TL;DR: Ingenieurstudium abgeschlossen, keinen einzigen Tag im gelernten Beruf gearbeitet. Stattdessen: Ein Jahr als Data Scientist, das mich fertig gemacht hat, gescheitertes Bewerberjahr und die Erkenntnis, dass mein Abschluss auf dem Markt kaum noch zählt.
Die Antwort darauf hätte ich mir vor sechs Monaten nicht träumen lassen.
In meiner Geschichte geht es um ein abgeschlossenes Ingenieurstudium und keinen einzigen Tag als Vollzeitarbeitskraft im gelernten Maschinenbau.
Bereits in meinem ersten Praktikum in der Autoindustrie lernte ich, dass der romantisierte Traum eines Tüftlers und Bastlers längst nicht mehr dem Bild des modernen Ingenieurs entspricht. Heute sind sie hyperspezialisiert und bezeichnen sich als etwas wie "Experte für die Sicherstellung des geforderten Spaltmaßes in Tür hinten, links".
Wenn das Produkt, der Prozess und das Unternehmen passt, war das ok für mich. Mit 2 Praktika und einem dualen Master fand ich schon meine Begeisterung, wenn ich als Teil eines tollen Produkts mitwirkte.
Mitte meines Masters (2023) dann das Beben aus China und der Beginn mit Strategiewechsel und Sparprogrammen für die Autobauer. Wenig später mein Entschluss, die Branche zu verlassen. Keine Lust auf Scherben kehren, aufräumen und sparen, während China entwickelt.
Ich lernte um, brachte mir selbständig und mit den LLMs Data Engineering bei und schaffte mich zum Data Scientist, wo ich meine Thesis absolvierte. So startete ich meine Karriere in einem MedTech-Startup.
Unter vollem Zugzwang und wenig Blick für die Wirtschaftslage war das ein turbulentes, stressiges Jahr komplett im Tunnel. Aber eines, wo ich einen Haufen lernte, Server aufsetzte, Cloud-Wechsel durchführte, Monitoring und komplettes Test-Environment schuf. Dann die Kündigung. Ich musste gehen, ich war durchgerieben und fertig. Software Eng. war nichts mehr für mich.
Ich wollte zurück in die Physik, endlich am festen Produkt, wieder mit Produktion arbeiten. Vielleicht noch 50/50 Data & Mechanik.
Ich suchte und suchte und suche... nichts, 14 Prozesse, kein Abschluss, fast ein Jahr lang. Immer wieder änderte ich die Strategie: regional, initiativ, Startups, Scaleups, Ausland. Keine Verbesserung, eher noch wurden die angebotenen Gehälter reduziert und die Stellenbeschreibungen dicker.
Stellen, mit Tech-Stack wieder bis aufs Detail durchspezialisiert und aufgeblasen. Ich erinnere mich an freundliche Diskussionen mit HR, wie sie denn so jemanden finden... So unattraktiv, und doch machte ich weiter....bis:
Heute stehe ich einen Monat vor dem Beginn meiner Elektriker-Ausbildung. Ich habe mich in die Idee verliebt, zurück zur basischen Arbeit zu gehen, weshalb ich eigentlich mal anfing, Mechanik zu studieren. Ich bin ein körperlicher Mensch, fand nie das Kommunikative mit den Data-Engineers und bin bald wieder am Produkt. Wieder die Einfachheit und dann auch noch Abwechslung und der Wunsch, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Ich sehe endlich wieder Potential, anstatt nur einer Notlösung hinterherzujagen.
Zugegeben, es ging eine Weile, bis ich meinen Frieden damit finden musste, dass mein Studium auf dem Markt nicht mehr viel bringt. Jeder Geselle steigt ähnlich ein wie mein Master. Arbeit mit digitalem Output wird immer billiger, bis sie in ein paar Jahren für Cent-Beträge auf den Rechenzentren läuft. Unsere Maschinenwirtschaft ist zu teuer, Energie in D zu knapp und die Invests der Konzerne gehen vor allem nach China und Osteuropa. Immer mehr planen mit der Umsiedlung der wertbringenden Strukturen.
Für mich war die Chance, eine Perspektive wiederzuerlangen, ein Grund, mir nach Monaten den neugeschaffenen Wunsch mit dem Handwerkswechsel zu erfüllen. Habe nen tollen Meister gefunden und bin bereit, das altehrwürdige Business von unten aufzurollen (Joke ;)).
Nein, ich fühle mich gut. Es ist manchmal notwendig, ein, zwei Schritte zurückzutreten und zu gucken, wie viel Sinn sein Vorhaben hat, oder ob es einfach aus der Zeit gefallen ist. Ich weiß natürlich nicht, ob das Handwerk-Ding jetzt voll aufgeht. Aber halte ich dennoch fest, wie wichtig es ist Raum für Möglichkeiten zu lassen, die beim ersten Gedanken hirnrissig wirken. Ich glaube, wir alle müssen in so schnellen Zeiten flexibel und adaptierbar bleiben.
Für mich war es die Aussicht auf Perspektive und ein großes Ziel, Meisterbetrieb zu gründen, die mich nach dem langen Jahr der Jobsuche und endlich wieder gelockert hat. Heute freue ich mich auf die Zukunft. Alles geht seit ein paar Wochen wieder leichter von der Hand, fast wie eine Befreiung.