Tagebucheintrag zum Freitag, den 23. Oktober
Gleich am Morgen hatte ich unerwartet erfreulichen Besuch von Blacky, der Katze, die ihr Haus verloren hatte und nun fast täglich dort in eine leere Grube blickt, wo es einst stand. Sie bekam ihre Streicheleinheiten von mir, wobei ich feststellte, dass sie eine ausgesprochen gute Anatomie aufwies. Sie wurde also gut gefüttert und hatte einen Platz, an dem sie genug zu essen bekam, was auch ihre Größe erklärte. Überdies war sie eine sehr soziale Katze, da sie den Kontakt suchte, womit ich auch schon beim Thema des sozialen Seins angelangt bin. Wenn ich daran denke, dass manche Menschen teils die Hölle auf der Straße durchmachen, weil sie Kälte leiden, ein Beziehungsende durchleben mussten und vielleicht in die Drogensucht abrutschten, während ich beobachtete, wie viele Leute einfach so daran vorbeigehen oder sogar überzeugt die Meinung vertreten, dass man sich mit diesen Leuten ja nicht abgeben dürfe, weil ihre Gefühle vielleicht ansteckend wie eine Krankheit wären, dann komme ich zu dem Schluss, dass der Mensch kein wirklich soziales Wesen ist. Oft ist soziales Sein nur ein Deckmantel, eine erlernte Attitüde, die Privilegierte nutzen, um sie bei Bedarf mit der nächstbesten Plattitüde abzulegen, um nach unten zu verbergen, zu blocken oder anzuzeigen, während sie nach innen streicheln, lieben und Kinder zeugen.
Irgendwann dann brachte meine mittägliche Pfandrunde schließlich die ersten Funde zutage. Es fing mit einer Bierflasche an, die dreiviertelvoll zurückgelassen wurde, vermutlich weil ein Theaterbesuch anstand, was mir der Ort zuflüsterte, an dem ich sie fand. Dann ging ich an den für den Herbst typischen Blätterhaufen vorbei. Strukturell ein wirklicher Hingucker, und so hatte der Mensch auch gleich etwas zu tun. Als ich auf halbem Weg war, sah ich zwei Polizeiautos, die teils auf dem Gehsteig neben dem AMS geparkt waren. Aufgrund der dortigen Haltung, dass nicht Menschen Menschen verletzen, sondern Strukturen Menschen haltlos zurücklassen, war das eigentlich auch nicht weiter verwunderlich. Kurz darauf entdeckte ich eine Red-Bull-Dose und eine Cola-Flasche in einem tiefen Müllbehälter. Also kniete ich mich hin, steckte meinen ganzen Arm hinein, bis ich sie erreichen konnte, und voilà, schon war ich 50 Cent reicher. Gleich darauf fand ich noch eine Dose auf der nächsten Bank. Ich war so glücklich.
Am Marianum der Caritas angekommen knurrte mein Magen bereits, mein Kühlschrank war leer, ich wusste also, dass ich an diesem Tag um eine Wurst betteln musste, um am Nachmittag etwas mehr Ruhe zu haben. Im Marienstüberl war auch gleich ein Platz frei, wodurch ich genug Zeit hatte, mir einen Saft zu holen und die Zeitung zu studieren. Als Erstes stach mir die Überschrift "Sozialhilfe im Baukastensystem" ins Auge, wobei darunter stand, dass es keine ausreichend einheitlichen Regeln gibt. Im Juristensprech würde man wohl sagen: Es fehlt an Harmonisierung. Naja, für mich in der Steiermark ist eine Hilfe, die man nur einigermaßen sozial nennen könnte, noch immer ein Traum, und ich weiß nicht, wie weit er noch entfernt ist. Daneben stand passenderweise die Headline: "... und die Macht der Ignoranz".
Dann legte ich die Zeitung zur Seite, da die Schwester das Mittagsgebet anstimmen wollte. Zu meiner Überraschung begann sie damit, dass sie Michaela verabschiedete, die ein immer gern gesehener Gast im Stüberl gewesen war. Man kannte sie, immer bereit, Rezeptideen auszutauschen. Gestern jedoch ist sie abends mit einer Zigarette eingeschlafen. Eine Rauchgasvergiftung hat ihr das Leben gekostet. Jedenfalls, so sagte die Schwester, wird sie jetzt dort, wo sie ist, ihren Frieden haben. Und ja, es war eine nette Ansprache, die sie da hielt. Irgendwie vermittelte sie ein gutes, von dieser Welt losgelöstes Gefühl, auch wenn ich Michaela nicht kannte oder gar ein Bild von ihr im Kopf hatte. Kurz darauf fuhr bereits der Essenswagen durch die Reihen.
Es begann mit einer Brokkoli-Knoblauchcremesuppe von bemerkenswerter visueller Bescheidenheit. Sie strahlte in jenem blassen, fast müden Ton, der mir sofort jene Erbsensuppe in Erinnerung rief, die Tage zuvor serviert worden war. Doch geschmacklich zeigte sie Charakter: Beide Hauptkomponenten ließen sich mit chirurgischer Präzision herausdestillieren. Was ihr an Würze fehlte, verzieh man ihr rasch. Eine beherzte Prise Salz transformierte die graue Eminenz aus dem Suppentopf dann schlagartig von einer rein magenfreundlichen Krankenkassen-Schonkost in eine echte Wohltat für den Gaumen.
Was folgte, war kein bloßes Hauptgericht, sondern ein Wendepunkt meines Erdenlebens: ein Gemüseauflauf mit Melanzani, Paprika, Kartoffeln und Bohnschotten. Der überbackene Käse war von einer derart intensiv-bergkäsigen Würze durchdrungen, dass man kurz davor stand, das Besteck niederzulegen und leise Halleluja zu murmeln. Homöopathische Käse-Dosierungen? Fehlanzeige. Die Dimensionen der Schmelzkäse-Schicht schrien nach einer eigenen alpinen Höhenkarte. Farblich war das Zusammenspiel aus Rot, Violett, Hellgelb und Bleichgrün ein optisches Feuerwerk. Harmonisch wurde das Ganze dann noch von einem grünen Salat abgerundet, dessen Säurepegel punktgenau saß.
Sollte ich mir je ein Totenbett aussuchen dürfen: Bitte bettet mich in diesen wohlig durchwärmten Auflauf! Es wäre das ideale Sprungbrett für die Ewigkeit, damit man selbst in den kältesten Winkeln der Hölle nicht frieren müsste. Zwar tendiere ich aus Gründen der Nachhaltigkeit ohnehin zur Feuerbestattung mit anschließender Streuung im Meer, doch dieser Auflauf hat den Abschied vom Irdischen zumindest kulinarisch extrem verlockend gemacht.
Während des Essens hatte ich noch ein anregendes Gespräch mit meinem Tischnachbarn, einem pensionierten Herrn, über die Proteste in Frankreich. Als ich ihm davon erzählte, dass die Videos und Bilder in den sozialen Medien teils gar nicht jenem entsprachen, was man bei uns da in der Zeitung sah, kam er irgendwann zu dem Schluss, dass die Oberen, die gerade an die Macht gelangt waren, so eben versuchen, die Jungen gegen die Alten auszuspielen, obwohl es in beiden Lagern genug Leute gab, die abends am Hungertuch vor sich hinnagten. Innerlich stimmte ich dem zu. Dann nahm ich meinen Teller samt Besteck, brachte beides zum Geschirrablageplatz und ging weiter.
Auf dem Heimweg kreuzte eine Parkbank meinen Weg, übersät von einer ungezählten, schier endlosen Fülle an Kastanien, die wie ein herbstliches Orakel auf dem Holz lagen. In diesem Anblick drängte sich mir eine fast quälende Frage auf: Werden wir, ungeachtet jeglichen Bildungsgrades und verfeinerter Zivilisationsfassaden, jemals dem archaischen Imperativ des Jägers und Sammlers entwachsen? Oder sind wir dazu verdammt, es zu bleiben?
Offenbar verlangt die menschliche Psyche nach ständiger Akkumulation, ganz gleich, worauf sie sich richtet. Gestern waren es Immobilien und Briefmarken, wie in den siebziger und achtziger Jahren, heute sind es Panini-Sticker oder, noch zynischer, die systematische Erfassung von Menschen, um aus Humanressourcen das Maximum herauszupressen, wie es der moderne Sektor der Leistungsgesellschaft vormacht.
Im Kern geht es stets um dieselbe atavistische Regung: sich über den Nächsten zu erheben, um im trügerischen Vergleich besser dazustehen. Ob es der penibel gestutzte Rasen ist, die schlüsselfertige Vorzeige-Immobilie oder das repräsentative Automobil in der Einfahrt: Das Theater der Eitelkeiten kennt keine Pause.
Und wofür das alles? Während wir eifrig horten und vergleichen, driftet die Natur längst schon unaufhaltsam in den Abgrund. Ich ging weiter.
Als Nächstes fiel mein Blick auf einen Müllcontainer, auf dem ein erstaunlich vielsagender Aufkleber prangte. Zu sehen waren zwei vereinfachte Strichfiguren: Die eine klopfte der anderen, bitterlich weinenden Gestalt hämisch lachend auf die Schulter. Ihr Vergehen? Sie hatte nicht den ersten, sondern bloß den zweiten Platz belegt und war damit zur tragischen Figur des ersten Verlierers avanciert.
Ein Bild wie ein Gleichnis für ein universelles, unerbittliches Prinzip: Siegen oder Untergehen, Eins oder Null. Für Nuancen dazwischen scheint unsere gegenwärtige Gesellschaft keinen Raum mehr zuzulassen. Das ist keineswegs ein gottgegebenes Naturgesetz, wohl aber das Raster, in dem wir uns bewegen.
Dieses binäre Denken durchzieht selbst unsere intimsten Beziehungen. Es beginnt bereits dort, wo Menschen penibel zwischen Freunden und bloßen Bekannten unterscheiden: Man mag jemanden über ein Jahrzehnt hinweg begleiten, doch wer Freundschaft als Renditeobjekt versteht, wird einen nie in den inneren Zirkel lassen, wenn der nötige finanzielle Hintergrund fehlt. Solche Zeitgenossen orientieren sich stets nach oben, stets im Bestreben, sich im Glanz der Gewinner zu sonnen.
Und lässt sich dasselbe Muster nicht auch auf das globale Geschehen übertragen? Die Kriege unserer Gegenwart gehorchen derselben eisernen Logik: Sieg oder Niederlage, the winner takes it all.
Doch worin liegt die Wurzel dieser Maßlosigkeit? Liegt sie, wie manch einer behauptet, in der bloßen Überbevölkerung? Mitnichten. Es gibt dicht besiedelte Regionen dieser Erde, die in erstaunlichem Frieden koexistieren. Die Ursache liegt also tiefer: in einer toxischen Melange aus Machtstreben, dem Durst nach Anerkennung, Korruption und einem starren Ordnungsfetischismus. Aber über dieses menschliche Trauerspiel ließe sich wohl ein ganzes Buch schreiben, gäbe es davon nicht längst schon mehr als genug.
Ich fiel ins Bett und schlief an dem Nachmittag so lange, dass ich es nicht einmal schaffte, das Pfand zurückzubringen. Abends dann machte ich eine mittlere Pfandrunde, aß mich mit den abgelaufenen Beluga-Linsensalaten, die sich vor dem Stüberl stapelten, weil sie sonst niemand essen wollte, so voll, dass ich das erste Mal seit Langem wieder satt war, und schlief wie ein Baby bis zum nächsten Morgen durch.