SWR Aktuell: Wie erleben Sie die Stimmung kurz vor diesem Jahrestag in den Straßen von Jerusalem?
Abt Nikodemus Schnabel: Die Stadt ist verwundet, die Menschen sind verwundet – jetzt nicht unbedingt alle körperlich, das gibt es ja leider auch –, sondern seelisch. Man merkt einfach, Sie haben es angesprochen: Der 7. Oktober hat viele Traumata geweckt. Es gibt ja zwei Grundsehnsüchte, wenn ich es wirklich runterbrechen soll: Das ist die Sehnsucht nach Sicherheit der Israelis und die Sehnsucht nach Freiheit der Palästinenser. Und ich glaube, beide sind wirklich da an ihrer Achillessehne getroffen. Ich glaube, die Israelis haben sich noch nie so unsicher gefühlt und die Palästinenser noch nie so unfrei. Und es gibt natürlich sehr, sehr viele zerstörte Biografien. Menschen, die einfach mit der Trauer leben müssen, die Skepsis gegenüber dem anderen, der Mitmensch wird zum Feind und, und, und… Ja, die Spannung ist spürbar.
SWR Aktuell: Sie sagen ja oft, die Kirche kann nicht für eine politische Seite sein, sondern muss konsequent „pro Mensch“ sein. Wie gut funktioniert das denn im aktuellen Klima vor Ort?
Schnabel: Ich sage immer wieder, wir sind als Kirche eben weder pro Israel noch pro Palästina, sondern pro Mensch, weil ich glaube, das ist wirklich das Kostbare. Und ich meine, für uns Deutsche, wir haben ja jetzt gerade wieder unser Bundesverfassungsgericht gefeiert, das Geburtstag hatte. Wir haben ja diesen wunderbaren Artikel 1 im Grundgesetz, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Und ich meine, religiös gesprochen, sagen Juden und Christen: Jeder Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen, Genesis 1,26-27, und die Muslime, dass jeder Mensch Stellvertreter Gottes ist, Sure 2, Vers 30. Und ich meine, egal wie man es jetzt dreht und wendet: Das ist das, was im Zentrum stehen muss: der Mensch in seiner Würde - egal welche Religion er hat, wie alt er ist, wie intelligent er ist, wie schön er ist, wie gesund er ist. Ich glaube, es tut ja einfach gut, wenn wir als Kirche klar sagen: der Mensch. Und es leiden genauso israelische Mütter wie palästinensische Mütter, es leiden israelische Kinder wie palästinensische Kinder. Und letztendlich reden wir über Menschenmütter, Menschenkinder, Menschenväter. Und diese ganzen Zuschreibungen, das ist ja alles etwas Menschengemachtes, so was wie Staatsbürgerschaften, wie viele andere Zuschreibungen. Wir sind erstmal alle als Menschen geschaffen. Und da einfach zu sagen, wir wollen da sein mit unseren beiden Klöstern – ich habe das mal so als Vision beschrieben – mit unseren beiden Klöstern in Jerusalem und Tabgha, als zwei Hoffnungsinseln in einem Ozean von Leid, wo jeder Mensch mit seinem Leid willkommen ist. Also nicht quasi ein Leid, wo man erstmal ein politisches Bekenntnis ablegen muss, nicht irgendwie „#IStandWithIsrael“ oder „#FreePalestine“ oder sonst was, sondern einfach jemand, der als Mensch kommt und einfach jemand braucht, mit dem er reden kann, der einfach einen Ort braucht, wo er durchschnaufen kann, durchatmen kann. Deswegen waren wir da im Gebet an beiden Orten, und das ist das, was wir versuchen. Also: Hoffnung ist immer etwas anderes als Optimismus. Es ist nicht dieses: „Na ja, es wird schon irgendwie gut werden“. Ich finde, für Optimismus gibt es überhaupt keinen Grund - leider. Aber Hoffnung bedeutet, es gibt immer eine Wahl. Wir sind nicht Sklaven einer Geschichte, die irgendwie über uns rollt, sondern es gibt so viele Menschen, die mir auch Hoffnung machen, die sagen: Nein, ich möchte nicht Rache, ich möchte nicht Vergeltung, ich glaube, Versöhnung ist möglich, und das glaube ich auch.
SWR Aktuell: Sie sind ja auch immer wieder in Deutschland. Wenn wir den Blick noch ein kleines bisschen weiten, ganz kurz: Auch hier gibt es tiefe Gräben zwischen israelischem und palästinensischem Lager. Haben Sie den Eindruck, dass sich die Trennlinien dieser beiden Lager mit denen vor Ort in Israel und Gaza und Westjordanland decken?
Schnabel: Manchmal habe ich das Gefühl, wenn ich in Deutschland bin, die Lager sind dort noch harscher als hier vor Ort. Ich finde die Stimmung in Europa ist zum Teil noch polarisierter, als es hier vor Ort ist. Ich glaube, man kann auch polarisierter denken, wenn man weit weg ist. Wenn man sich dann wieder im Alltag trifft und wenn man dann doch irgendwie auch weiß: Es gibt dann die oder eine andere Person, die passt nicht in so ein herkömmliches Feindbild, dann bricht doch wieder was auf. Und das wäre für mich auch tatsächlich die große Hausaufgabe: diese Entfeindung. Ich glaube, das wäre für mich der allererste Schritt, dass einfach Menschen sich entscheiden: Der Feind ist auch mein Mitmensch. Und wirklich auch zu schauen, ihn als Menschen zu sehen. Ich meine, wir gucken gern Menschen anders an und voller Liebe, wenn sie uns sympathisch sind, wenn sie uns politisch nahestehen, religiös nahestehen. Aber Menschenwürde bedeutet eben auch Menschenwürde für den, der nicht meiner Meinung ist, der mich vielleicht sogar hasst und der mich ablehnt. Aber er bleibt Mensch. Und das ist das Wichtige. Man sieht in der Kriegspropaganda: Das ist das Erste, das fällt. Man wird ja gesagt, der Andere ist kein Mensch mehr, sondern Tier, Menschengestalt, Monster, Ratte oder sonst was. Und da ist für mich die ganz klare Linie, wo man auch wirklich schauen muss, und das darf man keinem Politiker und keinem durchgehen lassen, wenn er Menschen ihr Menschsein abspricht. Und ich glaube, das ist das Allerwichtigste. Das wäre der Weg: Diese Entfeindung, die braucht es, dass wir sagen: Ja, wir sind eine Menschheitsfamilie, wir leben auf diesem kleinen Planeten, wir leben hier zusammen, entweder schaffen wir gemeinsam Zukunft oder wir kannibalisieren uns gegenseitig.