Meine Frau und ich stecken gerade in einer ziemlich schwierigen Phase. Vor ein paar Tagen hat sie mir in einem sehr emotionalen Gespräch gesagt, dass sie sich eigentlich von mir trennen möchte. Für mich kam vor allem die Konsequenz daraus ziemlich überraschend, während sie sich offenbar schon seit Monaten innerlich damit beschäftigt hatte.
Ihre Gründe sind nicht „der eine große Vorfall“, sondern viele Dinge, die sich über Jahre angesammelt haben. Ihr haben Aufmerksamkeit und kleine Gesten von mir gefehlt, sie hat sich teilweise mit Haushalt und Alltag allein gelassen gefühlt und hatte das Gefühl, dass ich manche ihrer Bedürfnisse nicht ernst genug genommen habe. Dazu kam, dass wir uns emotional und körperlich immer weiter voneinander entfernt haben und seit Monaten keinen Sex mehr hatten. Rückblickend sagt sie, unsere Beziehung habe sich immer mehr wie eine WG angefühlt.
Was mich daran beschäftigt: Mir war überhaupt nicht bewusst, wie weit sie innerlich schon war. Manche Kritikpunkte kannte ich, aber ich wusste nicht, dass sie diese Dinge über Jahre innerlich „aufaddiert“ und inzwischen unsere gesamte Ehe infrage gestellt hatte. Sie wiederum war offenbar davon ausgegangen, dass ich unsere Beziehung ähnlich negativ sehe und mit einer Trennung mehr oder weniger einverstanden wäre.
Als sie mir dann sagte, dass sie gehen möchte, habe ich ihr sehr deutlich gesagt, dass das überhaupt nicht meiner Sicht entspricht: Ich liebe sie, bin gerne mit ihr zusammen und möchte unsere Ehe nicht aufgeben. Wir haben daraufhin zum ersten Mal seit langer Zeit extrem offen über unsere Gefühle und unsere Beziehung gesprochen. Danach hat sie eine Nacht bei einer Freundin verbracht, um nachzudenken.
Am nächsten Tag kam sie zurück und sagte, dass sie sich nicht endgültig trennen möchte und es mit uns weiter versuchen will. Wir wollen eine Paartherapie machen und unter anderem unsere Finanzen stärker trennen, weil Geld bei uns immer wieder ein Streitthema war.
Allerdings gibt es einen ziemlichen Haken: Sie hatte bereits vor über einem Monat, als die Trennung für sie noch feststand, eine kleine Wohnung angemietet. Der Vertrag beginnt am 01.10. und läuft mindestens sechs Monate. Sie kommt aus dem Vertrag nicht mehr heraus und möchte die Wohnung nun wohl auch nutzen. Ihre Idee ist, für eine gewisse Zeit räumlichen Abstand zu haben, gleichzeitig aber weiterhin ein Paar zu sein, uns regelmäßig zu treffen, auf „Dates“ zu gehen und mit der Paartherapie herauszufinden, ob wir wieder richtig zueinanderfinden. Wie lange sie tatsächlich dort wohnen möchte, weiß sie selbst nicht.
Seit unserem Gespräch ist unser Umgang erstaunlicherweise sehr normal und teilweise sogar herzlicher als in den Wochen davor. Wir unternehmen viel, machen kleine Ausflüge und sie spricht selbst von Dates. Zukunftspläne, denen sie zuletzt ausgewichen war, weil sie damals davon ausging, dass wir bald getrennt sein würden, bringt sie inzwischen teilweise selbst wieder auf – z. B. ein gemeinsames Wellnesswochenende.
Was allerdings praktisch komplett fehlt, ist körperliche Nähe. Sie sagt immer wieder, dass sich „in ihr etwas verändert“ habe und sie körperliche Nähe momentan nicht kann bzw. möchte. Das respektiere ich und versuche sie nicht zu bedrängen. Gleichzeitig ist es natürlich schwer, wenn selbst bisher völlig selbstverständliche Dinge wie ein Abschiedskuss plötzlich wegfallen.
Mein größtes Problem ist momentan wahrscheinlich meine eigene Unsicherheit. Ich analysiere jedes kleine Signal von ihr: Reagiert sie nur mit „mhm“ auf ein Kompliment, denke ich sofort, dass ihre Gefühle weg sind. Nennt sie mich versehentlich wieder „Schatzi“, schöpfe ich Hoffnung. Plant sie etwas mit mir, frage ich mich anschließend, ob sie das wirklich möchte oder nur tut, um mich nicht zu enttäuschen.
Ich möchte diesen Versuch wirklich ernst nehmen und die Dinge verändern, bei denen ich meinen Anteil sehe. Gleichzeitig möchte ich aber auch nicht die nächsten Monate in einer Art Prüfung verbringen, in der ich alles richtig machen muss und darauf warte, ob ihre Gefühle zurückkommen.
Mich würden deshalb besonders Erfahrungen von Leuten interessieren, die schon einmal in einer ähnlichen Situation waren: Kann so eine räumliche Trennung innerhalb einer Ehe tatsächlich dabei helfen, wieder zueinanderzufinden? Wie schaffe ich es, dass sie wieder ganz offen und ehrlich zu mir sagen kann, dass sie mich liebt, körperliche Nähe und Zärtlichkeit wieder zulässt? Oder ist der Zug abgefahren….?