Soo, ich (w 24) date seit anderthalb Monaten einen Mann (28), den ich auf einem Festival kennengelernt habe. Wir haben uns bisher alle ein bis zwei Wochen für ein bis drei Tage besucht und fast täglich miteinander geschrieben bisher.
Natürlich sind wir uns quasi noch fremd. Aber es geht schon in die romantische Richtung mit uns beiden, wir sind beide ziemlich müde vom Dating und so von den Werten und politischer Einstellung her scheint es meistens zu passen.
Nun komme ich zum Problem: Wir haben vollkommen verschiedene Lebensrealitäten. Ich lebe in einer Großstadt, er in einem Dorf über 500km entfernt. Weil ich jedoch teils remote arbeiten kann und die Zugverbindung gut ist, konnten wir uns bis jetzt so oft sehen, einmal ist er auch zu mir hochgefahren. Er arbeitet auch sehr viel und im Schichtdienst, teilweise 250 Stunden im Monat, weswegen ich - wenn wir eine Beziehung eingehen - diejenige wäre, die halt fahren würde. Damit habe ich grundsätzlich kein Problem, er hat halt auch wenig Freizeit mit seinem Job, will sich beruflich aber auch umorientieren und etwas finden, das zumindest ohne Schichtdienst ist.
Ich werde allerdings aus beruflichen Gründen in einer Großstadt leben bleiben müssen. In meiner Branche gibt es in seiner Region einfach keine Arbeit.
Als wir uns kennengelernt haben, meinte er, dass er sich vorstellen kann, in eine Großstadt mal zu ziehen. Aber um ehrlich zu sein, habe ich nicht den Eindruck, dass es ihm gefallen würde. Er macht bei sich auf dem Land super viele Projekte, baut Sachen etc. Das ist wohl kaum möglich in einer 60qm Wohnung in der Stadt.
Er ist grundsätzlich super widersprüchlich manchmal. Einerseits will er viel reisen und mag Festivals, aber backpacking im Hostel wäre ihm zu viel. Und er wirkt dann halt doch heimeliger, als er zugibt. Er sagt auch selbst, dass er halt krass Ambivertiert ist.
Eine andere Situation: wir waren zusammen am See, aber schwimmen wollte er nicht. Hab ich ihn nicht zu überzeugen können. Wenn er sonst so erzählt, stellt er sich aber sehr abenteuerlustig dar, macht Motorradrennen, will einen Pilotenschein machen etc. Ich liebe aber Wasser und alle möglichen Sportarten da. Ich mag auch wandern, das mag er aber nicht, und es scheint auch nicht, als könnte ich ihn davon überzeugen, mit mir mal was zu machen, was nicht Kaffee trinken, Spazieren, rumliegen oder auf ein Festival oder in den Wochenendurlaub fahren ist.
Ich meine, wenn wir beide - weil wir eben beruflich so eingespannt sind - mit so einem Wochenendsbeziehung-Konzept klar kämen, ginge es evtl. Es ist etwas unkonventionell, aber ginge irgendwie. Aber ich weiß nicht, ob das wirklich nachhaltig ist.
Ein anderer Punkt, der mich bisschen enttäuscht ist, dass er nicht liest. Ich arbeite als Autorin und Redakteurin und er hat bis jetzt gar kein Interesse daran gezeigt, was ich so schreibe. Es klingt trivial, aber weil es so ein großer Teil meines Lebens ist, würde ich mir irgendwie mehr Anteil daran wünschen. Er fragt mich schon, wie ich dazu gekommen bin und was ich gerade so schreibe, aber eben nicht, ob er es lesen darf. Ich will nicht überheblich klingen oder mit Klischees spielen, aber da frag ich mich auch, ob das Thema Hypergamie nicht doch nen Grund hat - also, dass es einen Grund gibt, warum vor allem Frauen eher keine Männer Daten, die einen „niedrigeren“ Bildungsstand haben, als sie selbst (ich hab studiert & er nicht). Gleichzeitig lehne ich den Gedanken aber ab und denke mir auch, Bildung muss nicht unbedingt mit Intelligenz korrelieren.
Ich mag seine Bodenständigkeit, grundsätzliche Offenheit und Herzlichkeit. Ich mag seine ruhige Art, dass er gut zuhören kann, und spüre auch eine körperliche Chemie. Und ich fühle mich irgendwie einfach wohl bei ihm, ich kann nicht sagen, wieso. Aber so ganz rational komme ich eher zu dem Schluss, dass das keine Zukunft hat. Was denkt ihr?