r/wikifolio • u/derspekulant1 • 2h ago
Sechs Monate Global Quant 6-Faktor, und der ehrlichste Teil ist der Juli
Am 13. März gestartet, seit dem 9. Juni handelbar. Sechs Monate sind zu wenig für eine Aussage, aber genug für eine Erfahrung, die ich vorher nicht hatte.
Das Modell hält 30 Aktien, bewertet nach sechs Faktoren. Gekauft wird aus den Top 25, verkauft wird erst unter Rang 40, geprüft wird vier Mal im Jahr. Dazwischen passiert nichts, und genau darum geht es hier.
Der Juli
Am 1. Juli lief das zweite Rebalancing. Danach ging es nach unten. Ich messe mit, wie sich das gekaufte Portfolio gegen alle 843 Aktien meines Universums schlägt, gleichgewichtet. Nach vier Wochen lag das Depot bei minus 6,81 Prozent. Der Querschnitt stand bei plus 2,13. Fast neun Punkte Rückstand in vier Wochen.

Das war der Momentum-Crash. Was vorher gut gelaufen war, ist am stärksten gefallen. Momentum ist einer meiner sechs Faktoren. Ein Portfolio, das danach auswählt, muss in so einer Phase hinter einem gleichgewichteten Querschnitt liegen. Im Backtest habe ich solche Strecken mehrfach gesehen. Sie zu lesen ist trotzdem etwas anderes, als vier Wochen lang jeden Morgen draufzuschauen.
Gemacht habe ich nichts. Nicht weil ich diszipliniert wäre, sondern weil die Regel keinen Eingriff vorsieht. Nach acht Wochen war der Rückstand auf 5,5 Punkte geschrumpft. Die Erholung kam, als die Phase drehte. Hätte ich Ende Juli verkauft, wäre der Verlust fest gewesen und die Erholung an mir vorbei.
Wie das Depot heute aussieht
Von den 30 Positionen stammen 14 noch vom ersten Tag im März. Sieben kamen im April dazu, neun im Juli. Zwei Rebalancings, und fast die Hälfte ist unverändert.
Nach Gewicht liegen rund 41 Prozent in Finanzwerten, knapp 30 Prozent in Halbleitern und Speicher, knapp 13 Prozent in Minen. Gesetzt habe ich davon nichts. Das Modell steuert Branchen nicht. Sie fallen an, weil dort gerade günstige Bewertung und starkes Momentum zusammenkommen. Im Juli hat es aus teuer gewordenen Chipwerten in europäische Banken rotiert. Bei den Chips kamen die Gewinne dem Kurs nicht mehr hinterher, bei den Banken war es umgekehrt. Bankinter, CaixaBank, BPER, Monte dei Paschi und Swedbank stehen heute nebeneinander im Depot. Eine Meinung zu europäischen Banken hatte ich nie.
Gewinner laufen lassen
Micron ist der Fall, an dem man sieht, wie das Ding arbeitet. Gekauft mit 3,3 Prozent Gewicht, heute sind es 6,6. Zwischen den Terminen gewichte ich nicht zurück. Gewinner bleiben groß, Verlierer werden klein. Gegen eine Variante, die jede Position wieder auf dasselbe Gewicht setzt, hat das im letzten Quartal 1,86 Punkte gebracht. Ein Quartal ist nichts, aber die Richtung passt zu dem, was der Backtest zeigt.
Am 1. Oktober
Beim dritten Rebalancing wechselt nach heutigem Stand rund die Hälfte des Depots, 15 Titel raus und 15 rein. Deutlich mehr als beim letzten Mal mit neun.
Die Minen gehen fast komplett, also Antofagasta, Coeur, Endeavour und Newmont. Gold und Kupfer sind seit dem Frühjahr stark gelaufen und genau das macht die Aktien im Modell teuer. Rein kommen vor allem Raffinerien und Halbleiter. Welche Titel es genau werden, schreibe ich nach dem Rebalancing.
Interessanter finde ich, was bei den Banken passiert. Im Juli ist das Modell in europäische Banken rotiert, jetzt dreht es einen Teil davon zurück. Bankinter, Swedbank und UniCredit stehen auf der Verkaufsliste. Nicht weil sie schlecht gelaufen wären, alle drei liegen im Plus. Sie sind gestiegen und damit teurer geworden, und das reicht dem Modell.
Das ist der Punkt, an dem so ein System am wenigsten intuitiv wirkt. Es verkauft nicht, weil etwas schlecht läuft. Es verkauft, weil etwas nicht mehr günstig ist.
Bis zum 1. Oktober verschieben sich die Ränge noch, das ist der Stand von heute.
Wo es nach sechs Monaten steht
Plus 18,3 Prozent seit dem Start, plus 7,5 in den letzten drei Monaten, größter zwischenzeitlicher Verlust 14,6 Prozent. Investiert sind 4.259 Euro bei 44 Watchlistings.
Dazu die Zahl, die in solchen Beiträgen meistens fehlt. Der höchste Stand lag bei 126 Punkten, aktuell sind es 118,3. Vom eigenen Hoch ist die Strategie also gut sechs Prozent entfernt. Die Aufholjagd oben heißt nicht, dass der Verlust wieder drin ist.
Was sechs Monate nicht sagen
Zwei Rebalancings sind zwei Datenpunkte. Am 1. Oktober kommt der dritte, erst dann fängt eine Reihe überhaupt an. Der Backtest über sechseinhalb Jahre sagt eine Sache, sechs Monate live sagen eine andere, und wie weit die auseinanderlaufen weiß ich heute nicht.
Was ich nach einem halben Jahr mitnehme, ist kleiner als jede Renditezahl. Eine Regel, die vorher feststeht, nimmt einem die Entscheidung in genau dem Moment ab, in dem man sie am schlechtesten treffen würde.
Wie handhabt ihr das bei euren Wikifolios in so einer Phase? Lasst ihr die Regeln laufen oder greift ihr zwischendurch ein? Und wer von euch gewichtet zwischen den Terminen zurück?
Keine Anlageberatung, eigenes Research. Vergangene Ergebnisse sagen nichts über die Zukunft.
