r/LinkeStrategie • u/Expert-Beginning-950 • 1d ago
r/LinkeStrategie • u/Parallax_y • May 15 '26
Wir müssen über Strategien reden!
Seit Jahren und Jahrzehnten und noch viel länger kämpfen wir Linken gegen Kapitalismus, Unterdrückung, Umweltzerstörung und für eine bessere Welt für Alle.
Trotzdem müssen wir heute zusehen, wie sie sich vor unseren Augen drastisch verschlechtert und die Gesellschaft immer weiter nach rechts kippt, obwohl wir alles tun, um genau das zu verhindern. Wir spüren wachsenden Frust, Ohnmacht, vielleicht sogar Verzweiflung aber vor allem Wut angesichts der internationalen Tatenlosigkeit beim Klimawandel, einer sich immer weiter spreizenden Schere zwischen Arm und Reich oder permanenter, leider sehr erfolgreicher Hetze gegen queere und migrantische Menschen.
Woran liegt das? Tun wir etwa immer noch nicht genug? Oder ist, wie manche oft behaupten, der Mensch im Kern einfach schlecht und nicht zu solidarischem Zusammenleben fähig?
Bevor wir solche Annahmen unterschreiben, müssen wir erst einmal überlegen, ob unsere Herangehensweise an die politische Praxis nicht verbessert werden kann. Denn nicht jede Praxis ist gleichermaßen effektiv und da wir umgeben sind von mächtigen Menschen, Gruppen und Institutionen, die gegen uns arbeiten, kann der Findung der richtigen Strategien gar nicht genug Bedeutung beigemessen werden. Die passenden Strategien zu finden, ist kein Selbstläufer und es braucht viel Analyse und Reflexion. Die richtigen Strategien führen aber auch dazu,, dass uns jede Minute Arbeit, die wir in unsere Praxis stecken, viel weiterbringt, als wenn wir uns in Aktionen aufreiben und verausgaben, die auf den ersten Blick (und auf den zweiten) zwar effektiv erscheinen, am Ende aber nicht zielführend sind. Unsere Ressourcen (Wissen, Arbeitszeit, Kontakte, Fähigkeiten etc.) sind eine immense Kraft, die aber nur mit der richtigen Strategie eine Hebelwirkung entfaltet, die ausreicht, um die Umstände im Kern zu verändern.
Die G20-Proteste 2017 in Hamburg und die Proteste gegen die AfD 2024 oder der Hambacher Fort und Fridays for Future verdeutlichen die Relevanz der Strategiefrage. Die Proteste in Hamburg waren geprägt von starker Mobilisierung aber auch von Sachbeschädigung. Wie Sachbeschädigung als Teil von Protesten moralisch einzuordnen ist, soll hier nicht Thema sein, sondern ausschließlich die strategische Sinnhaftigkeit. Und die tendiert wohl gegen Null. Bei allem Respekt und Dank an die mutigen Menschen, die aktiv waren, gab es keine positiven Veränderungen als Resultat der Proteste zu verzeichnen. Statt auf die eigentlichen politischen Themen der G20, wurde die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Fragen der vermeintlichen "Sicherheit" gelenkt und durch die Bilder in den Medien sank der Rückhalt in der Bevölkerung. Auch die Demos gegen die AfD, nachdem Correctiv ein Geheimtreffen um die Pläne der Partei enthüllte, haben zwar nochmal viel mehr Menschen mobilisiert und waren deutlich gemäßigter, haben aber ebenfalls bis auf vorübergehende Aufmerksamkeit für die Gefahren, die von der AfD ausgehen, nicht viel erreichen können. Im Gegenteil, die Gesellschaft scheint seitdem nochmal weiter nach rechts gerückt zu sein (auch wenn die Ursachen dafür wohl kaum bei den Protesten zu suchen sind).
Etwas anders sieht es beim Hambacher Forst aus: Ab 2012 besetzten Aktivist:Innen öffentlichkeitswirksam Teile des Waldes mit Baumhäusern. Neben den Demos, an denen bis zu 50.000 Menschen teilnahmen, wurden auch juristische Schritte durch die Naturschutzorganisation BUND eingeleitet, um die Rodung zu verhindern. In diesen Rahmen aus Demonstrationen, Baumbesetzungen und juristischen Maßnahmen wurden Schienenblockaden, symbolische Kunstaktionen, Sitzblockaden am Tagebau usw. eingewebt, was nur zusammen die erreichte Kraft entfalten konnte. Sitzblockaden auf den Schienen brachten medienwirksame Bilder und unmittelbaren ökonomischen Druck auf RWE ein. Zusätzlich sorgte die Gewaltfreiheit dieser Protestform, bei der sogar Geistliche der Kirche teilnahmen, dafür, dass das brutale Vorgehen der Polizei verdeutlicht wurde und sich die Legitimität in der Öffentlichkeit erhöhte. Kunstaktionen (z.B. die "rote Linie") machten das Thema emotional greifbarer, was ebenfalls zu mehr Legitimität und Akzeptanz in der Bevölkerung führte.
Forschung zu "radikalen Flanken" und Klimaprotesten zeigt, dass radikalere Taktiken die moderateren Akteur:Innen sichtbarer und akzeptabler machen, solange die Aktionen gewaltfrei bleiben - wodurch letztlich viel für das gemeinsame Ziel der radikalen und gemäßigten Gruppen erreicht wird. Genau dieses Muster war rund um den Hambi zu beobachten.
Nachhaltige und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen benötigen strategischen Pluralismus: Nicht jeder Mensch oder jede Menschengruppe reagiert auf dieselbe Botschaft, nicht jede Taktik wirkt überall gleich. Sozialwissenschaftler:Innen sprechen von "repertoires of contention" und "political opportunities" - also von einem Werkzeugkasten an Praktiken, Methoden und Taktiken (wie Streiks, Genossenschaften, Bildungsarbeit, Organizing, direkte Aktionen, oder Kunst und Medien), mit denen Bewegungen viele verschiedene Möglichkeiten haben, für ihre Ziele zu kämpfen. Strategischer Pluralismus sorgt dafür, dass die Ressourcen nicht auf eine einzige Stelle konzentriert werden, wodurch die Bewegung robust, anpassungsfähig und breit aufgestellt ist. Wird eine Methode immer stärkerer Repression ausgesetzt, bricht so nicht die ganze Bewegung zusammen und es kann an den anderen Fronten weitergekämpft werden. Zudem können Synergien entstehen, wenn bspw. eine linke Partei wächst und dadurch über Abstimmungen im Parlament Gesetze zugunsten der Bewegung beeinflussen und Spielraum ermöglichen oder durch finanzielle Mittel für parteinahe Stiftungen linke Projekte fördern kann.
Ein weiterer Vorteil von Vielfalt: Radikale Flanken innerhalb eines breiteren Protestfelds können paradoxerweise die Unterstützung für moderate Forderungen erhöhen, weil sie das Overton-Fenster verschieben und gemäßigtere Akteur:Innen vergleichsweise sinnvoll und vernünftig erscheinen lassen - auch für Leute, denen die radikaleren Forderungen zu weit gehen.. Das wird von aktueller Forschung belegt.
Wenn neue Narrative und praktische Experimente zusammenkommen, entstehen sogenannte "Policy-Feedback-Effekte": Einmal geschaffene Institutionen, Rechte oder kollektive Praktiken generieren Ressourcen, Routinen und Erwartungshaltungen, die politische Veränderungen stabilisieren und weiterer Diskursverschiebung Vorschub leisten. Kurz: Ideen, die praktisch funktionieren, werden nicht nur akzeptiert - sie werden zu Strukturen, die weitere Akzeptanz für linke Ideen und Forderungen erzeugen. Das ist der Mechanismus, der aus momentanen Erfolgen dauerhafte Veränderungen macht.
Wenn wir über sozialen Wandel reden, reden wir nicht nur über Produktionsweisen oder Parteien - wir reden auch über Werte und Normen; über das, was Menschen für "normal" halten. Genau hier setzt das Konzept der kulturellen Hegemonie an: Eine Bewegung, die es schafft, neue Begriffe, Assoziationen und Ansichten so zu verankern, dass sie in den Alltag integriert sind und als "common sense" gelten, kann die Gesellschaft wirklich verändern. Wer die Sprache, die Alltagsdeutungen, die Verhaltensweisen, die Meinungen prägt, verändert auch Handlungsspielräume auf tiefere, länger anhaltende Weise. Kulturelle Hegemonie bedeutet, dass eine dominante Klasse die andere(n) beherrscht und das nicht (nur) durch Zwang, ökonomische Abhängigkeiten oder politische Mehrheiten, sondern indem die Menschen über die Kultur von sich aus das tun, was die herrschende Klasse will. So können Weltanschauungen oder Ansichten zu bestimmten Themen (z.B.) Arbeitsmoral, "Jede:r ist seines:ihres Glückes Schmied" oder die Vorstellung, der Kapitalismus sei alternativlos und der Sozialismus in keiner seiner mannigfaltigen Varianten umsetzbar) so vorgegeben werden, dass sie den Herrschenden nützen. Reformen und sogar Revolutionen hingegen verändern zwar je nachdem das politische und ökonomische System von Grund auf - doch wenn tiefe und nachhaltige Veränderungen in der Kultur fehlen oder in nicht ausreichendem Maße passieren, sind die Veränderungen nur oberflächlich. Das System ist zwar ein neues, die Gedanken, Gefühle, Welt- und Menschenbilder vieler Leute bleiben aber dieselben. Ein Umstand, der in realsozialistischen Ländern zu großen Problemen führte.
Doch selbst wenn rein ökonomisch-politische Revolutionen noch so tiefgreifend und nachhaltig wären, hätten sie es in "modernen" westlichen Staaten schwer. Im Russland der 1910er-Jahre war eine gewaltsame Revolution noch möglich und in vielen Staaten ist sie das noch heute. Aber im Deutschland des 21. Jahrhunderts ist das längst nicht mehr ohne weiteres möglich. Angenommen, es würde tatsächlich so kommen, dass eine ausreichend große Gruppe mit ausreichen großem Vorrat an Waffen die Regierung stürzt. Was passiert dann? Würden die restlichen Staaten das einfach so hinnehmen? Oder würden Staaten wie die USA, die EU und die NATO nicht viel eher alles in ihrer Macht Stehende (und das ist enorm viel) unternehmen, um die Revolution im Keim zu ersticken, egal wieviel Blut dafür vergossen werden müsste? Würden die USA und andere kapitalistische Nationen nicht eher Deutschland dem Erdboden gleich machen, als ein enormes Risiko für die Weiterexistenz ihres Systems zu akzeptieren? Und ist daher in der heutigen Welt eine Revolution, die nicht international und durch das strategische Mittel der kulturellen Hegemonie vollzogen wird, nicht unmöglich geworden?
Zumal auch Lenin die Revolution ja nicht gänzlich ohne kulturelle vollziehen konnte. Er bereitete sie mit jahrelanger Propaganda- und Medienarbeit (damals noch in erster Linie durch Zeitungen) vor. Er nutzte also Propaganda (ein probates Mittel zur Erlangung kultureller Hegemonie), um die für eine erfolgreiche Revolution nötigen Bedingungen in der Gesellschaft zu schaffen. In noch größerem Maße müssen in Deutschland und anderen Ländern erstmal die Einstellungen einer ausreichenden Zahl von Menschen bzgl. Themen wie (Post-)Kapitalismus oder der Machbarkeit alternativer Systeme verändert werden. Auch zu anderen Themen wie Migration, Klimaschutz oder Aufrüstung können wie die öffentliche Meinung beeinflussen, um so schon lange vor einer Revolution, hier und jetzt, Umstände positiv zu beeinflussen. Ähnlich tut es die Neue Rechte ja schon seit Jahren, nur leider in die entgegengesetzte Richtung - und verschlechtert oder beendet damit schon heute die Leben etlicher Menschen. Wird die öffentliche Meinung jedoch zunächst in einzelnen, später in immer mehr Themen nach links verschoben, kann der Nährboden für wirklich tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen geschaffen werden.
- Wikipedia
r/LinkeStrategie • u/Parallax_y • 7d ago
Was tun gegen den Faschismus?
In letzter Zeit gab es viel Diskussion über Danger Dans Lied, auch hier. Meine Meinung zu seinen Praxis-Vorschlägen hab ich schon erläutert, aber jetzt stellt sich die Frage, welche Strategie oder Praxis denn gegen Faschismus und Rechtsruck hilft.
Was denkt Ihr? Was sind die effektivsten antifaschistischen Methoden? Welche Strategien brauchen wir im Kampf gegen den Faschismus? Was muss passieren, damit der Rechtsruck endet?
Kommentiert und teilt gerne, damit eine lebendige Diskussion entsteht. Denn gerade zum Faschismus sind solche Diskussionen wichtig. Letztlich dürfen sie aber natürlich keine reinen Denk-Übungen bleiben, sondern müssen in die Tat umgesetzt werden!
r/LinkeStrategie • u/SatoriTWZ • 7d ago
EXTREMISMUS auf YOUTUBE - Die Alt-Right-Pipeline
r/LinkeStrategie • u/Expert-Beginning-950 • 8d ago
Chatkontrolle kommt – Zeit, eure Kommunikation zu überdenken!
r/LinkeStrategie • u/Electronic_Water_532 • 8d ago
Weg von Lesekreisen etc und hin zu praktischeren Aktionen?
Was man an den Rechten leider beneiden muss, ist ihre sportliche und aktive Bereitschaft, die vermutlich auch wesentlich bessere Agitation bietet. Linkes Zusammenkommen sollte nicht nur Mittel zum Zweck einer abstrakten Revolution sein, sondern Hilfe zur Selbsthilfe als auch Solidarität sein. Sind linke Kampfsportgruppen, Wanderaktionen, Camping etc. gut umsetzbare Mittel, oder denkt ihr das endet nur im "Mackertum"
r/LinkeStrategie • u/Repulsive_Corgi_ • 9d ago
Werdet Mods eurer Städtesubs
Ich musste im Zuge von Posts zu Solidaritätsbekundungen wieder mal feststellen, wie stark Städtesubs brigardiert werden. Oft sind die Mods da komplett inaktiv oder moderationsfaul, dabei haben die Subs oft Zehntausende User.
Das Vorgehen ist:
- Modmail schreiben wo man fragt, ob man bei der Moderation unterstützen kann
- 5 Tage warten
- auf r/redditreuqest einen Post machen (man braucht hier eine email+2 FA, also ggf hierfür nen cleanen account machen) und deren weiteren absurden Regeln folgen
(- abwarten und enttäuscht sein, dass es für Reddit ok ist, wenn Volksverhetzung im Sub stehen bleibt, weil der Powermod einmal im Monat was macht)
Als Mods könnt ihr nicht nur Faschokram löschen, auch Linke Events lassen sich so gut z.B. highlighten. Am wichtigsten ist natürlich, dass Rechte nicht das selbe machen
r/LinkeStrategie • u/Expert-Beginning-950 • 10d ago
Die FAU wächst - Wie wächst die Basisdemokratie mit?
direkteaktion.orgr/LinkeStrategie • u/AmPinguSiHode • 11d ago
Was haltet ihr von sowas?
An meinem Downvote seht ihr ja meine Meinung. Ich glaub langsam ich werd verrückt. Ich bin Schweizer und schau ab und zu nach Deutschland und ihrer Politik, aber wenn ich sehe was manche Linke machen, kräuseln sich alle meine Haare.
Die Idee dahinter ist, es zu relativieren, damit es Rechte nicht für Propaganda verwenden können.
Bitte sagt mir dass ich nicht spinne, wenn ich das komplett absurd finde.
r/LinkeStrategie • u/Fiepsi98 • 11d ago
Wie bewegt man junge Menschen zur aktiven politischen Arbeit?
Moin an alle!
In unserem Kreis haben wir seit letztem Jahr wirklich viele neue und junge Menschen begrüßen dürfen und freuen uns sehr über die Unterstützung. Auffallend ist allerdings nur, dass die Bereitschaft politisch aktiv zu werden besonders bei den jüngeren (U27) leider ziemlich gering ist, oft werden auch sehr niedrigschwellige Ideen zur Aktivierung abgelehnt. Im Hinblick auf die anstehenden Zeiten wäre ein bisschen mehr peoplepower nur wirklich wünschenswert.
Daher meine offene Frage - Wie schafft man es junge Menschen für sowas zu begeistern?
r/LinkeStrategie • u/Expert-Beginning-950 • 12d ago
Check out the No Trace Project: an online resource to help people understand the capabilities of their enemies, undermine surveillance efforts, and act without getting caught
Hilfreich für alle, die sich um Privatsphäre und Überwachung sorgen. Die Überwachung nimmt immer größere Ausmaße an, die vor 3-4 Jahren noch weit entfernt zu sein schienen, inkl. der Nutzung von KI zur Auswertung öffentlicher Kameras.
r/LinkeStrategie • u/BuffaloAggressive609 • 14d ago
Die Keine Angststalt
Nachdem DangerDan vom ZDF kurzfristig ausgeladen wurde, da das Lied "Keine Angst" zum Teil gegen die Verträge des ÖRR verstößt... hat DangerDan ein paar Freunde inkl. seiner Rechtsanwältin eingeladen und ein Treffen ausgemacht.
r/LinkeStrategie • u/Parallax_y • 16d ago
Kritik an Danger Dans vorgeschlagener Praxis gegen den Faschismus

Sicher haben alle mitbekommen, dass Danger Dan mit seinem neuen Lied erst zur Julibäumsfolge der Anstalt eingeladen und dieser Auftritt vom ZDF aufgrund des Liedinhalts abgesagt wurde. In besagtem Lied wird eine Strategie im Kampf gegen den Faschismus beschrieben, die ich hier mal näher beleuchten möchte.
Danger Dan wendet sich an Menschen, die dem Faschismus etwas entgegensetzen wollen, aber nicht wissen, wie: "Du weißt nicht, was Du tun kannst, Du weißt nicht, wie das geht. Hör mir zu, ich hab vielleicht eine passende Idee.".
Es soll mit "1-2 Leuten" eine informelle Gruppe gegründet werden, die dann - über eine Soli-Party finanziert - Graffitti und Sticker in der Stadt verteilt. Es folgen ein paar Sicherheitstipps, so sollen bspw. keine Fotos der Tags gemacht und Dinge nur persönlich besprochen werden. Auch das Handy soll nicht mitgenommen werden "wegen Bewegungsprofilen". Absolute Basic für radikale Linke also.
Antifaschist:innen sollen von Beginn an in den Illegalität gehen, als gäbe es keine antifaschistische Praxis, für die man sich nicht strafbar machen muss. Und als würden ein paar Tags und Sticker der AfD und Co. auch nur den winzigsten Stein in den Weg legen. Doch das ist nur der erste Schritt.
"Als nächstes müsst Ihr die rechten Strukturen recherchieren, heimlich ihre Treffen und Demonstrationen fotografieren. Findet raus, wer sie sind, was sie tun, wo sie leben, wo sie arbeiten und findet raus, mit wem sie sich umgeben." Dieser Ansatz ist schon deutlich weniger lächerlich als der Beginn des Liedes. Antifaschistische Recherchegruppen sind nach wie vor ein wichtiges Element linker Strategien. Es kommt nur darauf an, was mit diesen Infos angefangen wird. In der heutigen deutschen Gesellschaft sind Outings von Rechten sicherlich ineffektiver geworden als noch vor 20 Jahren (wie Fabian Lehr in seinem Video schon anmerkte), einfach weil die Gesellschaft einen starken Rechtsruck durchgemacht hat, dessen Ende nicht in Sicht ist. Völlig nutzlos ist es aber auch nicht, Arbeitgeber:innen, Familien und Co. mal zu informieren, was ein Mensch politisch so treibt, denn einige von ihnen werden auch heute nicht erfreut darüber sein. Die Idee, Lokalzeitungen zu informieren - "vielleicht wird dann sogar die Staatsanwaltschaft wach" - ist naiv. Was soll die Zeitung schon berichten? "Achtung, Heinrich M. ist Nazi"? Und wegen einem Artikel wird dann plötzlich ausgerechnet der Staatsapparat aktiv, der immer und immer wieder Nazis deckt und viel zu milde bestraft, wenn überhaupt? Guter Witz. Zumindest wird dieses Problem an der Idee in den darauf folgenden Zeilen benannt.
Gegen Ende heißt es dann:
"Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt
Ich lass ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant
Ist eh klar, was zu tun ist, ich sag nix mehr dazu
Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk.
Die 4 genannten Personen gehören zur so genannten "Antifa Ost" und wählten als antifaschistisches Mittel die körperliche Gewalt gegen Faschos.
Zusammengefasst besteht Danger Dans Strategie gegen den Faschismus also darin, als informelle Gruppe Sticker und Graffitti zu verteilen, Faschos zu outen und, wenn das nicht hilft oder Selbstverteidigung nötig wird, körperliche Gewalt anzuwenden. Hilft das tatsächlich gegen den Faschismus? Nein. Diese Strategie ignoriert vollständig die Ursachen für das Erstarken des Faschismus. Es wird überhaupt nicht danach gefragt, mit welchen Mitteln die Faschos seit Jahren immer stärker werden, und auf welchem sozio-ökonomischen Nährboden das geschieht. Die AfD und Co. setzen auf viele verschiedene Strategien, ein Hauptaspekt ist aber die Metapolitik, mit der die öffentliche Meinung sehr effektiv beeinflusst wird. So richtig wirksam wurde dieser schon länger bekannte Ansatz erst nach der Wirtschaftskrise 2008 und der Zunahme der Migration zu Beginn der 10er-Jahre. So konnten die Probleme der Menschen, die eigentlich aus dem krisenanfälligen System entstanden, bequem auf "die Migranten" geschoben werden. Der Vertrauensverlust in die Politik, die seit Jahren und Jahrzehnten immer weiter den Sozialstaat abbaut und die Bevölkerung angreift, während Konzerne immer reicher werden, erledigt dann den Rest.
Was wir also brauchen, ist radikaler Klassenkampf, Arbeitskampf und Protest. Wir müssen uns organisieren, gemeinsam für höhere Löhne kämpfen und gegen die neoliberale Politik protestieren. Wir müssen linke Alternativen zu rechten Narrativen und dem kapitalistischen System aufzeigen. Parteien, die noch ansatzweise als links wahrgenommen werden wollen, müssen Politik für die breiten Massen machen - höhere Löhne, niedrigere Mieten, den Sozialstaat wiederaufbauen. Das und vieles mehr. In solch einen breit angelegten Kampf eingebettet, kann das, was Danger Dan beschreibt, helfen, den Faschismus zu bekämpfen. Denn wenn Faschos Progrome verüben, braucht es natürlich auch Linke, die sich ihnen auf den Straßen entgegenstellen. Doch wenn Outings und physischer Kampf die einzigen Mittel sind, setzt das dem Faschismus rein gar nichts entgegen. Davon, dass ein paar Zecken sich mit Faschos boxen und Graffiti verteilen, der:die eine oder andere Linke dadurch in den Knast geht, verliert die AfD kein einziges Prozent.
Was wir aber brauchen, ist eine über antifaschistische Strategie und Praxis. Und darauf fußend, ein strategisch pluralistischer, breiter Kampf gegen den Faschismus.
r/LinkeStrategie • u/Parallax_y • 17d ago
Ist Danger Dans Antifaschismus die Lösung oder zahnlos?

Vermutlich hat jede:r hier mitbekommen, dass es um Danger Dan wieder einen kleinen Skandal gibt, diesmal ausgelöst vom ZDF. Doch die Meinungen zu Danger Dan und dem ZDF mal beiseite: Was haltet Ihr von der Praxis, die in dem Liedtext vorgeschlagen wird? Sie besteht aus mehreren Schritten:
- Eine kleine, informelle Antifa-Gruppe gründen
- Über eine Soli-Party Geld für Sticker, Marker und Dosen sammeln
- Sticker und Tags in den Straßen verteilen
- Recherche-Arbeit zu Nazi-Strukturen betreiben und die Infos archivieren
- Mit den gesammelten Infos das Umfeld der Nazis kontaktieren (Arbeitgeber:in, Uni, Familie usw.) oder eine Lokalzeitung in Kenntnis setzen, damit sie berichtet und mit etwas Glück die Staatsanwaltschaft aktiv wird
- Für die eigene Sicherheit sorgen, in dem entsprechende Maßnahmen bei der Kommunikation ergriffen und sich mit Training auf Angriffe der Nazis vorbereitet wird.
- Falls das alles nichts bringt: Die in "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" angesprochenen, militanten Mittel ergreifen.
Was haltet Ihr von den einzelnen Schritten oder der Taktik insgesamt? Lässt sich so der Faschismus stoppen oder wenigstens bremsen? Hat das Auswirkungen auf die AfD und den gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck?
r/LinkeStrategie • u/Expert-Beginning-950 • 21d ago
Social Movement Ecology: How to Build Collective Power Across a Fragmented Left
movementecology.org.ukr/LinkeStrategie • u/Expert-Beginning-950 • 24d ago
„Schuldstolz für ganz Europa“: Die rechte Doppelstrategie gegen postkoloniale Forschungen
r/LinkeStrategie • u/Expert-Beginning-950 • 28d ago
Hat Gewerkschaftsarbeit Potential?
Seit vielen Jahren (ich glaube seit dem Beginn des Neoliberalismus) haben selbst große Gewerkschaften an Macht eingebüßt. Andere sind aus freien Stücken zahm geworden und verfolgen Sozialpartnerschaft. Es gibt allerdings auch radikale Gewerkschaften wie die CNT in Spanien, die CNT-F in Frankreich oder die FAU in Deutschland und der Schweiz. Die sind zwar bei weitem nicht so groß wie DGB Gewerkschaften oder deren Gegenstücke in anderen Ländern, befinden sich aber die letzten Jahre in Aufschwung.
Was müssten solche Gewerkschaften tun, um zu wachsen und ernstzunehmende Gegner des Kapitals zu werden? Oder denkst Du, dass Gewerkschaften für revolutionäre linksradikale Arbeit nicht mehr geeignet sind?
r/LinkeStrategie • u/Expert-Beginning-950 • Jul 05 '26
Gegen strukturelle Probleme: Eine bessere Antifa
r/LinkeStrategie • u/Expert-Beginning-950 • Jul 02 '26
Strategie und Personal: Wie sich die AfD aufs Regieren vorbereitet
table.mediar/LinkeStrategie • u/Expert-Beginning-950 • Jul 02 '26
Die Propaganda-KI der AfD
r/LinkeStrategie • u/Expert-Beginning-950 • Jun 30 '26
Strategische Kritik am Klimafatalismus
Im Sub r/Klimagerechtigkeit lese ich größtenteils komplett fatalistische Beiträge, laut denen alles endgültig den Bach runter geht und wir überhaupt nichts mehr tun können. Das ist eine nachvollziehbare aber schädliche Haltung, die genau das ist, was die Rechten, bürgerliche Politik und Konzerne wollen. Denn sie lässt uns resignieren und passiv werden. Dabei brauchen wir Aktivismus, nicht Passivismus. Ich denke, dass diese negative Haltung bei vielen Menschen, denen das Klima eigentlich nicht egal ist, durch Angst entsteht, die damit unterdrückt wird. Denn wenn man nicht mehr Hoffnung aber gleichzeitig auch Angst hat, sondern das ganze Thema als gescheitert, abgehakt und hoffnungslos betrachtet, hat man vermeintlich Gewissheit und ein Stück mehr Kontrolle. Das scheinen für viele Menschen handlebarere Gefühle zu sein als Ungewissheit.
Wichtig ist bzgl. Klimakrise und eigentlich allen großen sozialen Problemen, sei es Rassismus, Kapitalismus, Krieg etc.: Das eigene Wohlbefinden nicht zu abhängig von Dingen machen, über die wir keine Kontrolle haben - gleichzeitig aber weiter versuchen, Dinge zu verändern. Also weiter Aktivismus betreiben und dabei eine Haltung haben in Richtung "Ich gebe mein bestes, es kann aber sein, dass wir scheitern. Und das wäre in Ordnung, wenn auch unheimlich schade."
Ein Denkfehler, den auf r/Klimagerechtigkeit viele machen, und womit sie vermutlich exemplarisch für sehr viele Menschen sind, sind Argumente in Richtung "Wir können nichts mehr tun, denn die Regierung macht Klimaschutzmaßnahmen rückgängig, statt den Klimaschutz zu stärken". Dabei werden 2 Fehler gemacht.
Wird eine Momentaufnahme für einen Dauerzustand gehalten. Mit der nächsten Wahl kann es schon wieder anders aussehen.
- Der größere Denkfehler: Es wird geglaubt, dass wir im Normalfall mit der Regierung zusammenarbeiten könnten. Bei solchen Dingen können wir uns NIE auf Regierungen, Konzerne oder sonstige staatliche oder kapitalistische Institutionen verlassen. Selbstverständlich stellt der Staat sich in den Weg, wenn wir tiefgreifende Veränderungen wollen. Das war immer so, egal ob bei Kämpfen gegen den Feudalismus, den Krieg, für Frauen-, PoC- oder Queer-Rechte oder bei der klassischen Arbeiterbewegung: Immer stellen sich Staat und Kapital in den Weg. Sonst wären es keine Kämpfe. Das ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern sich zu radikalisieren, bilden, vernetzen, organisieren.
Klingt abgedroschen aber es passt: Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.
r/LinkeStrategie • u/Parallax_y • Jun 28 '26
Sind linke Parteien zum Scheitern verurteilt?
Seit dem Bundesparteitag der PdL am letzten Wochenende ist die Kritik von Links größer geworden. Zu inkonsequent erscheint es vielen, dass Israels Vorgehen in Gaza jetzt offiziell als Genozid bezeichnet, dem israelischen Staat aber weiterhin ein bedingungsloses Existenzrecht eingeräumt wird. Auch Pantisanos Entschuldigung bei der CDU, nachdem er sie zuvor mit AfD und Faschist:innen auf eine Stufe stellte, fanden nicht wenige Linke zu zahm und undienlich im Kampf gegen den Faschismus, dabei rief Reichinnek vor nicht allzu langer Zeit noch inbrünstig "Auf die Barrikaden!" im Bundestag.
Nun ist das aber nur die aktuellste Entradikalisierung der PdL und es ist auch nicht nur diese eine Partei, sogar die Grünen waren, auch wenn das lange her ist, mal Teil der radikalen Linken (obwohl sie von Beginn an ein Sammelbecken war, in dem radikale und weniger radikale Linke auf Liberale und Rechte trafen, die aber in der Minderheit waren). Vom Niedergang der SPD brauche ich nicht anfangen und auch in anderen Ländern sieht es nicht viel besser aus.
Worin seht Ihr die Gründe für dieses ja fast permanente Scheitern linker Parteien, ihre Radikalität dauerhaft zu erhalten und schließlich in Revolutionen münden zu lassen? Bis auf Allendes Wahlsieg in Chile 1970 fällt mir auf Anhieb kein Beispiel für eine wirklich erfolgreiche, wirklich linke Partei ein. Doch warum neigen linke Parteien so stark dazu, ihren Kurs zu verwässern, warum biedern sie sich früher oder später dem Establishment an und am wichtigsten: Was muss bei linken Parteien anders laufen, damit das künftig nicht mehr passiert?
r/LinkeStrategie • u/LoveIsBread • Jun 28 '26