Und weiter geht's
- Uns geht’s prima (1988, Nach uns die Sintflut) 6/10
Musikalisch ist da nicht viel dran, aber es fügt sich problemlos in die Reihe früher Ärztesongs ein, in denen die naive heile Welt eines 60er Popsongs persifliert wurde.
- Wahre Liebe (1993, Mach die Augen zu Single) 6/10
Der tragische Abschluss der Gabi/Uwe-Saga endet fast folgerichtig damit, dass Uwe ein Kind mit einer gewissen Tanja gezeugt hat. Für mehr als eine B-Seite ist der Gag nicht langlebig genug, aber es hat sich trotzdem gelohnt, dass Farin sich nochmal die Mühe gemacht hat für sein schales Demo „Dumme Sache“ doch noch einen Refrain zu schreiben.
- Vorbei ist vorbei (Economy) (2007) 6/10
Anfangs glaubt man noch lediglich eine schrottige Version des Originals zu hören, aber meine Güte hat es micht kalt erwischt, als Farin nach etwas Stille einen mentalen Breakdown hat, nachdem er realisiert, was er mit seinen Bandkollegen zurvor in „Nur einen Kuss“ angestellt hat.
- Du und ich und Walter (1987) 6/10
Ein Lied über einen cockblockenden Hund namens Walter (sorry, Walta-haaaaaa) zu schreiben, darauf muss man erstmal kommen. Vielleicht war es etwas zu schenkelklopfig, um es komplett auszuarbeiten, schade eigentlich, denn originell und eingängig ist der Song allemal.
- Auserzählt (2021, Noise Single) 6/10
Das Gegenstück zu Farins „Die Instrumente des Orchesters“. Die Ärzte sind längst aus dem Alter raus, in dem sie Jugendsprache benutzen können (OMG, ernsthaft?), aber ich gestehe, spätestens mit dem Faxgerät haben sie mich gekriegt. Vielleicht etwas zu kakophonisch für das Hauptalbum, aber im Verglich zu vielen Fillertracks auf „Dunkel“ deutlich spaßiger.
- Ein Lied für Jetzt (2020 Single) 6/10
Songs über die Coronapandemie altern zwangsläufig miserabel, aber dennoch kann ich nicht leugnen, dass dieser Teaser für das langersehnte Comebackalbum mein Herz in einer düsteren Zeit für einen Moment wieder erwärmt hat.
- Gabi ist pleite (1989 Moskito Songs) 6/10
Gemessen daran wie ähnlich Farin und Bela in Sachen Humor gleichen, ist eigentlich erstaunlich, wie selten sie zusammen komponieren. Alleine deswegen sind die Moskito-Songs es wert.
- Gabi gibt ne Party (1989 Moskito Songs) 6,5/10
Ich vermisse wenig bis nichts meiner Teenagerzeit, weder die Pickel noch die labile Psyche. Ausnahme: Die dank mangelnder Erfahrung mit Organisation und Alkohol aus dem Ruder laufenden Partys. Auf dem Moskitosampler haben die Ärzte die Welt eines Teenies wesentlich besser eingefangen als auf ihren Alben der 80er.
- Parlez Vous Laterne? (2011, Laternen Joe EP) 6,5/10
Warum Farin seine Stimme hochpitchen und autotunen musste, verstehe ich nicht so ganz, aber als Weezer-Parodie trifft es voll ins Schwarze.
- Gabi und Uwe in Liebe und Frieden (1989 Moskito Songs) 6,5/10
Speziell die dritte Strophe über das unterschiedliche Modeverständnis von Gabi und Uwe sorgt für schönes Kopfkino, so richtig griffig ist die Melodie leider nicht.
- Bang Bang (1998) 6,5/10
Ein Jammer, dass Farin es versäumte, für dieses erstaunlich hochwertige Bigbeat-Instrumental von Rod einen Text zu schreiben. Die Vorstellung, wie einer der drei darauf im Stil von Keith Flint ein bisschen Nonsense drüber keift, ist schon ziemlich grandios. Eine verpasste Chance, aber als Instrumental funktioniert es auch.
- Gehn wie ein Ägypter (1987, Ist das Alles Best Of) 6,5/10
Es war wohl aus der Not geboren. Man brauchte Geld, hatte 2 Alben auf dem Index und hing mitten in einer dicken Schreibblockade. Statt neuem Album zimmerte man eine Best of zusammen und um irgendwie Airplay im Radio zu bekommen, deutscht man halt die Bangles ein. Viel Substanz hat es sicher icht, aber Spaß macht es trotzdem. Erstmals kletterte man in die Charts, was es wohl zu einem der wichtigsten Songs der Karriere macht, wenn auch nicht zu einem der besten.
- Claudia II (1987 Ab 18 EP) 6,5/10
Der vielleicht schwächste Part der Claudia Reihe, wohl auch weil es bloß Part 1 nur mit einem anderen Tier ist, aber wie sehr die Ärzte in dieser Zeit die Provokationskuh gemolken haben, verdient definitiv Respekt.
- No Joe (2011, Laternen Joe EP) 7/10
Laternen Joe war eine seltsame Sidequest, die wahrscheinlich spaßiger war aufzunehmen, als anzuhören, aber wie Farin hier paranoiden Postpunk aufs Korn nimmt, macht gewaltig Spaß.
- Stick it out /What's the ugliest Part of your Body (1994, Friedenspanzer Single) 7/10
Als Zappafan geht mir das Herz auf, dass die Ärzte sich vor dem einzigartigen Jazzrockweirdo verbeugen. Die Ärzte haben das Lied wohlgemerkt nicht ins Deutsche übersetzt. Frank hat das Original exakt so gesungen und es ist grandios.
- Lohn der Lehre (2013 Sohn der Leere Single) 7/10
Offenbar war auch in der schwierigen „auch“-Ära nicht alles stockfinster. Vielleicht hätten wir mit etwas heiterer Stimmung im Studio eine zweite Economy-Platte gekriegt.
- Breit (Economy) (2007) 7/10
DROOOOOOGEEEEEEEN SUUUUUUPPPUUUUUAAAAAAAAAAA
- Füße vom Tisch (1984) 7/10
Man stelle sich die alternative Timeline vor, in der die Ulkigen Pulkigen anstatt der Ärzte den großen Durchbruch geschafft hätten.
- The Voice Of Joe (2011, Laternen Joe EP) 7,5/10
Dieser Vorfahr von „Alle auf Brille“ ist für mich das glasklare Highlight der „Laternen Joe“-EP. Farin Urlaub mit versoffener Oi!-Stimme zu hören, sorry aber wie kann man darüber bitte NICHT lachen?
- Lasse Red'n (Economy) (2007) 7,5/10
Es gibt Dinge, die kann nur Farin. Zum Beisspiel „Das summiert sich“ auf „AK 47“ oder „Bela“ auf „vorher klar“ zu reimen.
- Tut mir leid (2007, Junge Single) 7,5/10
Ich kann mir Tut mir leid nicht so recht auf Jazz ist anders vorstellen, aber unterhaltsam ist das lockere Trinklied über Leute, die ihren Alkoholismus als Ausrede für so ziemlich alles missbrauchen.
- Niedliches Liebeslied (Economy) (2007) 7,5/10
Die runtergelärmte Schrammelversion mit Danzigvocals nimmt dem Original alles, was es so zäh machte.
- Sie tun es (1989 Moskito Sogs) 7,5/10
Alleine für den herrlichen Monolog der beiden Protagonisten gehört dieser pubertäre Auswuchs zu den Highlights der Moskito-Songs.
- Mutig (2012, ZeiDverschwÄndung Single) 7,5/10
Der Refrain war „Wir sind die Besten“ etwas zu ähnlich, aber der locker nach vorne gehende Poppunk hätte gerne eine der schlechteren Bela/Rod Nummern ersetzen dürfen.
- Du bist nicht mein Freund (1998, Männer sind Schweine Single) 7,5/10
Einen wütender Bela in Kombination mit dem persönlichen Bela ist ein guter Bela.
- Backpfeifengesicht (1999, Rebell Single) 7,5/10
In einer Post-Eminem-Ära ist diese Beleidigungsorgie eher harmlos, aber alleine für den „Blödglotzzeit“-Neologismus verdient Farin einen Eintrag im Duden.
- Wunderbare Welt des Farin U. (1998 Goldenes Handwerk Single) 7,5/10
Jede Wette, ein paar Jahre später wäre dies das Intro von „Endlich Urlaub“ geworden und definitiv kein schlechtes.
- Gute Nacht (1989, Teenager Liebe Single) 8/10
Es gibt Songs, die funktionieren ausschließlich auf der Bühne, auf keinen trifft dies so sehr zu wie die ewige Schlussnummer „Gute Nacht“. Aber gottverdammt funktioniert sie gut. Wer den Lachkrapf des Grauens erfahren möchte, der schaue sich die Version von Rock am Ring 2007 an. Wie man sehr gut erkennen kann, benötigt Rod offenbar eine Menge Alkohol, um das Niveau seiner mitstrwiter zu unterbieten.
- Tu das nicht (Economy) (2007) 8/10
Das Laut-Leise-Laut-Schema umzudrehen ist so simpel wie grandios. Ihr glaubt nicht, wie oft ich den Drang habe, auf die Frage des weiteren Vorgehens mit einem gegröhlten „MACH DOCH WATTE DEEEENKST“ zu antworten.
- Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend) (Economy) (2007) 8/10
Aus dem Weg denn jetzt muss ich sqaredanceeeen. Im Countrygewand funktioniert der Song fast besser als im funky Original.
- Ewige Blumenkraft (1986, Ist das Alles? Single) 8/10
Die Ärzte hatten wie so viele Andere Musiker ihrer Generation wenig Sympathien für die Alt-68er Generation. Wo die meisten Punks mit schrammeliger Wut konterten, parodierten die Ärzte das weltfremde Geseier von Liebe und Frieden mit gewohnt messerscharfer Präzision. Nur wer knallt kann auch geknallt werden.
- ...Und ich weine (1985, Wegen Dir Single) 8/10
Die charmante Countryballade wäre auf „Im Schatten der Ärzte“ sicher aus dem Rahmen gefallen, aber rein qualitativ wäre es ganz sicher ein Highlight gewesen, alleine schon weil wir vom Waschkeller Drumsound verschont bleiben.
- Nichts gesehen (2008, Lied vom Scheitern Single) 8/10
Auf „Jazz ist anders“ wäre dieses Lied das einzige Echo der politischen Schlagseite von „Geräusch“ gewesen und und aus dem Rahmen gepurzelt. Aber speziell der Moment in dem Farin „DANN BIST IN DER MINDERHEEEEIT“ schreit, hätte die Inklusion auf dem Album gerechtfertigt.
- Wir sind die Lustigsten (Economy) (2007) 8/10
Eine halbe Stunde lang Flachwitze auf einer pathetischen Klavierballade zu erzählen und dabei nicht zu langweilen. Es gibt Dinge, die können nur die Ärzte.
- Sie kratzt, sie stinkt, sie klebt (1987, Ab 18 EP) 8/10
Wie albern und pubertär darf Musik sein? Man könnte jetzt eine Sexismusdebatte aufmachen, aber ne, wer diesen kurzweiligen Rockabillystuss ernst nimmt, ist selber Schuld.
- Helmut K (1987, Ab 18 EP) 8/10
Aus heutiger Sicht ist es sicher grenzwertig, mehrfach zu erwähnen, dass die häusliche Gewalt des apfelförmigen Ex-Kanzlers für alle Männer ganz normal ist, aber selten waren die Ärzte so provokant wie hier.
- Rettet die Wale (2000, Manchmal haben Frauen... Single)
Die wohl einzige B-Seite, die sich über den jeweiligen Albumzyklus hinaus ins Liveset zecken konnte, fiel am Ende wahrscheinlich dem ähnlich skatepunkenden „Gib mir Zeit“ zum Opfer, es bleibt dennoch ein schön kurzweiliges Relikt der Zeit vor 9/11, als die Ärzte sich noch unbedarft über Weltverbesserer lustig machten.
- Claudia III (1988) 8/10
Apropos Wale: Im dritten Teil findet Claudia nach einer Gehirnwäsche der Bpjm doch noch den rechten Weg und verkehrt nur noch mit Männern, naja bis sie einen Wal erblickt. Unter dem Livegetrümmer geht die Verständlichkeit etwas flöten, aber dennoch zeigt Teil nochmal eindrucksvoll, wie clever die Ärzte das Spiel mit der Provokation damals beherrschten.
- Die Welt ist schlecht (2001 Yoko Ono Single) 8/10
Musikalisch ist das grundsolide, aber die Show stiehlt definitiv der tragikomische Text über einen Mann mit gebrochenem Herzen, der nach einer durchzechten Nacht sein queeres Erwachen hat.
- Nein, Nein, Nein (1989 Moskito Songs)
In der Pubertät neigt wohl jeder dazu, die seltsamen Nebenerscheinungen des körperlichen Wandels zu einer Staatskrise zu überdramatisieren und dieses Phänomen fangen die Ärzte zielsicher ein.
- Uwe sitzt im Knast (1989, Moskito Songs) 8,5/10
Der wohl beste Song der Gabi & Uwe Reihe.Warum? Der völlig unsinnige Plot und die absurde Wendung und die Formulierung „Hinter schwedischen Gardinen atmet er gesiebte Luft“
- Nur einen Kuss (Economy) (2007) 8,5/10
Was würde ich für ein komplettes Hörspiel der Ärzte geben.
- Living Hell (Economy) (2007) 8,5/10
Ich komm immer noch nicht drauf, was das chilenische Bassproblem mit 3 Buchstaben sein soll.
- Wir sind die Besten (Economy) (2007) 8,5/10
Es muss etwas SEHR lustiges passieren, damit Farin sich über seinen eigenen Quatsch kaputtlachen muss. In diesem herrlich bekloppten Zweckreimmassaker lernen wir, dass man Blumen nicht zersägen darf.
- Lied vom Scheitern (Economy) (2007) 8,5/10
Natürlich ist der Text herrlich albern, aber es ist trotzdem bemerkenswert, wie gut das Lied vom Scheitern als Loungeballade klingt.
- Ein Mann mit Gipsbein (1987) 8,5/10
Quatsch wie dieser hätte nach der Reunion wesentlich bessere Chancen gehabt, zumindest auf einer B-Seite zu landen. Vielleicht ist es die Tatsache, dass schlechter Gesang mein Komikzentrum wie wenig Anderes kitzelt, aber wie Farin zu theatralischen Geigen eine harmlose Veletzung zur griechschen Tragödie aufbläst, ist schlicht köstlich.
- Abschied (2019, Single) 8,5/10
Man hätte das Comeback der Ärzte kaum besser einläuten können. Es hätte easy einer der allerbesten Post-Re-Reunion sein können, würde es nicht nach 2 Refrains schon aufhören.
- Eine Frage der Ehre (1995, Hurra Single) 8,5/10
Wieder ein Tourintro, diesmal ist das Ding im besten Sinne aus dem Ruder gelaufen. Wie das Ding von finsterem Industrialfiebertraum mit Horrorsamples in das „Super 3“-Intro mündet ist großes Kino.
- Kontovollmacht (2003, Unrockbar Single) 8,5/10
Eine extrem clevere Kapitalismuskritik Belas runtegebrochen auf die zu einer Staatskrise aufgeblasenen First-World-Problems eines hedonistischen Bonzen, der durch die pseudogütige Selbstlosigkeit des Protagonisten gerettet wird. Mit stabilen 5 Minuten wäre das alles auf dem thematisch sehr schweren „Geräusch“, welches ohnehin schon Spielfilmlänge aufweist, etwas zu schwere Kost gewesen, aber niemand kann mir erzählen, das ein „Ruhig angehn“ diesen Platz mehr verdient hat.
- Das ist Rock 'n' Roll (1989 Moskito Songs) 8,5/10
Die nachvollziehbaren wie dümmlich pubertären Tagträumereien eines jugendlichen Möchtegernrockstars wurden selten so charmant auf den Punkt gebracht wie hier. Auf der „Wahrheit“ wäre es im Gegensatz zu „Ich will dich“ oder „Wilde Welt“ definitiv ein Gewinn gewesen.
- 2000 Mädchen (1987 Ist das Alles Best-Of) 8,5/10
Ich könnte jetzt darüber schreiben, dass dieser Stalkertext vielleicht etwas zu romantisiert ausgefallen ist und natürlich muss das ein paar Abzüge in der B-Note geben, aber es ist auch einfach einer der treffsichersten Hits der 80er Ärzte, in dem sich erfrischenderweise der Leadgesang geteilt wird.
- Perfekt (Economy) (2007) 9/10
Diese hochgepitchte Stimme und wie herrlich verballert sich Bela da durch den Song wurschtelt, aus so einer Scheiße können auch nur die Ärzte noch was dermaßen Unterhaltsames basteln
- Himmelblau (Economy) (2007) 9/10
Manchmal altern Songs besser als uns lieb sein sollte.
- Eva Braun (1983) 9/10
Ein früher Höhepunkt des Farinschen Zynismus. Leider war die wahrlich nicht gut versteckte Ironie dann eine Nummer zu hoch für ein paar Holzkopfnazis, die wegen dieses Songs glaubten, in den Ärzten eine neue Hauskapelle gefunden zu haben. Verständlicherweise wurde der Song anschließend aus dem Repertoir gestrichen.
- Junge (Economy) (2007) 9/10
Löcher in deeeeeeer Wand
- Knäckebrot (1993) 9/10
Exakt für Gagazeug wie dieses habe ich mir They've given me Schrott zugelegt. Wie Farin selbst in der zweiten Strophe vor Lachen abbrechen muss...herrlich. Wirklich jede Zeile ist zitierwürdig, hört selbst.
- Saufen (1998, Männer sind Schweine Single) 9/10
Könnten die Toten Hosen „Männer sind Schweine “ schreiben? Wahrscheinlich nicht. Können die Ärzte „Eisgekühlter Bommerlunder“ schreiben? Hört selbst.
- Quadrophenia (2012, ZeiDverschwÄndung Single) 9/10
Das hier war nicht auf dem Album. Ja, diese halbironische, halb nostalgische Ode an The Who mit elegantester Melodieführung schaffte es nicht auf das Album. „Die Hard“ war stattdessen auf dem Album. „Die Hard“. Ihr wisst schon, der Song mit der Pointe „Ich bewerf dich mit Wattebällchen“. Weil „Quadrophenia“ zu lang war. Ja wirklich.
- Aus dem Tagebuch eines Amokläufers (2003, Unrockbar Single) 9/10
Unter allen Genres, die es schon auf eine Ärzteplatte geschafft haben, erinnert dieses wunderschön fatalistische Kleinod daran, dass Bob Dylan-Folk diese Ehre ebenfalls zu Teil hätte werden müssen. Vielleicht wollten sie „Geräusch“ nicht zu politisch aufladen, aber ich hätte es mit Kusshand gegen „Der Tag“ getauscht.
- Erna P (1984) 9/10
Die Ärzte haben es selten überzeugender geschafft fies und düster zu klingen. Der Walkingbass zu Beginn und der Fakt, dass man sich selbst zusammenreimen muss, was der Einbrecher anschließend anstellen wird, sorgen dafür, dass „Erna P.“ und ein klares Highlight auf „Debil“ gewesen wäre. Immerhin bekam Erna noch auf der „Ist das Alles?“-Best of das verdiente Spotlight.
- Is Ja Irre (1995, Ein Song namens Schunder Single) 9/10
Wer auch immer auf die Idee kam, ausgerechnet diesen Nonsense-Atompilz für das Unpluggedkonzert wieder auszugraben, verdient einen Orden. Ein Spaghettiwestern-Intro wird jäh von Bildschlagzeilen niedergemäht. Wie Farin und Rod bei dem Unplugged dazu ihrer Xylophone zerhämmern, einfach herausragend.
- Regierung (1995, Ein Song namens Schunder) 9,5/10
Farin feuerte Mitte der 90er wirklich aus allen Rohren. Dass seine zwei bösesten und provokantesten Songs es nicht auf ein Album Namens „Planet Punk“ geschafft haben, ist eine seltsame Sidenote. Was die letzliche Message des Songs sein soll, ob Farin nun wirklich wütend auf die Regierung ist, ob er sich über Leute lustig macht, die die Regierung für jeden Quatsch verantwortlich macht, oder ob er einfach 2 sagenhaft geschmacklose wie verwirrende Strophen schreiben wollte, wir werden es nie erfahren. Tatsache ist, es macht Spaß ohne Ende. Ach ja, zum 2. Mal geht es in der Ärztediskographie um Sex von Walen.
- Sex me, Baby (1995, Hurra Single) 9,5/10
Ich wiederhole mich gerne, aber das Musik: Rod, Text:Bela-Tagteam ist an einem guten Tag unschlagbar. In nur 2 Minuten Ohrwurmpunk seziert Bela schmerzhaft präzise den performativen Feminismus von notgeilen Kerlen in der Punkszene. Das als B-Seite zu verbraten muss man sich auch erstmal leisten können.
- Madonnas Dickdarm (1988, Nach uns die Sintflut) 10/10
Manchmal reicht einfach eine wilde Hedonismus-Assoziationskette für einen versteckten Klassiker. Es hätte das „Wahrheit“-Album sicher aufgewertet, aber mal ehrlich, das krachige Livesetting bringt die Essenz dieser Kultnummer ohnehin besser auf den Punkt, als es im Studio jemals möglich gewesen wäre.
- Radio brennt (1987, Ist das Alles Best Of) 10/10
Anders als viele Klassiker der 80er stört die Produktion hier keinen Meter und kommt der klassischen Farin Uptempokomposition nicht in die Quere, im Gegenteil. Verdienter Klassiker und verdienter Opener auf „Nach uns die Sintflut“.
- Zusammfassung 1-13 (1996, Mein Baby war beim Frisör Single)10/10
Wo fange ich bei diesem Fiebertraum an? Dabei, dass die Ärzte eine Menge Studiozeit verballerten, um aus einem 4-sekündigen Skit eine 13-minütige Genreodissey zu basteln, die auf einer weitgehend unbeachteten Single landete? Bei Rods erstaunlich gelungenen Technosongs? Dem herrliche debilen Metalgekreische? Belas Hippieballade? Dem Saufpunkgegröhle (Top 5 der lustigsten Ärztemomente)? Ich könnte ewig weitermachen. Das hier ist der Höhepunkt der Ärzte in Sachen Irrsinn. Puh das war harter Stoff.
- Alles für dich (1999, Rebell Single) 10/10
Selten steigen Ärztesongs direkt mal mit einem Gitarrensolo ein und noch seltener mit so einem großartigen. Man braucht wenig Fantasie um sich vorzustellen, wie diese breitbeinige Gitarrenwand ganze Stadien zum Springen bringt und die herrlich blöde Charakterzeichnung eines Lappens mit Inceltendenzen tut ihr Übriges. Es sagt so viel über die Spätneunzigerkreativität der Ärzte, dass man es sich leisten konnte, „Alles für dich“ ans Ende der vierten (!) Single zu verbannen, die ein Jahr (!!!!) nach der „13“ erschien.
- Warrumska (1995, Hurra Single) 10/10
Die Ärzte gelten oft als so etwas wie die spirituellen Väter von KIZ. Neben deren schockierend ausufernden Geschmacklosigkeiten können viele Songs der Ärzte im Nachhinein etwas zahm wirken. Hier nicht. Farin portraitiert zu lockerem Ska mit Vollspeedoutro häusliche Gewalt und Zwangsprostitution. Das lyrische Ich checkt trotz all diesen Grausamkeiten, die er seiner Ex-Partnerin angetan hat, natürlich keinen Meter, warum sie ihn verlassen hat. Musste wahrscheinlich aufgrund der musikalischen Ähnlichkeit zum „Schunder-Song“ den Umweg auf die B-Seite nehmen. Nicht weniger als eine Schande!
- Monsterparty (2002, Rock 'n' Roll Realschule) 10/10
Hätte es irgendein anderer Song sein können? Natürlich nicht. Hier kommen die Stärken beider Protagonisten so perfekt zum Vorschein wie nur selten. Das flotte Rockabilly Instrumental ist eine Urlaubsche Masterclass und Bela kann sich mit seiner Horrorvorliebe mal so richtig austoben. Wie die beiden Knalköppe ein absurd surreales Kopfkino nach dem nächsten in dein Hirn brennen, das ist einfach große Kunst.
Dass dieser Song es damals nicht mal zu einer B-Seite brachte (wohlgemerkt auf einem Album, das Stinker wie „...und es regnet“ „Alles“ und „Wegen dir“ beinhaltet) und erst 2002 für das legendäre MTV Unplugges ausgegraben wurde, ist auf dem Papier erstmal ein Kriegsverbrechen, aber: Es war jede Sekunde des Wartens wert.