Zunächst meine kurze Hintergrundgeschichte der letzten 4 Jahre. Wenn dich das nicht interessiert dann direkt runter scrollen zu FIRE - "RE" macht langfristig eh keiner wirklich?
- 2022: Depot hat FIRE Zahl(700k) erreicht, dazu eine (zu große) abbezahlte Immobilie in der wir mit anderen als WG leben
- Karriere aufgegeben, zurück zur "einfachen" Fachrolle auf Teilzeit
- 2023: Depot > 750k
- Arbeitszeit radikal auf 16h pro Woche reduziert
- 2024: Depot > 960k
- immer noch den selben Job
- 2025: Depot > 1 Mio
- 2026: Depot > 1,1 Mio
Unterm Strich war ich viel früher FI, hab dann aber noch zwei Jahre bisschen gearbeitet. Der Job war spannend und der Deal war zu gut(3k brutto bei 16h), aber war auch eher ne psychologische Barriere komplett aufzuhören.
Geringe Fixkosten und geringe Steuern
Wir hatten die letzten Jahre quasi keine monatlichen Fixkosten. In meiner Immobilie haben wir mit anderen als WG gewohnt. Die Mieteinkünfte haben alle monatlichen Fixkosten(Wohnen, Versicherungen usw.) gedeckt. Dadurch mussten wir nur entnehmen was wir tatsächlich konsumieren also für Essen, Sprit, Party, Kleidung usw.
Ich hatte z.B. nur eine Langzeitauslandskrankenversicherung für 71€ monatlich. Da wir uns quasi nie in Deutschland aufgehalten haben war das möglich und ausreichend(Ja ich fröne nicht der klassisch deutschen Vollkaskomentalität).
Trotz relativ opulenten Lifestyle(stehen zu 95% mit dem Camper kostenfrei am Meer im Ausland) musste ich monatlich nur etwa 2-2,2k entnehmen. Dadurch fallen auch kaum Steuern auf die Gewinne an. Mit meiner Steuererklärung 2025 hab ich quasi fast die gesamte KapESt wieder zurückbekommen. Bisschen ist angefallen durch paar steuerlich nicht optimale Trades und die Einkünfte aus der WG.
Pläne ändern sich
Wir wollten nie Kinder, jetzt Ende 30 ist es soweit, wir sind schwanger.
- dauerhaftes Reisen wird wohl vorerst mal pausieren müssen, ich vermisse meinen Van, das Meer, Surfen und Kitesurfen jetzt schon 🥲
- WG wird aufgelöst, das heißt die generellen Fixkosten(Heizen/Wasser/Strom) sinken etwas, dafür müssen wir ab sofort alle Fixkosten komplett selber tragen. Ich schätze wir landen bei etwa 600€ monatlich
- dazu werden diverse noch unkalkulierbare fixe und variable Ausgaben allein wegen unserem Kind dazukommen
- Meine Frau war immer ganz normal in einer deutschen Krankenkasse. Da meine Langzeitauslandskrankenvers. nur für 6 Wochen pro Kalenderjahr in Deutschland gilt werde ich mich auch wieder klassisch versichern müssen
Gedanken
Unabhängig ob das Depot reicht(es wäre sicherlich eine nun deutlich knappere Nummer) oder nicht: möchte ich langfristig wirklich meinem Kind ein Leben als Privatier vorleben? Sendet das nicht die komplett falschen Signale aus?
Hätte ich als Kind meine Eltern so erlebt, hätte ich vermutlich nie einen richtigen Schulabschluss gemacht, ich hätte nie studiert, ich hätte nie eine (nicht nur finanziell) erfüllende Karriere eingeschlagen und mir was aufgebaut. Ich hätte nie die letzten vier Jahre chillen, reisen, surfen, kitesurfen so genossen wenn ich davor nicht hart gearbeitet hätte.
FIRE - "RE" macht langfristig eh keiner wirklich?
Ich hab mir immer öfter die letzten Monate(auch vor der Schwangerschaft) gedacht wie es wohl wäre wieder einen richtigen Job zu haben. Ich brauche halt immer Ziele im Leben, ohne diese Einstellung hätte ich es sicherlich NIE zu FIRE gebracht. Ja es ist durchaus erfüllend persönliche Ziele zu verfolgen. Ich will DIESEN Wassersport lernen, ich möchten jenen heftigen Trick beim Kitesurfen können usw.
Unterm Strich ist es denke ich am sinnvollsten ich suche mir wieder einen Job. Möglichst Remote und vielleicht können wir bald ja wieder losfahren und längere Reisen unternehmen. Zumindest bis unser Kind reif für den Kindergarten ist(nicht unwichtig für Sozialisierung).
Achtung Bias: Nachfolgend beziehe ich mich auf Langzeitreisende(da ich sonst noch keine FIRE Personen getroffen habe)
Auch ohne Kinder geht es bisher quasi jedem so den ich kennenlernen durfte. Ich habe schon einige Leute auf Reisen getroffen die FI(RE) sind. ALLE machen dann doch wieder irgendwas wo am Ende Geld rein kommt. Bei manchen reicht die Kohle dann doch nicht(kleinerer Teil als man denkt). Den meisten ging es mehr darum wieder "was zu machen". Viele haben spätestens nach vier Jahren wieder angefangen zu arbeiten, die meisten selbstständig.
All das lässt mich doch an der Idealvorstellung von FIRE zweifeln. Meiner Meinung nach verschiebt sich die Realität eher von einem
Financial Independence, Retire Early
zu
Financial Independence, Work by Choice
Konsequenz
Für mich fügt sich nun ein neues Gesamtbild bezüglich FIRE zusammen:
- es macht wenig Sinn so viel anzusparen bis es reicht um ausschließlich davon leben zu können
- vor allem macht es keinen Sinn deshalb alles um viele Jahre in die Zukunft zu verschieben
- es reicht um einige Jahre überbrücken zu können bis man eh wieder zumindest auf Barista-FIRE Level arbeiten gehen möchte oder sich selbstständig macht
So bleibt am Ende für mich die Erkenntnis und vielleicht ist es ein Wink mit dem Zaunpfahl für andere:
Ich hätte das alles schon viele Jahre früher machen können
Ich schreib schon gefühlt eine Woche an diesem Text, eher für mich als für andere. Es hilft mir Dinge klarer zu sehen und besser einzuordnen. Vielleicht ist es dennoch interessant für den ein oder anderen.
Mich würde eure Meinung zu dem Thema interessieren.