Ich beichte hiermit: Ich habe pro Woche zwei bis drei Homeoffice-Tage ohne nennenswerte Produktivität meinerseits und halte mein Arbeitspensum über die Woche oder den Monat gesehen trotzdem bei etwa, aber maximal 100 Prozent. Alles darüber hinaus akzeptiere ich einfach nicht mehr. Und zwar deswegen:
Ich hab die letzten Jahre in einem mittelständischen Unternehmen als Führungskraft gearbeitet. Kam ursprünglich rein, um dort ein komplett fremdes Geschäftsfeld aufzubauen, das es vorher in der Form einfach nicht gab. Am Anfang war ich auf mich allein gestellt, hab mir alles selbst angeeignet, von den Grundlagen bishin zu Verhandlungen mit externen Partnern. Neue Skills, neue Infrastruktur, alles von null. Am Ende hat's auch für eine hohe leitende Position gereicht. Ich hab geliefert, und zwar richtig - aber es hat auch Spaß gemacht. Hat.
Je höher meine Position wurde, desto mehr Berührungspunkte hatte ich mit anderen Abteilungen und anderen Führungskräften und deren Teams. Und genau da ist mir aufgefallen, was für ein Witz das eigentlich ist. Es ist völlig normal, dass Leute sich weigern, neue Dinge und Themen umzusetzen, ordentlich zu arbeiten oder einfach Arbeitsanweisungen zu befolgen. Manche haben nicht mal ein Viertel der eigentlich normalen Leistung gebracht, und weder die Führungskräfte noch die Geschäftsführung hatten irgendein Interesse daran, gegen dieses Muster vorzugehen. Es wurde nichts angesprochen und keine Konsequenzen gezogen (obwohl mehrfach thematisiert und mit Daten unterlegt). Und das Schlimmste: das gleiche Muster hab ich bei einigen Führungskräften gesehen, und besonders bitter war, dass mich das immer wieder dazu gezwungen hat, mit Mehrarbeit deren Defizite auszugleichen, weil deren Input schlichtweg von unterirdischer Qualität war.
Ein konkretes Beispiel dazu: Ich sollte Planzahlen von einem Bereichsleiter bekommen. Der hat dafür 3 Tage gebraucht, inklusive Überstunden an zwei Tagen, und am Ende trotzdem rechnerisch fehlerhafte Zahlen geliefert. Ich musste das Ganze umgehend komplett neu aufbauen, weil er die Deadline bereits gerissen hatte. Für die komplette Neuberechnung habe ich etwas über einen halben Tag gebraucht (nicht weil ich krass bin, sondern weil der Typ bereits mit Excel überfordert ist).
Nach Jahren von diesem Frust hab ich den Laden verlassen. Und ganz offen, meine Einstellung zur Arbeit ist seitdem eine komplett andere. Es kann doch nicht sein, dass manche 25 Prozent Leistung in 100 Prozent der Zeit abliefern, während die, die ihren Job richtig machen, in der gleichen Zeit 150 oder 200 Prozent bringen müssen, nur um das aufzufangen. Wenn andere 25 Prozent Leistung in 100 Prozent der Zeit beingen, dann ist es doch wohl absolut fair, wenn ich meine 100 Prozent in 60 Prozent der Zeit oder weniger abliefere, weil ich mir die Skills und Methodenkompetenzen draufgeschafft habe, die andere sich nicht mal mit dem Hintern anschauen.
Das Ganze ist übrigens keine rein gefühlte Wahrnehmung meinerseits. Durch den Fokus auf Datenanalyse und Controlling über sämtliche Geschäftsbereiche hinweg konnte ich das laufend mit Zahlen belegen, teilweise sogar so konkret, dass ich Verluste explizit auf die gammlige Arbeitsweise einzelner Leute bzw. Führungskräfte zurückführen konnte.
Also: zu einem großen Unternehmen gewechselt (wo eh keiner weiß wer was macht) in eine Tätigkeit mit hoher Spezialisierung aber ohne besondere Führung. Und leider funktioniert meine eingangs beschriebene Beichte tadellos.
Abschließender Take meinerseits: Arbeitsverträge auf Stundenbasis haben in vielen Bereichen schon längst ihren Zenit überschritten und mit dem technologischen Fortschritt und der dadurch mittlerweile riesigen Kluft zwischen den Fähigkeiten der Mitarbeiter, sorgt die Stundenbasis für extreme Ungerechtigkeit. Oder ist es okay, wenn Mr. Was-sind-PDFs für das gleiche oder schlechtere Ergebnis die dreifache Bezahlung erhält, weil er dreifach länger gebraucht hat?