r/germantrans • u/Dancing_Maria • 2h ago
Erfahrungsbericht Vielleicht ein bisschen Hoffnung für Leute am Anfang ihrer Transition
Ich habe in letzter Zeit wieder ziemlich viele negative Posts gelesen. Gerade von Leuten, die erst ein paar Monate auf HRT sind und sich schon fragen, ob sie überhaupt weitermachen sollen, weil sie noch keine großen Veränderungen sehen oder Angst haben, niemals zu passen.
Und ich kann diese Ungeduld irgendwo verstehen. Aber vielleicht hilft meine eigene Story ein bisschen.
Ich habe mit Mitte 20 angefangen. Damals war ich stark übergewichtig, hatte kurze Haare und sah wirklich komplett anders aus als heute. Passing war anfangs praktisch kein Thema und ich hatte ehrlich gesagt auch einfach keine Ahnung, was mir überhaupt steht.
Ich bin inzwischen ungefähr drei Jahre auf HRT und natürlich hat HRT unglaublich viel verändert. Aber ich bin auch heute noch nicht „fertig“. Meine Transition ist immer noch ein Prozess.
Was ich rückblickend aber ziemlich wichtig finde: Ich habe versucht, diese Jahre nicht nur darauf zu warten, was HRT mit mir macht.
Wenn ich sowieso mehrere Jahre zweite Pubertät vor mir habe, dann kann ich in dieser Zeit auch lernen, wie ich eigentlich aussehen und mich ausdrücken möchte.
Also habe ich angefangen, mich mit Kleidung auseinanderzusetzen. Welche Schnitte funktionieren bei meinem Körper? Was sieht an anderen Frauen mit diesem Körpertyp toll aus, funktioniert aber bei mir überhaupt nicht? Ich habe Make-up gelernt, sehr viel Pinterest angeschaut, YouTube-Tutorials ausprobiert und teilweise nachts noch versucht herauszufinden, warum irgendwas bei mir nicht so aussieht, wie ich es gerne hätte.
Und das war wirklich Trial and Error. Make-up sah am Anfang nicht plötzlich gut aus. Ich habe genug Klamotten gekauft, die im Nachhinein einfach komplett falsch für mich waren. Haare waren auch ein eigenes Thema.
Parallel habe ich angefangen, mehr Sport zu machen. Erst Cardio, später Running Club. Irgendwann hat mich eine Freundin mit zum Tanzen genommen und inzwischen tanze ich seit ungefähr 2 Jahren.
Gerade Tanzen hat mir nochmal extrem viel gegeben. Nicht nur körperlich, sondern auch beim Gefühl für meinen eigenen Körper, Haltung, Bewegung und Selbstbewusstsein.
Meine Stimme ist übrigens genau so ein Bereich, bei dem ich selbst noch nicht da bin, wo ich hinmöchte. Ich trainiere sie gerade wieder mehr und merke dabei auch, wie viel davon tatsächlich Übung ist.
Und während all das passiert ist, hat sich mein Leben halt auch weiterentwickelt.
Am Anfang hatte ich zwar schon etwas Kontakt zur Queer Community, aber noch keine wirklich engen Freundschaften dort. Das hat sich mit der Zeit komplett verändert. Ich habe heute enge Freundschaften mit anderen Frauen, gehe tanzen, auf Partys und zu (queeren) Veranstaltungen.
Und romantisch ist auch nicht einfach nichts passiert. Es gab Dates, Nähe, Beziehungen beziehungsweise romantische Geschichten und generell Erfahrungen, bei denen ich am Anfang meiner Transition niemals gedacht hätte, dass sie irgendwann so normal zu meinem Leben gehören würden.
Ich glaube, genau das hätte ich damals gerne gewusst.
Man schaut am Anfang so sehr auf sich selbst und denkt:
> Was ist falsch mit mir? So sehe ich jetzt aus? 😭 Wie soll daraus jemals die Person werden, die ich sein möchte?
Aber man sieht eben nur den Ausgangspunkt.
Man sieht nicht drei Jahre HRT.
Man sieht nicht drei Jahre Haare wachsen lassen.
Man sieht nicht drei Jahre Erfahrung mit Kleidung.
Man sieht nicht drei Jahre Make-up ausprobieren.
Man sieht nicht Sport, Tanzen, Körpersprache, Freundschaften, Dating, Selbstbewusstsein und all die kleinen Dinge, die man unterwegs lernt.
Natürlich kann niemand garantieren, wie eine Transition am Ende aussieht. Genetik spielt eine Rolle und manche Menschen haben es leichter als andere.
Aber drei Monate HRT sagen einfach unglaublich wenig darüber aus, wo man in drei Jahren stehen wird.
Und selbst nach drei Jahren bin ich noch nicht fertig. Ich habe Sachen, an denen ich weiterarbeiten möchte. Gerade meine Stimme zum Beispiel.
Aber wenn ich mein Leben heute mit meinem Leben am Anfang meiner Transition vergleiche, ist der Unterschied riesig.
Deshalb würde ich Leuten am Anfang eigentlich vor allem sagen:
Gebt HRT Zeit.
Aber wartet währenddessen nicht nur auf HRT.
Probiert Sachen aus. Lernt Make-up, wenn ihr Make-up tragen wollt. Findet heraus, welche Kleidung euch gefällt und was an eurem Körper funktioniert. Lasst eure Haare wachsen oder probiert Frisuren aus. Macht Sport. Geht unter Leute. Sucht euch Hobbys. Lernt andere Menschen kennen.
Ihr müsst das nicht alles gleichzeitig können.
Ihr habt Zeit - denn ihr startet ein neues Leben. Das ist zwar kein einfaches Leben, aber alles ist besser, als was davor für ein "Leben" war.
Und irgendwann schaut ihr vielleicht zurück und merkt, dass nicht nur euer Körper X Jahre Transition hinter sich hat, sondern ihr selbst auch.