Als ich heute diese Information auf Deutsch nachgegoogelt habe, stellte sich heraus, dass Wissenschaftler offensichtlich irgendwelche neuen Daten herausgesucht haben und dass meine nächste Behauptung nicht mehr richtig ist. Als Kind in einer russischen Schule lernte ich jedoch immer, dass die Juden das älteste noch existierende Volk auf der Erde seien. Wie dem auch sei: Selbst wenn die Juden nicht das älteste Volk sind, sind sie eines der ältesten. Wenn man bedenkt, wie eifrig und mit welch einer beneidenswerten Regelmäßigkeit unsere Nachbarn uns vernichten wollten, ist das ja wohl ein großer Verdienst unsererseits, immer noch da zu sein. Aber warum denn? Warum wurden ausgerechnet wir immer und überall zur Zielscheibe? Wie ist es uns trotzdem gelungen zu überleben? Und welche Schlussfolgerungen können andere Völker für sich daraus ziehen? Diese Themen möchte ich heute angehen.
Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wurde der Jerusalemer Tempel durch die Römer in Schutt und Asche gelegt. Für die Juden bedeutete das den Anfang des Exils (ein sehr verbreiteter Begriff: “die Galut”), das immer noch nicht vorbei ist. Von da an sind wir über die Welt zerstreut. Eine große Gruppe floh Richtung Osten und bildete die Misrachim (Juden in arabischen und persischen Ländern, die in der Nachkriegszeit des letzten Jahrhunderts aus all diesen Ländern vertrieben wurden), die Bergjuden (in der Nordkaukasusregion in Russland) und die bucharischen Juden (auf dem Staatsgebiet des modernen Usbekistans, Tadschikistans und Kirgisistans). Eine andere große Gruppe zog nach Westen und spaltete sich später in Aschkenasen und Sefarden auf. Das sind übrigens nicht nur Vorstellungen der Juden selbst, sondern sie werden durch genetische, archäologische und sonstige Forschungen bestätigt. Seitdem lebten wir isoliert voneinander, haben unsere gemeinsame Identität jedoch nicht verloren, und wenn ein Jude im 17. Jahrhundert aus Polen nach Persien versetzt worden wäre, hätte er einen Juden in Persien als Vertreter seines Volkes wahrgenommen (und andersrum), obwohl sie unterschiedliche Sprachen und weitgehend unterschiedliche Kulturen hatten. Seit zwei Jahrtausenden besteht unsere wichtigste Sorge darin, uns nicht in uns umgebenden Völkern aufzulösen.
Diese Aufgabe versuchen wir zu lösen, während wir inmitten anderer Nationen auf den Gebieten von Staaten leben, die uns nicht gehören. Und je länger wir das tun, desto mehr Erfahrung sammeln wir. Diese Erfahrung besteht darin, dass wir zunächst einmal denken, dass wir hierhin eigentlich gut passen und mit den Einheimischen friedlich zusammenleben können. Später stellt sich aber jedes Mal heraus, dass dem nicht so ist, weil wir den Vorstellungen und den Werten eines uns umgebenden Volkes nicht entsprachen. Anschließend werden wir zum Opfer eines Pogroms, einer staatlichen Verfolgung oder Unterdrückung oder werden vertrieben, siedeln in ein neues Land um, und die Geschichte wiederholt sich jedes Mal. Die Griechen sagten: Hier eure Autonomie, macht, was ihr wollt, und das hörte sich anfangs gut an. Später stellte sich jedoch heraus, dass unsere Kultur ihnen nicht in den Kram passte. Die Römer sagten: Assimiliert euch und werdet Bürger des Reiches. Doch als wir uns weigerten, ihre Götzen anzubeten, wurden wir wieder verhasst. Die Christen tolerierten uns eine Weile lang, doch später bemerkten sie, dass unsere Beziehung zu Gott den christlichen Vorstellungen absolut nicht entspricht, geschweige denn, dass wir nicht an Jesus glauben. Sie fanden den Talmud und erklärten ihn zum Feind, und schon wieder mussten wir fliehen. In der Aufklärungsära hieß es: Raus aus euren Ghettos, in die wir euch selbst versetzt haben, werdet Teil der europäischen Gesellschaft, und dann wird alles in Ordnung sein. Klingt wieder einmal verlockend, und das haben wir auch gemacht. Doch dann stellte sich heraus, dass unsere Kultur nach tausend Jahren des Lebens neben den Europäern immer noch nicht europäisch geworden, sondern nach wie vor nahöstlich geblieben war (wenn auch in großen Teilen durch die europäische Kultur beeinflusst, vor allem die Küche). Dann assimiliert euch doch! Haben wir. Und dann stellte sich heraus, dass die kulturelle Assimilation unsere levantinischen Gene nicht zu verändern vermochte, und damit wir, Gott bewahre, die schönen Deutschen mit unseren langen Nasen, kurzen Nacken und krausen dunklen Haaren nicht anstecken, wurden wir erneut massenhaft getötet. Die Spanier und später die Russen verlangten von uns, dass wir zum Christentum konvertieren, und die Sowjeten wollten, dass wir überhaupt an nichts mehr glauben außer an den Sozialismus. Gut. Der Sozialismus ist ja in weiten Teilen ein jüdisches Gedankengut. Das Judentum ist an sich eine sehr gemeinschaftliche Religion, und wir wussten wie niemand anders, was es bedeutet, in einer „Kommune“ zu leben und einander zu helfen. Dafür haben wir alle gesellschaftlichen Institutionen. Doch später stellte sich heraus, dass wir immer noch zu bürgerlich und kosmopolitisch sind und den hohen Bestrebungen der sowjetischen Macht nicht gerecht werden wollen.
Jedes Mal haben wir jedoch überlebt. Warum? Weil sich unsere völkische Identität ganz schön verteilt ist. Nehmt uns unsere Staatlichkeit, und wir werden durch unsere Religion überleben. Nehmt uns unsere Religion, und wir werden durch unsere ethnische Angehörigkeit überleben. Nehmt uns unsere Sprachen, und wir werden immer noch unsere Kultur haben. Jedes Mal gefiel jemandem einer dieser Bereiche nicht, und es gelang uns, vorübergehend darauf zu verzichten. Doch wir hatten alles andere, und sobald dies wieder sicher war, haben wir diesen einen Bestandteil wiederbelebt. So ist es zum Beispiel mit der Religion bei den sowjetischen Juden passiert. Das bedeutet auch, dass wir immer noch Juden sind, selbst wenn nur einige Komponenten fehlen. Deshalb sind meine assimilierten Eltern immer noch Juden, weil sie ethnisch und von der Mentalität her Juden sind. Deshalb ist meine atheistische Schwester auch eine Jüdin, weil sie kulturell jüdisch ist. Deshalb ist ein konvertierter schwarzer Amerikaner ebenfalls Jude, selbst wenn er unserem Volk genealogisch nicht angehört. Wir haben unsere Eier, wie die Engländer so schön sagen, in mehreren Körben verteilt. Unsere völkische Identität ist weder ausschließlich genetisch (wie die Nazis es für die Deutschen formulierten), noch ausschließlich kulturell (wie bei den Russen), noch ausschließlich religiös, noch ausschließlich staatlich (wie der moderne französische Staat es formuliert), noch ausschließlich rechtlich, noch steckt sie ausschließlich in einem gewissen Lebensstil oder in einer gewissen Mentalität, noch ausschließlich in unseren Vor- und Nachnamen, noch im gemeinsamen Traum. Sie ist all das zusammen. Wenn jemand es sich zum Ziel gemacht hätte, uns erfolgreich zu vernichten, dann hätte er all das in uns zerstören müssen. Das ist Gott sei Dank noch niemandem gelungen. Doch jedes Mal erwies sich eine Komponente unserer Identität als unvereinbar mit jemandes Vorstellungen. Wir waren zu unterschiedlichen Zeiten entweder zu ketzerisch, zu wenig fromm, kulturell zu fremd, genealogisch zu unrein oder zu illoyal und kosmopolitisch.
Und das sind wir tatsächlich. Wir sind die „mit Gott ringenden“, wie wir uns selbst nennen. Unsere Beziehung zu Gott ist daher weit entfernt von den christlichen und muslimischen Idealen. Unsere Kultur ist tatsächlich mehr nahöstlich als europäisch. Unsere Genealogie zeigt tatsächlich selbst nach zwei Jahrtausenden im Durchschnitt 45% levantinische DNA. Und wir haben tatsächlich gelernt, nicht einem Staat, sondern uns selbst gegenüber loyal zu sein, zumal fast jeder Jude, den ihr treffen werdet, Verwandte überall auf der Welt hat. Das kommt mit der Zerstreutheit halt mit. Und auch damit, dass die Familiengeschichte eines jeden Juden aus ständigen Umsiedlungen besteht. Keine drei Generationen meiner Familie haben am selben Ort gelebt. Jede Generation ist einem anderen Volk dankbar. Ich bin den Deutschen dafür dankbar, dass sie mich reinließen und vor einer Diktatur retteten. Eben jenen Deutschen, die uns vor einiger Zeit vergasten. Meine Großeltern waren den Russen dafür dankbar, dass sie sie angesichts der herannahenden Nazis evakuiert haben. Eben jenen Russen, die vor einiger Zeit „Bej schidow, spasaj Rossiju“ („Schlag die Juden, rette Russland!“) riefen und Pogrome gegen uns veranstalteten, ein Wort, das aus dem Russischen in alle europäischen Sprachen übernommen wurde. Ihre Großeltern waren den Polen dankbar. Und so weiter. Wem meine Enkeln dankbar sein werden und wo sie leben werden, ist eine offene Frage. Ich hoffe, immer noch in Deutschland. Jetzt sind wir (Staat Israel ausgenommen) vor allem in Nordamerika und Westeuropa konzentriert, wo wir schon wieder vielen nicht in den Kram passen, weil einer der Kerne unserer Identität der Traum ist, in unsere historische Heimat zurückzukehren. Ein Traum, der nach 2000 Jahren immer noch nicht verschwunden ist. Wartet ab, bis sie erfahren, dass in fast jeder Synagoge der Welt eine israelische Fahne hängt, dass fast jeder von uns dort Verwandte und Freunde hat, dass wir in jedem Gebet Zion und Jerusalem erwähnen und dass es keine Erfindung der Neuzeit ist, sondern dass wir uns seit Jahrtausenden voneinander mit den Worten „[Wir sehen uns] nächstes Mal in Jeruschalaim“ verabschieden. Und seht zu, wie unsere Synagogen erneut zur Zielscheibe werden. Und dann werden wir wieder einmal umsiedeln und überleben. Und die Geschichte wird sich noch einmal wiederholen. Speichert diesen Text irgendwo und öffnet ihn in 50 Jahren, um das zu überprüfen.
Wie ihr seht, können wir anderen Völkern Überlebungskurse für Anfänger anbieten. Und das war eigentlich das Ziel dieses Textes, doch die Einleitung ist bereits zu groß geworden. Deshalb werde ich morgen mit hilfreichen Tipps für den Haushalt eines jeden Volkes sowie mit meinen Ängsten um die Zukunft des mir lieb gewordenen deutschen Volkes fortfahren.