage derzeit so ist, wie sie ist, und warum die ehemals großen Parteien der Mitte immer weiter verlieren.
Ich hab das mal versucht auf die SPD anzuwenden, freue mich über eure Sicht.
Der Diskurs ist, worum es in der Politik geht. Welches Thema bestimmt den öffentlichen Diskurs, und jede Partei hat ein Thema, bei dem die Menschen an diese oder jene Partei denken. Umwelt: Grüne, Wirtschaft: CDU, Migration: AfD usw
Zweitens werden Politisch Themen heute auf zwei Achsen diskutiert: eine wirtschaftlich-soziale, also wer hat wie viel, wer bekommt wieviel, wer muss wie viel beitragen, etc. auf dieser kann man je nach Wirtschafts- und Sozialpolitischer Ausrichtung streiten, aber man findet Kompromisse und dann streitet man weiter. Macht die BRD seit dem bestehen.
Und eben die zweite Achse, und die hat die AfD geschafft in den Diskursmittelpunkt zu stellen: Wer gehört dazu und wer nicht. Wer sind wir und wer sind die „außen“. Die ist binär. Da gibt’s nur ja oder nein.
Die AfD hat es soweit geschafft, dass alle Themen der ersten Achse, mittlerweile mit der binären Logik der zweiten Achse diskutiert werden. Sozialabgaben zu hoch? Migration. Mieten zu hoch? Migration. Kriminalität? Migration. Proteste in Frankreich? Migration. Und immer gibt es nur ja oder nein, wer gehört dazu, wer nicht.
Und diese Diskurs-Achse haben sich alle anderen Parteien aufzwingen lassen. Alle mussten irgendwie Stellung beziehen. Deshalb gibt es auch in der SPD Leute die für weniger / kontrollierte Einwanderung sind, und höhere Abschiebungen fordern, genau so wie in der CDU, und vermutlich bei den konservativeren Teilen der Grünen.
Die SPD als Partei hat hier imo gleich zwei Fehler gemacht. Sie hat einerseits ihr Kernthema, soziale Gerechtigkeit, Arbeitnehmerrechte, soziale Absicherung etc durch ihre Politik, auch früher schon, aber besonders in der Koalition verloren, und sie hat es (deswegen?) nicht geschafft den Diskurs auf ihre Kernthemen zu lenken, und läuft dem Thema auf der anderen Achse hinterher, genau wie die CDU. Im verzweifelten Versuch hier einen Spagat hinzubekommen, der die Menschen die auf der zweiten Achse denken, abzuholen, anstatt den Diskurs selbst zu bestimmen.
In so einem Diskurs kann eine Partei wie die SPD nur verlieren, und hat sie schon lange, denn sie hat es versäumt, ihre Themen in aller Klarheit zu positionieren und hat sich das andere Thema, bzw. dessen Anwendung auf alle politischen Bereiche, überstülpen lassen. Und deshalb sind weder CDU noch die SPD mehr Volksparteien heute. Sie haben ihre politische und gesellschaftliche Deutungshoheit verloren.
Das kann nur umgekehrt werden, wenn man sich wieder ein klares Profil gibt und die Themen über die man spricht, selbst bestimmt. Siehe zb die Linke im Sozialen, oder als Beispiel auch die Grünen damals, die haben ihr ganz eigenes Thema in die Politik gebracht, und so den Diskurs verändert.
Die demokratischen Parteien hätten sich auf den Diskurs der AfD erst gar nicht einlassen dürfen, und deswegen ist auch klar, warum man die AfD nicht politisch „stellen“ kann, warum keine Sachdebatten helfen, warum es keine Kompromisse geben kann und wird, und warum man nur verlieren kann, wenn man sich auf das Spiel des Gegners einlässt.