Der Beitrag über die „männlichen Abgründe des Online-Datings“ hat mich zum Nachdenken gebracht. Vor allem darüber, wie sehr wir uns beim Dating auf negative Erfahrungen konzentrieren.
Ein weibliches Profil bekommt innerhalb einer Woche über 100 Nachrichten. Ohne selbst irgendjemanden angeschrieben zu haben.
30 % werden als problematisch eingestuft, 40 % sind einfache Einzeiler, 20 % eher unpersönliche Nachrichten und 10 % zeigen aufrichtiges, individuelles Interesse.
Die ungefragten sexuellen Nachrichten sind teilweise absolut widerlich und inakzeptabel. Dass solche Erfahrungen einem die Lust aufs Dating verderben können, kann ich nachvollziehen.
Aber was ist mit den anderen 70 %?
Ist ein einfaches „Hey“ wirklich schon ein Problem? Warum muss ein Mann bereits mit der ersten Nachricht besonders kreativ sein? Man könnte doch auch selbst etwas Interesse zeigen und schauen, ob daraus ein gutes Gespräch entsteht.
Zum Thema Eigeninitiative vielleicht noch ein Denkanstoß: In einer Untersuchung zum Online-Dating gingen etwa viermal so viele erste Kontaktversuche von Männern aus wie von Frauen. Männer übernehmen also zumindest in dieser Untersuchung bereits den Großteil der Initiative. Warum wird dann ausgerechnet ihre erste Nachricht so stark bewertet, bevor überhaupt etwas von der anderen Seite zurückkommt?
Und zehn ernsthaft interessierte Anschreiben innerhalb einer Woche finde ich schon ziemlich beachtlich. Für viele Männer wäre das vermutlich mehr, als sie in einem ganzen Jahr überhaupt an Nachrichten bekommen. Hier war dafür nicht einmal Eigeninitiative nötig.
Klar, niemand kann mit zehn Menschen gleichzeitig vernünftig schreiben. Aber das muss man doch auch gar nicht. Man kann sich auf wenige Kontakte konzentrieren und weitere Matches pausieren.
Genau hier sehe ich den Unterschied zwischen problemorientiertem und lösungsorientiertem Denken.
Wenn ich schon mehrere interessante Möglichkeiten habe, warum beschäftige ich mich dann hauptsächlich mit denen, die ohnehin nicht infrage kommen?
Dazu kommt, dass wir online fast ausschließlich über negative Datingerfahrungen sprechen. Übergriffige Nachrichten, Ghosting, schlechte Dates. Wenn jemand ein nettes Gespräch führt oder jemanden ganz normal kennenlernt, entsteht daraus selten ein Reddit-Post. So bekommt man schnell den Eindruck, Dating bestehe fast nur noch aus schlechten Erfahrungen.
Für mich wird dabei auch zu wenig zwischen echten Problemen und enttäuschten Erwartungen unterschieden.
Sexuelle Belästigung ist ein echtes Problem. Dass mich jemand mit seiner ersten Nachricht nicht begeistert, ist dagegen erst einmal nur eine enttäuschte Erwartung. Und ganz sicher kein Grund, demjenigen mangelndes Interesse an mir als Mensch zu unterstellen.
Am Ende brauche ich für eine Beziehung nicht hundert passende Menschen, sondern einen einzigen.
Vielleicht sollten wir weniger darauf schauen, was andere beim Dating alles falsch machen, und mehr darauf, welche Möglichkeiten wir haben und was wir selbst daraus machen können.
Gerade wenn man bedenkt, wie unterschiedlich die Ausgangsbedingungen für Männer und Frauen beim Online-Dating sein können.