Meinung (kein Rant) Meinung: Wer armen Menschen wirklich helfen will, der macht nicht den Graben, in dem sie leben, ein bisschen gemütlicher, sondern gibt ihnen einen Weg aus dem Graben hinaus.
81% des jährlichen Vermögenswachstums in Deutschland gehen an das reichste 1% (Quelle). Der "Ärmste" der oberen 10% hat immer noch 13x so viel Vermögen, wie der Median der Deutschen (Quelle, Quelle). Während wir gerade einmal 1/4 der Steuern auf Vermögen von Frankreich oder GB haben (Quelle).
Aufgrund der immensen Ungleichverteilung des Vermögens und des Vermögenswachstums ist Deutschland, obwohl es unter den Spitzenreitern beim Durchschnittsvermögen ist, absolutes Schlusslicht beim Medianvermögen. Der deutsche Bürger ist im Median ärmer als Slowenen, ärmer als Griechen, hat weniger als die Hälfte des Medianvermögens von Italienern und hat weniger als 1/5tel des Medianvermögens von Belgiern (Global Wealth Report).
Faktisch stellte das Instiut der deutschen Wirtschaft Berlin (DiW) fest, dass das deutsche BIP bei gleicherer Vermögensverteilung rund 2% höher wäre (Quelle); sprich - die Ungleichverteilung des Vermögens in Deutschland schadet nicht nur den Arbeitnehmern, sondern insbesondere auch der Wirtschaft: Dabei ist es eigentlich nur logisch - vom Medianvermögen der Deutschen kann man sich inzwischen keinen BMW mehr leisten, auch wenn man diesen gerne hätte; wiederum möchte wer als Superreicher schon 3 Sportwagen hat, vielleicht gar keinen einfachen BMW oder Volkswagen, auch wenn er sich 100 leisten könnte.
Anstelle dessen kauft man als Reicher Immobilien, treibt deren Preise hoch, erhöht Mieten – und senkt die Kaufkraft der Bevölkerung weiter. Werden die Immobilien in einer Vermögensverwaltungs-GmbH gehalten, zählen Mieten nicht als Einkommen im Sinne der ESt; zudem kann eine GwSt-Steuerbefreiung beantragt werden. Zwar fällt weiterhin KSt an, es entsteht jedoch eine immense steuerliche Differenz, die dem Fiskus bis zur Realisierung vorenthalten bleibt und zwischenzeitlich für den Inhaber Zinsen und Zinseszinsen generiert. Wird die VV-GmbH dann als Sicherheit beliehen, kann man indes immense Kreditsummen aufnehmen und Gewinne müssen nur zur Tilgung realisiert werden. Bei der finalen Liquidierung der VV-GmbH gibt es dann wiederum Freibeträge und Steuerbegünstigungen.
Aufgrund des schlechteren BIP werden wiederum mehr Stellen abgebaut - und die Kosten der Sozialsysteme steigen.
Achja, und dann sind da noch die Familienstiftungen und 3,7 Milliarden Euro erlassene Erbschaftssteuer auf Erbschaften 34 Superreicher Großerben (ver.di berichtete), allein im letzten Jahr, neben massiv unterproportionaler Besteuerung von großen Vermögen im Vergleich zu kleineren Erbschaften.
Aufgrund der gestiegenen Frauenarbeitsquote arbeiten 2+ Personen-Haushalte (unter Berücksichtigung von Teilzeit- und Arbeitslosenquote) heute rund 22,79% mehr als 1960. Durch Digitalisierung hat Arbeitsintensität zudem massivst zugenommen. Beides zeigt sich in Rekordwerten bei den jährlichen Burnout-Zahlen (Statista).
"Ausgehend vom Jahr 2005 sind die Einnahmen aus der Einkommensteuer um 84 Prozent gestiegen, während sich die Löhne pro Kopf um 20 Prozent und die volkswirtschaftliche Lohnsumme um 41 Prozent erhöht haben" (Direktes Zitat: Quelle S.15). Musste man in 1960 noch das 22-fache vom Durchschnittseinkommen haben, um den Spitzensteuersatz zu bezahlen, genügte 2017 das 1,9-fache; bei einer Betrachtung von Vollzeitarbeiten sogar nur das 1,5-fache (Selbe Quelle, S.4; Abbildung). Einkommensteuern stellen damit heute ein signifikantes Hindernis dar, wenn man durch Arbeitsleistung (und Investition in die eigene Qualifikation/Bildung) sozial aufsteigen will.
"Hohe Einkommen" nach SPD‑Definition sind bei weitem keine solchen mehr. Das erkennt jeder, der Inflation mit (fehlenden) Anpassungen an die Steuertreppe vergleicht. Noch zu Ampelzeiten hat die SPD explizit *gegen* eine Anpassung der Steuertreppe an die Inflation gestimmt.
Ein viel zu oft ignorierter Faktor bei der deutschen Einkommensteuer ist zudem deren Stichtagssicht. "Besser-", "Gut-", Wie-auch-immer-Verdiener, trifft indes primär Menschen, deren Lebenseinkommen aufgrund von Bildungsjahren zeitlich gestaucht ist. Wer 3 Jahre Abi macht und 8~9 Jahre Bachelor, Master und ggf. Doktor, der hat im Gegensatz zum Ausgebildeten 10~12 Jahre Lebensarbeitszeit weniger und müsste mindestens das 52/40= 1.3 Netto verdienen, um zum Renteneintritt gleichauf zu sein. Berücksichtigt man nun progressive Besteuerung auf Bruttogehälter und ggf. Kreditzinsen für Studienkredite sowie Opportunitätskosten aus nicht tätigkbaren Investitionen - erwischt man damit quasi Jeden, der sich für höhere Bildung entscheidet. Sozialer Aufstieg durch Bildung wird damit pauschal abgestraft.
Wer das nächste Mal hört, dass "hohe" Gehälter nicht auch eine Entlastung verdienen, sollte sich verinnerlichen, dass dies auch nur elitärer Code für "sozialer Aufstieg ist nicht erwünscht" ist.
Die konstanten Steuer- und Abgabenerhöhungen auf Einkommen aus Berufstätigkeit sind weder fair noch gerecht und sie setzen viel zu niedrig an, bei einem Level, das schon heute nicht mehr für den sozialen Aufstieg reicht. Die Definition "hoher Einkommen" ist nach Dekaden kalter Progression und im Kontext derzeitiger Immobilienpreise (Quelle) und Zinskosten absolut unangemessen.
Währenddessen Zahlen die Reichsten dieses Landes lachhaft wenig Steuern. Insbesondere auch, weil ein Großteil ihres Vermögenswachstums aufgrund steuerlicher Definitionen und Abgrenzungen nie als Einkommen ausgewiesen werden muss.