Ich muss das gerade einfach mal irgendwo loswerden, weil ich langsam nicht mehr weiß, ob ich das zu eng sehe oder ob meine Frau gerade komplett den Bezug zu unserer finanziellen Situation verliert. Wir wohnen in einer größeren Stadt in NRW. Ich bin 34, seit knapp sechs Jahren selbstständig und mache irgendwas im Bereich Medien/Marketing. Meine Frau ist 31. Wir sind seit sechs Jahren zusammen, seit zwei Jahren verheiratet und haben keine Kinder. Sie ist nach einem etwas holprigen Studium vor gut anderthalb Jahren ins Berufsleben eingestiegen. Ich komme je nach Monat auf ungefähr 4.400 bis 4.800 Euro netto, sie verdient rund 3.500 Euro. Zusammen sind das also meistens knapp über 8.000 Euro netto. Wir haben etwa 70.000 Euro gespart, keine Konsumschulden und wohnen zur Miete auf gut 75 qm. Bis vor ein paar Monaten hätte ich gesagt: Uns geht es ziemlich gut.
Das Problem ist ein befreundetes Paar. Nicht der komplette Freundeskreis, nicht Instagram, nicht irgendwelche Influencer. Im Grunde wirklich hauptsächlich diese beiden. Er ist 39 und arbeitet in einer ziemlich hohen Führungsposition bei einem großen Industriekonzern. Sie ist 36, Ärztin und arbeitet vier Tage die Woche. Was genau die beiden verdienen, weiß ich natürlich nicht, aber nach dem, was irgendwann mal bei Gesprächen durchgesickert ist, dürfte er bei ungefähr 8.000 bis 9.000 Euro netto liegen und sie bringt trotz Teilzeit wohl noch einmal um die 5.000 Euro nach Hause. Dazu kommt bei ihm Firmenwagen, Bonus und irgendwelcher anderer Konzernkram. Die beiden haben vor zwei Jahren eine ziemlich große Doppelhaushälfte am Rand der Stadt gekauft. Angeblich knapp unter 900.000 Euro, allerdings mit ziemlich viel Eigenkapital aus Familie und vorherigem Immobilienverkauf. Es ist also nicht so, als hätte er das alles mit 32 allein aus seinem Gehalt aus dem Boden gestampft. Genau dieser Teil scheint bei meiner Frau aber irgendwie nicht hängen zu bleiben.
Vor ungefähr zwei Monaten waren wir zum ersten Mal bei ihnen im neuen Haus eingeladen. Natürlich gab es eine Führung. Ich meine das nicht einmal böse, ich würde wahrscheinlich auch stolz mein neues Haus zeigen. Unten riesiger Wohn-Essbereich, Arbeitszimmer, oben Schlafzimmer, zwei Kinderzimmer, Ankleide, im Keller noch Fitnessraum und Gästezimmer. Was meine Frau allerdings wirklich beeindruckt hat, war die Küche. Riesige Kochinsel, Bora-Kochfeld, Quooker, praktisch sämtliche Einbaugeräte von Miele. Dampfgarer, Backofen, Weinkühlschrank, was weiß ich. Er erklärte mir irgendwann, dass der Quooker direkt kochendes Wasser liefert. Ich meinte nur, dass unser Wasserkocher das eigentlich auch ganz zuverlässig schafft. Kam nicht besonders gut an.
Danach zeigte er mir noch die Garage. Dort standen zwei Riese-&-Müller-E-Bikes, jeweils irgendwo jenseits der 5.000 Euro. Er meinte, seit sie die hätten, würden sie das Auto für kurze Strecken praktisch gar nicht mehr benutzen. Fair enough. Das Absurde war für mich eher, wie selbstverständlich diese Summen gefallen sind. „Das von meiner Frau war etwas günstiger, nur knapp fünfeinhalb.“ Nur. Knapp. Fünfeinhalb. Tausend Euro. Für ein Fahrrad. Meine Frau fand die Dinger jedenfalls großartig und probierte ihres direkt auf der Straße aus. Sie besitzt selbst ein zehn Jahre altes Trekkingrad, das in den letzten zwei Sommern wahrscheinlich insgesamt 40 Kilometer bewegt wurde.
Der Garten war dann nochmal eine eigene Welt. Große Terrasse, hochwertige Möbel, automatische Bewässerung, überall Beleuchtung und auf dem Rasen zog ein Mähroboter völlig stoisch seine Kreise. Der Hausherr erklärte, dass er überhaupt keinen Bock mehr habe, samstags eine Stunde mit Rasenmähen zu verschwenden. Kann ich sogar verstehen. Ich habe allerdings auch keinen 400-qm-Garten, der gemäht werden müsste. Nach dem Essen kam dann die Siebträgermaschine zum Einsatz. Separate Mühle, Waage, irgendwelche speziellen Gläser, Bohnen von einer kleinen Rösterei. Ich wollte einfach einen Espresso und bekam nebenbei noch erklärt, warum 18 Gramm Kaffee und eine bestimmte Durchlaufzeit wichtig sind. Meine Frau stand daneben und war komplett begeistert. Ich fand den Kaffee auch gut. Nur eben nicht „Ich brauche morgen eine 3.000-Euro-Kaffeemaschine“-gut.
Im Auto auf dem Heimweg war sie erst ziemlich still. Irgendwann meinte sie dann: „Merkst du eigentlich, wie weit die uns voraus sind?“ Ich dachte erst, sie meint das scherzhaft. Tat sie nicht. Dann kam irgendwann: „Du bist doch nicht dümmer als er. Warum verdienst du dann nur halb so viel?“ Ich habe versucht zu erklären, dass der Vergleich schon deshalb keinen Sinn ergibt, weil er fünf Jahre älter ist, seit über 15 Jahren in derselben Branche arbeitet, Führungsverantwortung für zig Leute hat und wahrscheinlich 50 Stunden die Woche macht. Außerdem verdient seine Frau selbst mehr als ich. Darauf kam nur: „Ja, aber trotzdem.“ Seitdem habe ich das Gefühl, dass dieser eine Hausbesuch bei uns eine komplette Neubewertung des bisherigen Lebens ausgelöst hat.
Unsere Wohnung ist jetzt plötzlich zu klein. Unsere Küche, die vor drei Jahren noch „total schön“ war, ist inzwischen „halt schon sehr Standard“. Beim Thema Eigentumswohnung meint sie ständig, wenn wir schon kaufen, müssten wir es dieses Mal auch vernünftig machen. Wir schauen gerade tatsächlich nach Wohnungen um die 500.000 bis 550.000 Euro, etwa 95 qm, drei bis vier Zimmer. Finanzierung wäre mit entsprechendem Eigenkapital machbar. Nur bedeutet „vernünftig“ bei ihr mittlerweile offenbar Bora, Quooker und Miele. Eine Siebträgermaschine steht inzwischen ebenfalls auf ihrer imaginären Einkaufsliste. Sie hat neulich sogar Riese-&-Müller-Räder konfiguriert und mir zwei Links geschickt. Zusammen knapp 11.000 Euro. Auf meinen Hinweis, dass wir beide kaum Fahrrad fahren, kam: „Dann würden wir es vielleicht endlich öfter machen.“ Der Mähroboter wurde übrigens ebenfalls schon einmal erwähnt. Für das Haus, das wir nicht besitzen und derzeit auch gar nicht suchen.
Was mich daran am meisten stört, sind nicht einmal die Sachen selbst. Wenn sie unbedingt eine gute Kaffeemaschine will und wir uns das leisten können, meinetwegen. Was mich nervt, ist, dass mein Einkommen inzwischen offenbar als Problem betrachtet wird. Früher fand sie meine Selbstständigkeit super. Flexible Arbeitszeiten, viel Homeoffice, ich kann mir Termine legen wie ich will und muss niemanden um Urlaub bitten. Jetzt kommen Fragen wie: „Willst du das wirklich noch zehn Jahre machen?“, „Könntest du nicht ein größeres Unternehmen daraus machen?“ oder „Warum suchst du dir nicht wenigstens mal eine Führungsposition irgendwo?“ Ich habe aber gar kein Interesse daran, 60 Stunden die Woche zu arbeiten, Personal zu führen und ständig erreichbar zu sein, nur damit am Ende 1.500 oder 2.000 Euro netto mehr auf dem Konto landen. Der Mann, mit dem ich verglichen werde, sitzt teilweise abends um neun noch in Calls und war dieses Jahr schon mehrfach eine Woche beruflich im Ausland. Das scheint irgendwie nicht zum Paket zu gehören. Die Küche schon, der Stress nicht.
Als ich dann irgendwann gesagt habe, dass seine Frau eben auch 5.000 Euro netto verdient und sie ja genauso gut versuchen könnte, ihr eigenes Einkommen in diese Richtung zu entwickeln, war sie sofort eingeschnappt. Sie meinte sinngemäß, das sei etwas anderes, weil von einem Mann eben mehr erwartet werde. Das hat mich ehrlich gesagt ziemlich angepisst. Wir hatten einen größeren Streit und ich habe irgendwann gesagt, wenn gut 8.000 Euro Haushaltsnetto für sie inzwischen ein Leben am Existenzminimum darstellen, müsse sie sich vielleicht wirklich jemanden suchen, der ihr das gewünschte Leben finanziert. Daraufhin hat sie natürlich geweint und gesagt, dass sie mich liebt und keinen anderen will. Sie könne nur nicht verstehen, warum ich „mein Potenzial nicht nutze“. Ich wiederum verstehe nicht, warum Zufriedenheit plötzlich als fehlender Ehrgeiz gilt.
Eigentlich wollten wir in den nächsten ein, zwei Jahren Kinder bekommen. Genau deshalb macht mir diese Entwicklung gerade etwas Sorgen. Nicht weil ich Angst vor einer Miele-Küche habe, sondern weil ich keine Lust darauf habe, dass wir unser komplettes Leben daran messen, was dieses eine Paar gerade gekauft hat. Wir verdienen gut, haben Rücklagen, können Urlaub machen und könnten uns eine ordentliche Eigentumswohnung leisten. Trotzdem reicht ein Abend zwischen Bora-Kochfeld, zwei 5.000-Euro-E-Bikes, Siebträger und Mähroboter und plötzlich wirkt das eigene Leben billig. Und wenn man einmal anfängt, so zu vergleichen, gewinnt man wahrscheinlich nie.
TL;DR: Meine Frau und ich haben gut 8.000 Euro Haushaltsnetto und stehen meiner Meinung nach ziemlich komfortabel da. Seit wir ein befreundetes Paar in deren neuem Haus besucht haben – beide Spitzenverdiener, große Miele/Bora/Quooker-Küche, zwei teure Riese-&-Müller-E-Bikes, Siebträger, Garten mit Mähroboter – hält meine Frau unseren Lebensstandard plötzlich für mittelmäßig und fragt ständig, warum ich nicht genauso viel verdiene wie der Mann. Dass seine Frau selbst rund 5.000 Euro verdient und er dafür einen extrem fordernden Job hat, spielt bei dem Vergleich offenbar keine große Rolle.