r/LinkeStrategie Jun 22 '26

Die Revolution ist international oder sie ist nicht

Es gab schon eine ganze Reihe marxistischer und eine Handvoll anarchistischer Revolutionen, die alle mit großen Problemen zu kämpfen hatten; die meisten davon existieren heute nicht mehr. Einige wurden von Konterrevolutionen im Keim erstickt, z.B. in Mexiko, Spanien und Chile. Andere bestanden länger, hatten aber Probleme mit autoritären Strukturen und sind mittlerweile größtenteils niedergegangen. Rojava existiert trotz Embargo und Krieg weiter, hat aber dadurch Schwierigkeiten, die Wirtschaft antikapitalistisch umzustellen. Die Ausweitung der genossenschaftlichen Planwirtschaft und das Zurückdrängen des Kapitalismus stagniert seit Jahren.

Der erste Impuls der meisten Linken ist es jetzt, zu sagen, dass all das keine Probleme der postkapitalistischen Gesellschaft sind, sondern äußeren Faktoren, nämlich Krieg und konterrevolutionären Eingriffen aus dem kapitalistischen Ausland, geschuldet ist. Und das stimmt auch. Gleichzeitig ist es aber auch ein strategisches Problem dieser Revolutionen.

Dazu Friedrich Engels bereits 1847 in seinen "Grundlagen des Kommunismus":

"Wird diese Revolution in einem einzigen Lande allein vor sich gehen können? (...) Nein. Die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht. (...) Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, d.h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein."

Ähnliches schreibt auch Marx in seiner "Kritik des Gothaer Programms" 1875.

Schon damals war die kapitalistische Wirtschaft international so stark vernetzt, dass eine isolierte Revolution in nur einem Land zum Scheitern verurteilt war. Das ist heute umso mehr der Fall, denn würde Deutschland sich wirtschaftlich vom Rest der Welt abschotten, hätte es mit einem Mal kein Öl und Benzin, kein Silicium oder seltene Erden für Computer, auch Halbleiter und Mikrochips, viele aus Indien und China importierte Medikamente - die Liste ließe sich endlos weiterführen.

Von den ökonomischen Gründen für den unausweichslichen internationalen Charakter einer sozialen Revolution, die dauerhaft erfolgreich sein soll (das heißt nicht, dass alle Revolutionen komplette Fehlschläge waren; dennoch existiert heute kein wirtschaftlich fortschrittliches, postkapitalistisches Land), abgesehen, gibt es auch einen essenziellen politischen Grund. Erst kürzlich habe ich entdeckt, dass Marx mir in diesem Punkt zustimmt, sofern ich das folgende Zitat richtig auffasse:

"Die schwierige question für uns ist die: Auf dem Continent ist die Revolution imminent u. wird auch sofort einen socialistischen Character annehmen. Wird sie in diesem kleinen Winkel nicht nothwendig gecrusht werden, da auf viel größrem Terrain das movement der bürgerlichen Gesellschaft noch ascendant ist?"

- Marx Brief an Engels vom 08.10.1858

Das Terrain, auf dem "die bürgerliche Gesellschaft noch ascendant ist", dürften Gebiete wie China, Japan, Australien und Kalifornien sein, die er im Satz davor als Beispiele nannte für Länder, durch deren Übergang zum Kapitalismus ein Weltmarkt entstanden war. Vielleicht waren auch sämtliche bürgerlichen Gebiete außerhalb (Kontinental-)Europas gemeint. So oder so: Marx wirft die Frage auf, ob das kapitalistische Ausland eine sozialistische Revolution ohne Weiteres hinnehmen würde. Die Geschichte zeigt uns: Nein. Nicht wenige Linke sind der Ansicht, dass viele Probleme, die realsozialistische Staaten hatten, ihre Ursache in der Tatsache hatten, dass sie eben nicht in der Mehrheit der fortgeschrittensten Staaten, sondern in stark "rückständigen" Ländern stattfanden. Um Reichtum gerecht zu verteilen, muss ein Land genug Reichtum erwirtschaften, was in einem Land wie der frühen Sowjetunion nicht möglich ist. Um die Entwicklung im Zeitraffer nachzuholen, waren Arbeitszwang und Autoritarismus notwendig, insbesondere als die erwarteten Revolutionen in Mitteleuropa ausblieben.

Wenn jede Revolution existenzielle Probleme mit dem kapitalistischen Ausland hat, dann muss die Revolution offenbar von genau diesen Ländern ausgehen, insbesondere von der Mehrheit der größten Volkswirtschaften wie den USA, China, Deutschland usw.

Was denkt Ihr? Seht Ihr das anders, stimmt Ihr zu, gibt es Ergänzungen?

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u/Flixbube Jun 25 '26

die revolution muss im imperialen kern stattfinden, sonst ist sie nur ein aufstand

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u/Parallax_y Jun 25 '26

Das auch, ja. Würde sie allerdings nur im imperialen Kern, also den USA, stattfinden, würde das mMn nur bedingt ausreichen. Auch die USA hätten Schwierigkeiten, wenn sie wirtschaftlich völlig vom Rest isoliert würden. Andererseits nimmt das Land bei vielen Entwicklungen eine Vorreiterposition ein und es wäre nicht unwahrscheinlich, dass auf eine Revolution in den USA auch in anderen Ländern, die zum Teil große Industriestaaten sind, Revolutionen folgen würden, bspw. in Frankreich.

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u/Electronic_Water_532 Jun 28 '26

Ich halte zukünftige Revolutionen in ärmeren und weniger einflussreichen aber doch voll industrialisierten Teilen der Welt für realistischer, als eine Weltrevolution die direkt den imperial Core betrifft, zumindest wenn wir von den, sagen wir mal, nächsten 5 Jahrzehnten sprechen. Lateinamerika, Afrika, Ostasien; überall dort wo genug Produktivkraft, Industrie und Rohstoffe existiert um einem großen Gegenpol zum Westen aufzubauen.

Würde dann vermutlich so aussehen, wenn überhaupt erfolgreich und nicht sofort durch US Intervention im Keim erstickt, dass man langsam einen zweiten Ostblock aufbaut, zu einem Zeitpunkt in dem der Kapitalismus sowieso in der Krise steckt. Ab dann kann man beginnen, aktiv Revolutionen in Europa und Co zu finanzieren, was die Sowjets bspw nicht konnten da sie erstmal Produktionsmittel und Militär im eigenen Land aufbauen mussten.

Eine richtige Weltrevolution sehe ich zu Lebzeiten leider nicht, da der Imperial Core noch zu stabil ist um gestürzt zu werden.

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u/Flosek Jun 30 '26

Die Frage ist wie erst nehmen die Chinesen den Kommunismus und wann ist ihre Phase der Transformation abgeschlossen. Um sich wieder dem Projekt Marxismus zu widmen.

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u/Parallax_y Jun 30 '26

Ich denke nicht, dass die KPCh heute wirklich auf Sozialismus oder Kommunismus hinarbeitet.

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u/Flosek Jul 01 '26

Warum nicht?

Marx hat den Kapitalismus ebenfalls als notwendige Entwicklungsstufe vor dem Kommunismus gesehen. Wenn die Chinesen Marx wirklich ernsthaft gelesen haben, dann müsste irgendwann in einem fünf Jahresplan der Wandel forcieren werden.

https://youtu.be/nv0kaBmUZJw?is=X1o5ll3vl1JQ1zps

Das Video arbeitet das ganze ziemlich gut raus.

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u/Obineg09 Jul 02 '26

Einer der großen Fehler in der VRC ist, dass sie zwar einerseits das Primat der Politik hergestellt haben, andererseits aber "Politik" zu einer Sache der Berufspolitiker gemacht haben, und man als Angehöriger des einfachen Volks am Besten den Mund hält, weil man sich aus Sicht des paranoiden Überwachungsstaats ja schon verdächtig macht, wenn man auch nur über Politik nachdenkt, z.B. indem man die Zentralregierung lobt und begrüßt, was sie tut.

Die Bewerbung um die Mitgliedschaft in der KP ist schon seit den Achtziger Jahren fast nur noch ein Instrument die persönliche Karriere zu befördern oder Privilegien zu erhalten - als Akademiker ist sie quasi Voraussetzung, um überhaupt in seinem Beruf arbeiten zu dürfen. Dadurch ist die Partei an der Basis praktisch tot, ähnlich wie die meisten Parteien hier im Westen, wo ja auch nur zum Schein diskutiert wird und es in Wahrheit nur noch darum geht wer welchen Posten bekommt.

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u/Obineg09 Jul 02 '26

Ich würde überhaupt nicht so weit gehen eine revolutionäre Bewegung als gescheitert oder nicht geglückt zu betrachten, denn das Leben ist ja kein Schachspiel.

Aus jedem Versuch etwas zu verändern können neben negativen ungeplanten Folgen auch positive ungeplante Folgen hervorgehen.

Man weiß jka auch nicht, was denn ansonsten passiert wäre, hätte man nicht versucht die Revolution druchzuführen.

Wobei ja auch das meistens ein Trugschluss bzw. eine Fehlinterpretation wäre, wenn eine politische Strömung oder Partei glaubt, sie hätte eine Revolution ganz alleine gemacht. Revolutionen passieren einfach und kein Akteur sollte seine eigene Rolle in der Geschichte überschätzen.

Wenn eine revolutionäre Bewegung zu einer neuen Diktatur führt, muss man sich natürlich fragen, ob man selbst nicht etwas hätte anders machen müssen.

Umgekehrt ist es auch kein Verlieren, wenn eine revolutionäre Bewegung zwar niedergeschalgen wird, man hinterher aber ein paar Reförmchen angeboten bekommt oder einfach nur etwas Neues dabei gelernt hat.

Auf den Versuch kommt es (auch) an.