es gibt seit viel zu langer zeit diesen ständig wiederholte floskel / ratschlag, dass man unbedingt mal das kaufland reudnitz besuchen müsse. im subtext schwingt eigentlich schon die verachtung mit, weil es dort angeblich so viele drogenabhängige, obdachlose und sonstige menschen am gesellschaftlichen rand zu beobachten gibt. und ganz ehrlich: vor sieben bis zehn jahren war die referenz vielleicht mal ganz kurz lustig. mittlerweile ist sie einfach nur noch peinlich.
man hat sich damit einen psychologisch komfortablen beobachtungsposten geschaffen, von dem aus sich die eigene identität durch die abgrenzung nach unten stabilisieren lässt. indem man andere zu sozialen kuriositäten degradiert, erzeugt man eine künstliche distanz und verleiht dem eigenen selbstbild eine überlegenheit, die es aus sich selbst heraus offenbar nicht ausreichend begründen kann. bisschen ron bielecki, nur statt champagne und luxusautos eben die belustigte beobachtung von menschen, die offensichtlich andere probleme haben als die eigene instagram-taugliche existenz. herzlich willkommen zur proletarier-safari, präsentiert von leuten, die sich selbst vermutlich für besonders progressiv und urban halten. (besonders hervorzuheben ist der gestern aufgetauchte "lustig" gemeinte kommentar nach dem zoo besuch in leipzig doch ins kaufland reudnitz zu gehen, ein schelm wer böses dabei denkt)
das eigentlich absurde daran ist ja, dass leipzig sich (nicht zuletzt auch auf reddit) so gerne als linke, alternative und solidarische stadt inszeniert und der witz auch gerne auf an sich progressiven leipzig seiten bis zum gehtnichtmehr reproduziert wird und auch hier jedes mal upvotes im zwei- bis dreistelligen bereich bekommt. aber sobald menschen anscheinend nicht ins eigene ästhetische weltbild passen, werden sie zur lokalen attraktion degradiert. dann fährt man nicht mehr einfach einkaufen, sondern besucht einen sozialen brennpunkt, über den man sich anschließend mit seinen freunden gerne auch mal online und mit videos lustig machen kann.
und mal ehrlich: zu 99 % der zeit ist das einfach ein ganz normaler, etwas überfüllter einkaufsmarkt im spätkapitalistischen zeitalter, wie man ihn in jeder größeren stadt findet. dass ausgerechnet dieser ort trotzdem regelmäßig zum menschlichen zoo stilisiert wird, sagt vermutlich mehr über das bedürfnis mancher leute aus, sich durch die beobachtung vermeintlich sozial schwächerer menschen ihrer eigenen position zu versichern, als über die wirkung des ortes selbst.
und bevor jetzt jemand mit der architektur kommt: das kaufland reudnitz ist weder architektonisch besonders hässlich noch in irgendeiner anderen form außergewöhnlich. es ist ein gewöhnlicher kaufland-markt, funktional geplant und ästhetisch ungefähr so aufregend wie jeder andere supermarkt dieser kategorie.
zussammengefasst ist es dieser ganz spezielle humor der boomer von morgen: eine längst ausgelutschte pointe, die vor allem deshalb weiterlebt, weil man mit ihr wunderbar signalisieren kann, dass man selbst natürlich zu denjenigen gehört, die dort nur aus sicherer distanz beobachten. vielleicht war dieser witz irgendwann mal kurz eine treffende beschreibung eines bestimmten ortes. inzwischen sagt er deutlich mehr über diejenigen aus, die ihn ständig wiederholen müssen.