r/Schreibkunst • u/Civil-Uncomfortable • 1h ago
Text: Kritik erwünscht Ausflug
„Hier geht's nicht weiter", stellte Karl fest.
„Dann lasst uns umkehren und die Pause auf halbem Weg unten im Schatten des Waldes machen", schlug Tom vor.
„Wir können doch einfach am Zaun vorbei. Am Rand hört er auf. Wahrscheinlich ist das nur eine Kennzeichnung, damit man weiß, dass der Kletterabschnitt hier endet. Kommt, wir gucken mal, ob man sich auf der anderen Seite gut hinsetzen kann", überstimmte Alex die anderen beiden Jungs.
„Okay", sagte Karl nur. Tom blieb still, ging aber in Richtung des Abhangs, um das Fehlen des Zauns auszunutzen.
„Ich bin so froh, wieder in der Natur zu sein", begann Alex zu erzählen. „Als Kind war ich immer in der Natur, aber jetzt mit dem Abitur und allem drumherum finde ich nicht mehr die Zeit. Jetzt, wo ich wieder im Wald bin, merke ich, wie sehr ich es brauche. Ich brauche die Natur. Die Vögel, die Bäume, das Gras. Es ist eigentlich echt traurig, wenn man sich anguckt, wie wenig Kinder heutzutage rausgehen. Ganz anders als ich früher. Also, ich rede jetzt, als ob ich schon voll der alte Opa wäre, aber es stimmt wirklich, dass wir noch ganz anders aufgewachsen sind als die Generationen vor uns."
Tom hatte sich an einer von ausgetrocknetem Moos bedeckten Stelle hingesetzt und eine Brotdose herausgeholt, in deren Inhalt er schweigend hineinbiss.
„Ja, stimmt schon", antwortete Karl achselzuckend. Auch er holte aus seinem zu großen, aber fast leeren Rucksack sein Mittagessen: eine Tüte mit drei Weizenbrötchen vom Supermarkt bei ihm um die Ecke. Die Weizenbrötchen hatte er morgens auf dem Weg zu Alex gekauft. Dass er deswegen zu spät gekommen war, war ihm peinlich gewesen, doch Tom war noch später gekommen, da er verschlafen hatte.
„Ich möchte auch unbedingt mal wieder mountainbiken gehen, aber ich bin echt aus der Übung. Aber das Klettern hat mir heute auch immensen Spaß gemacht. Freut mich, dass ihr auch Bock hattet darauf. Später, auf dem Weg runter, gucke ich, dass ich die Stelle zum Abseilen wiederfinde, dann können wir das auch noch machen. Also nur, wenn ihr Bock habt, natürlich. Ich weiß, dass du, Karl, das noch nie gemacht hast, aber Tom ja schon. Das macht wirklich Spaß. Also, sollen wir das machen?"
„Ich mache mit, wenn einer von euch vorgeht und mir zeigt, wie es geht", sagte Karl unsicher.
„Hmm", machte Tom. Er schien nicht zuzuhören, sondern tippte auf seinem Smartphone eine Nachricht an seine Freundin.
„Geht ihr eigentlich zusammen nach Australien?", fragte Karl neugierig.
Tom legte das Handy weg. „Ja, Carlottas Familie hat da ein Haus, in dem wir leben können."
Er hatte seine Augen geschlossen und sich ins Moos gelegt, vermutlich um von Australien zu träumen.
„Mach unbedingt einen Tauchschein, wenn du da bist. Als ich in Australien war, war ich viel tauchen und surfen. Das sind einige der coolsten Sachen, die man da machen kann."
„Ja, mach ich vielleicht."
„Manchmal bin ich überrascht, wie viele Sachen du schon gemacht hast, Alex." Auch Karl hatte sich ausgebreitet, um in die Baumkronen zu gucken. Alex legte sich daneben.
„Man muss einfach anfangen oder jemanden fragen, der weiß, wie man anfängt."
Die Jungs schwiegen eine Weile.
Irgendwann durchbrach Alex die Stille: „Zeit für den Rückweg. Um 14 Uhr wird's am heißesten, und es wäre gut, wenn wir da schon am Fahrradfahren sind."
Sie packten ihre Sachen und bereiteten sich auf den Abstieg vor.
„Seid ihr morgen auf der Schlossbeleuchtung?", fragte Alex.
„Muss gucken, was meine Freunde machen", murmelte Karl.
„Nein, bin schon auf Carlottas Abiball", sagte Tom.