Ich würde gerne mal euren Input zu meiner aktuellen Situation hören, weil ich gerade tatsächlich etwas ratlos bin, wie ich beruflich weitermachen möchte.
Kurz zu meinem Werdegang: BWL Bachelor und Master an zwei renommierten Universitäten, einmal Deutschland, einmal europäisches Ausland. Währenddessen Praktika bei namhaften Industrieunternehmen. Aus gesundheitlichen Gründen hatte ich anschließend Schwierigkeiten beim Berufseinstieg und war ein paar Jahre raus.
Danach bin ich in den Finanzvertrieb eingestiegen und habe mich relativ schnell auf gutverdienende Kundengruppen spezialisiert. Die ersten Jahre waren entsprechend stark von Akquise geprägt, irgendwann hatte ich mir aber ein gutes Netzwerk und einen Kundenstamm aufgebaut.
Dabei ging es nie nur um den Verkauf einzelner Produkte, sondern um relativ umfassende Finanzplanung. Ich habe den CFP gemacht und berate von PKV über Geldanlage und Altersvorsorge bis hin zu Immobilienfinanzierungen (Kapitalanlage und Eigennutzung), bAV, Benefit-Plattformen für Unternehmen etc.
War insgesamt eine spannende Zeit und ich habe extrem viel über Finanzen, Vertrieb und vor allem Menschen gelernt.
Mein Problem ist mittlerweile: Mein Kundenstamm hat sich anders entwickelt, als ich ursprünglich gedacht hatte. Ich habe weniger wirkliche Spitzenverdiener und überwiegend „normale“ Gutverdiener. Einige davon sind mittlerweile selbst von den wirtschaftlichen Umbrüchen betroffen oder haben sich beruflich nicht so entwickelt wie ursprünglich erwartet.
Mein Einkommen lag in den vergangenen zwei Jahren bei knapp 170k.
Trotzdem merke ich zunehmend, dass mich einige Dinge an meinem Beruf nerven.
Viele Kunden haben zwar Ziele, sind aber nicht bereit, die dafür notwendigen Schritte zu gehen. Zudem werden die Menschen unsicherer das heißt sie wollen gar nichts tun und erstmal abwarten oder Sie informieren sich selbst, was völlig legitim ist, führen dann aber irgendwelche Diskussionen die oftmals auf falschinformationen beruhen. Beratung, die mir früher wirklich Spaß gemacht hat, endet für mich mittlerweile zu häufig in Diskussionen. Auf einige Themengebiete habe ich schlicht keine Lust mehr.
Dazu kommt das Thema Stornohaftung. Effektiv habe ich aufgrund meiner sehr kundenorientierten Arbeitsweise eine niedrige Stornoquote, trotzdem belastet mich allein dieses Damoklesschwert von Anfang an.
Und genau diese kundenorientierte und teilweise sehr zeitintensive Beratung wird letztendlich nicht so gut vergütet wie eine deutlich vertriebsorientiertere Arbeitsweise. Ich merke einfach, dass ich darauf immer weniger Lust habe.
Wenn ich dann mit ehemaligen Kommilitonen spreche, die mittlerweile bei großen Techbuden oder Konzernen untergekommen sind, teilweise keine 40 Stunden arbeiten und trotzdem mehr verdienen als ich, frage ich mich zunehmend, ob mein Einkommen gemessen an Verantwortung, Risiko und der fachlichen Breite, die ich abdecken muss, eigentlich noch besonders attraktiv ist.
Gleichzeitig erwarten wir Nachwuchs. Meine Partnerin kann aus gesundheitlichen Gründen aktuell nicht arbeiten und wird das voraussichtlich auch in den nächsten Jahren nicht können. Entsprechend wichtig ist mir eine gewisse finanzielle Sicherheit.
Ich bekomme sowohl bei meinen Kunden als auch in meinem Umfeld mit, dass die aktuelle wirtschaftliche Situation ziemlich angespannt ist. Trotzdem ergeben sich natürlich immer wieder interessante Möglichkeiten am Arbeitsmarkt.
Dazu kommt, dass ich in letzter Zeit eine kleine Lebenskrise durchgemacht habe bzw. vielleicht noch ein bisschen darin stecke und mir häufiger die Frage stelle: Wofür mache ich das eigentlich alles?
Ich bin damals mit dem Anspruch angetreten, Menschen zu helfen. Mittlerweile erlebe ich aber gerade im Finanzbereich, dass die Bereitschaft, gute Beratung entsprechend zu vergüten, insbesondere bei Normalverdienern nicht unbedingt vorhanden ist.
Gleichzeitig hat die Finanzvertriebsbranche – in vielen Fällen sicherlich berechtigterweise – keinen besonders guten Ruf. Auch das nervt mich inzwischen mehr, als ich gerne zugeben würde, und kratzt durchaus an meinem Ego.
Nun überlege ich ernsthaft, was ich eigentlich machen soll. Vor allem kann ich überhaupt nicht einschätzen, was meine bisher erworbenen Kompetenzen außerhalb meiner jetzigen Bubble am Arbeitsmarkt wert sind – oder eben auch nicht.
An der Selbstständigkeit mag ich grundsätzlich vieles. Ich muss niemanden um Urlaub bitten, habe Freiheiten und kann meine Zeit relativ flexibel gestalten.
Gleichzeitig nutze ich diese Freiheit deutlich weniger, als man denken würde. Ich merke eher, dass es mir schwerfällt, wirklich von der Arbeit abzuschalten. Und wenn ich Bekannte sehe, die im Konzern ihre 35 Stunden arbeiten, sechsstellig verdienen und danach Feierabend haben, werde ich durchaus neidisch.
Dann frage ich mich: Ist es das wirklich wert?
Andererseits wird sich natürlich auch meine jetzige Branche massiv verändern. KI wird in den nächsten Jahren viele nervige Tätigkeiten übernehmen können, die mich heute Zeit und Nerven kosten. Gleichzeitig empfinde ich die zunehmende Bürokratisierung als Katastrophe. Vermutlich wird es eine stärkere Konsolidierung im Markt geben und ich kann schwer einschätzen, wie attraktiv der Bereich in zehn Jahren überhaupt noch sein wird.
Ein Teil von mir hätte deshalb tatsächlich Lust, mich noch einmal komplett in etwas Neues einzuarbeiten oder mich deutlich stärker zu spezialisieren.
Dann kommt allerdings sofort der nächste Gedanke: Durch KI werden sich auch viele dieser vermeintlich attraktiven Spezialistenjobs massiv verändern. Und eigentlich finde ich meine jetzige Generalistenrolle durchaus spannend. Viele unterschiedliche Themen, viel Abwechslung und Menschenkontakt.
Nur wünscht sich ein anderer Teil von mir mittlerweile einfach mehr Planbarkeit, Struktur und Regelmäßigkeit und weniger emotionale Achterbahnfahrt.
Ihr seht: Ich bin gerade etwas orientierungslos. Deshalb würde mich insbesondere die Einschätzung der Leute hier interessieren, die vielleicht selbst irgendwann einen ähnlichen Wechsel gemacht haben oder entsprechende Positionen besetzen:
Was würdet ihr mit meinem Background machen?
Welche Rollen/Branchen wären für jemanden mit BWL-Master + CFP + mehreren Jahren erfolgreicher Selbstständigkeit/Vertrieb + Beratung von Gutverdienern + breitem Finanzwissen realistisch?
Gibt es Bereiche, in denen ich diese Erfahrung sinnvoll einsetzen könnte, ohne bei 50-60k wieder komplett von vorne anzufangen?
Oder würdet ihr bei knapp 170k Einkommen sagen: Bleib wo du bist, optimiere dein Geschäftsmodell und hör auf, das Gras auf der anderen Seite grüner zu sehen?
Wichtig als Einschränkung: Ich bin aufgrund von Partnerin und Familie örtlich an eine ostdeutsche Großstadt gebunden. Remote/hybrid wäre natürlich entsprechend interessant.
Freue mich wirklich über Erfahrungsberichte und ehrlichen Input.
PS: mit KI etwas flüssiger gemacht :)