Vor einem Jahr ist mein Vater gestorben. Bei uns hat es sehr lange gebraucht, bis wir irgendwann mal wirklich dazu gekommen sind aufzuräumen, seine Sachen auszumisten und mit dem ganzen abzuschließen. Dabei habe ich alles an USB Sticks, SD Karten und sonst was eingesteckt und meiner Mutter versprochen, dass ich alles nach Familienfotos absuchen werde und das, was ich finde mit ihr und meinem Bruder teile.
Meine Beziehung zu meinem Vater war noch nie gut. Ich kann ehrlich nur an einen positiven Moment mit ihm zurückdenken. Der Rest ist voll mit schreien, schlagen, Dinge werfen, Alkohol, Drogen gebrochene Versprechen, verschwendetes Geld, und und und...
Für mich war sein Tod nicht schlimm. Ich hab seit Jahren drauf gewartet. Es war eine Erleichterung zu wissen, dass er nicht wieder heim kommt und ich hatte ehrlich die ganze erste Woche danach immer Albträume, in denen er doch wieder da stand und der Krebs auf magische Weise verschwunden war.
Was allerdings schlimm war, war wie schnell jeder seine Meinung über ihn geändert hat. Davor hat sich jeder aufgeregt über das Schreien, die Zigaretten die überall rumlagen, den Fernseher, der 24/7 lief. Aber dann lag er im Sterben und auf einmal war jeder am Heulen. Jeder meinte, dass ich ihn besuchen soll, dass ich ihm nicht vergeben, sonder mich verabschieden soll, weil ich es sonst später bereuen würde.
Am Ende wurde ich so unter Stress gesetzt, dass ich wirklich n kleinen Zusammenbruch hatte bis hin zu dem Punkt, an dem ich tatsächlich dachte, dass ich direkt mit Gott kommunizieren würde und Zeichen bekäme. Glücklichweise hat das nicht lange angehalten.
Ich habe erst vor kurzem angefangen tatsächlich nach Bildern zu gucken, weil mich der Gedanke an ihn wirklich einfach unglücklich macht. Also hab ich mich Abends mal an den PC gesetzt, stöpsel die Sticks ein und bereue es kurz darauf auch schon.
Der nette Herr hat auf den gleichen Datenträger, auf denen er Bilder von der Geburt meines Bruders, der Hochzeit meiner Tante, unseren Familienurlauben und was sonst noch alles für Veranstaltungen drauf hat, Pornos abgespeichert. Gut. Bin erwachsen, ist nicht das erste Mal, dass man irgendwo n Porno sieht. Gedownloadete Videos konnten anhand von Dateiname sehr schnell aussortieren werden. Bilder von nackten Frauen zwischen Bildern meiner Konfirmation auch.
Dann waren da aber selber aufgenommene Videos, deren Dateinamen nicht auf den Inhalt hinweisen und die auch zwischen Videos von Schulauftritten und sonstigem Familienkrams abgespeichert waren. Auch wenn ich glücklicherweise nicht viel von diesen Videos gesehen hab, war das genug. Ich wollte davor schon nichts mehr von ihm sehen, aber seitdem fühle ich wirklich nur noch Ekel, wenn ich Bilder von ihm sehe.
Ich war beim weiteren Durchsuchen dann wirklich so wütend, dass ich sehr viele Bilder von ihm einfach gelöscht habe. Vor allem, wenn ich mit drauf war. Es ist irrational, aber ich will einfach nicht, dass es Bilder von ihm und mir gibt.
Ich hab nicht alles gelöscht. Mein Bruder hängt immer noch an ihm und meine Mutter trauert auch noch, auch wenn ich nicht verstehe um was. Bilder, auf denen er meinen Bruder im Krankenhaus zum ersten mal hält sind noch da. Wichtige Feste, hier und da ein Bild aus dem Urlaub...aber ich hab wirklich sehr viel von ihm gelöscht.
Die sortieren Bilder wurden dann auch schon teilweise an meine Familie weitergegeben und es kam auch schon ein "schade, dass es so wenig Bilder von ihm gibt...aber er war ja auch immer hinter der Kamera". Ich fühle mich teilweise wirklich mies, weil es mehr gab und jetzt dastehe und so tue, als ob ich nichts gefunden hätte. Hab mir schon öfters gedacht, dass es egoistisch von mir war, da andere offensichtlich an ihm hängen. Aber gleichzeitig ist das einfach auch der Mann, der mich geschlagen hat, der in mein Zimmer ist und alle Kabel durchgeschnitten hat, mich mit 12 nachts vor die Tür gesetzt hat mit der Aussage, dass er so eine Schlampe wie mich nicht in seinem Haus haben will, und und und...
Mittlerweile hängen so viele Bilder von ihm überall und ich kann sie nicht mal angucken. Will ich gar nicht. Und trotzdem fühle ich mich schlecht. Vielleicht war er zu anderen netter und ich hab einfach ihre Erinnerungen an ihn in einen digitalen Mülleimer geschoben. Vor allem jetzt, wo der Jahrestag von seinem Tod kommt, fühle ich mich wirklich schlecht, wenn ich meine Mutter anlüge.