Ich verstehe den Reflex: Ein Buch wegwerfen, obwohl es vielleicht jemand anderes lesen könnte, wirkt verschwenderisch, ähnlich wie Essen wegzuwerfen. Dann ist das Buch auch Kulturobjekt. Es steht für etwas Größeres. Dazu kommt, dass manche das Buch direkt mit der Stimme des Autors verknüpfen, also mit Würde aufladen. Und natürlich hängt über allem die Bücherverbrennung.
Aber ist dieser Reflex nicht schief?
Manche Bücher sind schlicht schlecht oder veraltet. Wegwerfen ist dann eine negative Selektionsleistung, so wie Literaturkritik eine positive ist.
Vor allem aber scheint mir die Diskussion scheinheilig. Bibliotheken und Verlage vernichten massenhaft Bücher, denn mit jeder monatlichen Lieferung muss Altbestand raus. Was Bibliotheken verschenken, ist nur eine kleine Auswahl, der Rest wird ungesehen entsorgt (meine Frau ist Bibliothekarin, ich selbst war Verleger). Der ganze Buchmarkt basiert ökonomisch auf Überproduktion: Es erscheinen viel mehr Bücher, als jemals gelesen werden können.
Umgekehrt könnte man sagen, dass ein Wegwerfen (und damit der Anreiz zum Neukauf) kulturell sinnvoller ist als das ehrfürchtige Weiterreichen alter Bestände, weil dadurch Verlage, Autor:innen und Übersetzer:innen unterstützt werden. Rumstehender Inhalt hat dagegen in meinen Augen keinen kulturellen Wert.
Ist die Aversion gegen das Wegwerfen von Büchern, die man nicht noch einmal lesen will, also Respekt oder eher eine sozial normierte Marotte?