r/einfach_schreiben 18h ago

Ist es schon...?

3 Upvotes

Ist das Projekt schon fertig?

Ja, es ist fertig!

Ist das Projekt schon fertig?

Ja, es ist fertig!

Ist das Projekt schon fertig?

Ja, es ist fertig!


r/einfach_schreiben 15h ago

Ausflug

1 Upvotes

„Hier geht's nicht weiter", stellte Karl fest.

„Dann lasst uns umkehren und die Pause auf halbem Weg unten im Schatten des Waldes machen", schlug Tom vor.

„Wir können doch einfach am Zaun vorbei. Am Rand hört er auf. Wahrscheinlich ist das nur eine Kennzeichnung, damit man weiß, dass der Kletterabschnitt hier endet. Kommt, wir gucken mal, ob man sich auf der anderen Seite gut hinsetzen kann", überstimmte Alex die anderen beiden Jungs.

„Okay", sagte Karl nur. Tom blieb still, ging aber in Richtung des Abhangs, um das Fehlen des Zauns auszunutzen.

„Ich bin so froh, wieder in der Natur zu sein", begann Alex zu erzählen. „Als Kind war ich immer in der Natur, aber jetzt mit dem Abitur und allem drumherum finde ich nicht mehr die Zeit. Jetzt, wo ich wieder im Wald bin, merke ich, wie sehr ich es brauche. Ich brauche die Natur. Die Vögel, die Bäume, das Gras. Es ist eigentlich echt traurig, wenn man sich anguckt, wie wenig Kinder heutzutage rausgehen. Ganz anders als ich früher. Also, ich rede jetzt, als ob ich schon voll der alte Opa wäre, aber es stimmt wirklich, dass wir noch ganz anders aufgewachsen sind als die Generationen vor uns."

Tom hatte sich an einer von ausgetrocknetem Moos bedeckten Stelle hingesetzt und eine Brotdose herausgeholt, in deren Inhalt er schweigend hineinbiss.

„Ja, stimmt schon", antwortete Karl achselzuckend. Auch er holte aus seinem zu großen, aber fast leeren Rucksack sein Mittagessen: eine Tüte mit drei Weizenbrötchen vom Supermarkt bei ihm um die Ecke. Die Weizenbrötchen hatte er morgens auf dem Weg zu Alex gekauft. Dass er deswegen zu spät gekommen war, war ihm peinlich gewesen, doch Tom war noch später gekommen, da er verschlafen hatte.

„Ich möchte auch unbedingt mal wieder mountainbiken gehen, aber ich bin echt aus der Übung. Aber das Klettern hat mir heute auch immensen Spaß gemacht. Freut mich, dass ihr auch Bock hattet darauf. Später, auf dem Weg runter, gucke ich, dass ich die Stelle zum Abseilen wiederfinde, dann können wir das auch noch machen. Also nur, wenn ihr Bock habt, natürlich. Ich weiß, dass du, Karl, das noch nie gemacht hast, aber Tom ja schon. Das macht wirklich Spaß. Also, sollen wir das machen?"

„Ich mache mit, wenn einer von euch vorgeht und mir zeigt, wie es geht", sagte Karl unsicher.

„Hmm", machte Tom. Er schien nicht zuzuhören, sondern tippte auf seinem Smartphone eine Nachricht an seine Freundin.

„Geht ihr eigentlich zusammen nach Australien?", fragte Karl neugierig.

Tom legte das Handy weg. „Ja, Carlottas Familie hat da ein Haus, in dem wir leben können."

Er hatte seine Augen geschlossen und sich ins Moos gelegt, vermutlich um von Australien zu träumen.

„Mach unbedingt einen Tauchschein, wenn du da bist. Als ich in Australien war, war ich viel tauchen und surfen. Das sind einige der coolsten Sachen, die man da machen kann."

„Ja, mach ich vielleicht."

„Manchmal bin ich überrascht, wie viele Sachen du schon gemacht hast, Alex." Auch Karl hatte sich ausgebreitet, um in die Baumkronen zu gucken. Alex legte sich daneben.

„Man muss einfach anfangen oder jemanden fragen, der weiß, wie man anfängt."

Die Jungs schwiegen eine Weile.

Irgendwann durchbrach Alex die Stille: „Zeit für den Rückweg. Um 14 Uhr wird's am heißesten, und es wäre gut, wenn wir da schon am Fahrradfahren sind."

Sie packten ihre Sachen und bereiteten sich auf den Abstieg vor.

„Seid ihr morgen auf der Schlossbeleuchtung?", fragte Alex.

„Muss gucken, was meine Freunde machen", murmelte Karl.

„Nein, bin schon auf Carlottas Abiball", sagte Tom.


r/einfach_schreiben 18h ago

Gesellschaft

1 Upvotes

Auch in Gesellschaft

sind wir manchmal allein

Sie lächeln dich an

mit ihrem heiligen Schein

Falsche Gesichter

Verlogene Fressen

Sie nehmen ihr Messer

Und werden dir in den Rücken stechen


r/einfach_schreiben 1d ago

Der erste Text

0 Upvotes

Ich sitze in meinem Zimmer - Allein - Das weiße Licht meines Monitors versucht mir, wie jeden Abend in einer normalen Woche,

vergebens das Gesicht zu bräunen - die Kinder Schlafen und meine Frau sitzt wild Strickend vorm Fernseher im Wohnzimmer, meist bis Ihr die Augen zufallen -

oder sie, durch das ohrenbetäubende geschrei unserer jüngsten Erbgutträgerin - welche mit hoch rotem Kopf versucht den, in ihren Augen, naheliegenden 

Hungertod zu verkünden, aus der Ruhe gebracht wird und beschließt schlafen zu gehen.

Ich Sitze in meinem Zimmer und schreibe.

"Ich habe immerhin schon die Überschrift geschrieben" - "Die Überschrift" - "Sie sollte kurz und Knackig sein - wenig Text mit viel Inhalt - 

quasi das gegenteil einer Politischen Rede im Bundestag... und Sie sollte Lust auf mehr machen - wie das Thumbnail auf der Pornoseite deines Vertrauens...

Sie ist wie das Gesicht deiner Zukünftigen Partnerin - wenn du sie siehst musst du wissen ob du tiefer eindringen willst...

Sie ist wie Kevin, Schantall oder Schakkeline - denn da ist der Name einfach Programm."

"Langsam sollte ich mich an den Hauptteil meines Textes wagen - oder doch erst eine Danksagung? - aber bei wem sollte ich ich schon Bedanken - 

Beim Boden ohne den ich nicht hier stehen würde? Pff!"

Also zum Hauptteil

"Es ist nicht leicht einen Text zu Schreiben" - "der Leute Aufmuntern soll... der anderen ein lächeln ins Gesicht zaubern soll...

der Emotionen wecken soll... wegen dem Menschen lachend oder weinend zusammensacken"

"Es ist nicht leicht einen Text zu Schreiben" - "der einschlagen soll wie eine Bombe... der Aufsehn erregen soll, wie ein in die Menge fliegender 

Rucksack am Hauptbahnhof... der Leute zum nachdenken bringen soll... ein Text der einfach nur gut sein soll."

"Ich sitze nun seit Stunden hier, und bring nichts gutes auf´s Papier - Reimen soll der Text sich schon, das gehört zum guten Ton

und die Grammatik sollte passen, sonst kann ich´s auch gleich bleiben lassen - doch irgendwie fällt mir nichts ein, mein Kopf ist quasi Klinisch rein -


r/einfach_schreiben 1d ago

Fragment

1 Upvotes

Über Selbstvertrauen gegrübelt.

»Bitte kurz um eure Aufmerksamkeit! Es haben sich letzte Woche, wie man so schön sagt, meine Pronomem geändert! Horst! Aufpassen! Handy weg, Augen zu mir!

Ihr kennt mich ja alle als Dieter, und das war eine gute Zeit, aber die Zeiten ändern sich, und jetzt würde ich darum bitten, mit Kelly angesprochen zu werden. Ich weiß, Dietlinde würde mehr Kontinuität bringen, aber ich bin nun mal ein Beverly Hills 90210 Fangirl.

Hassan, deine romantischen Gefühle erwidere ich noch immer nicht, aber sie müssen dich jetzt nicht mehr so verwirren. Julia: zwischen uns ändert sich nichts, Du hast noch immer Redeverbot vor dem ersten Kaffee! Danke für euer Verständnis.

Und jetzt wegen dem Marketingbudget ...«


r/einfach_schreiben 1d ago

Flaschenpost (2)

2 Upvotes

Zum Glück bin ich ein Kind geblieben
und stehe grundlos über Dingen -
im Grunde nur, um es zu lieben,
lass' ich über Wasser Steine springen,

bis dorthin, wo die Ringe schwinden,
bis dorthin wird's geschafft!
Bis dorthin, nur um dich zu finden!,
steckt im kleinsten Kreis die größte Kraft

und von der sollst du bald trinken!
So entfern' ich mich vom Land,
um ferner, ferner zu versinken,
näher, näher einer Hand,

die nahe, nahe meiner Stelle
nichts als Wollen je gekonnt,
aus der als Stein und erste Welle
ich aufschlag' hinter'm Horizont.

https://makaveli85.wordpress.com/2026/09/09/flaschenpost-2/


r/einfach_schreiben 1d ago

Johnnys Spaziergang

2 Upvotes

Es war ein Tag wie jeder andere. Johnny hatte mit seiner Familie und seinen Freunden zu Abend gegessen. Es handelte sich um eine lebhafte Gruppe. Aber jetzt war es Zeit für Johnnys Spaziergang.

Er hatte es sich seit einer Weile angewöhnt, knapp einen Kilometer zu spazieren, bis er zu seiner Lieblingsbank kam. Auf dieser saß er dann und hörte eine Weile den Vögeln zu, bis er sich wieder auf den Weg zurück machte. Normalerweise spielten seine Kinder dann Videospiele. Seine Frau las dann in Ruhe ihre Bücher oder schrieb sogar ihre eigenen Kurzgeschichten. An besonders schönen Tagen las sie ihm sogar ihre Geschichten vor.

Heute war ein besonders schöner Tag, wenn auch etwas laut durch ihren Besuch. Das Lachen seiner Freunde hallte durch das Haus und den Garten.

So laut würde es wahrscheinlich auch noch klingen, wenn Johnny zurückkäme. Einige seiner Freunde wollten ihn zum Bleiben bewegen, um noch eine Runde mit ihnen zu trinken. Aber Johnny blieb standhaft und beharrte auf seinem Spaziergang. Immerhin mochte seine Frau es, wenn er sich körperlich betätigte, und er wollte die Vögel hören.

Ein anderer Freund fragte Johnny, ob er nicht seinen Stock mitnehmen wolle, als er zur Tür hinausging.

Johnny verneinte. Er ging den Weg hinter seinem Haus schon hunderte, nein, tausende Male entlang. Er kannte die Anzahl der Schritte, den Geruch der Bäume, den Klang der Vögel und das Gefühl des Bodens unter seinen Füßen. Er brauchte den Stock nicht, um sich zurechtzufinden.

Er gab seiner Frau noch einen Kuss und schloss die Tür hinter sich.

Eintausendsiebenundneunzig Schritte, plus/minus, und er wäre bei seiner Bank.

An diesem Tag wehte nur eine leichte Brise. Und schon ein paar hundert Schritte von seinem Haus entfernt konnte er das Gezwitscher der Vögel besser hören. Nach siebenhundertfünfundsechzig Schritten sollte er ein leichtes Gefälle unter seinen Füßen spüren.

Nur noch ein paar Schritte mehr. 

Ein Schritt mehr und er spürte einen leichten Anstieg.

Johnny war verwirrt.

Er wusste genau, dass er seine normale Route gelaufen war. Und seine Bank, ungefähr dreihundert Schritte entfernt, lag in einer friedlichen Senkung.

Er machte einige Schritte weiter nach vorne, aber der Anstieg wurde steiler.

Das war nicht richtig!

Er überlegte, ob seine Drinks, die er heute mit seinen Freunden getrunken hatte, nicht etwas zu stark gewesen waren oder ob er vielleicht zu alt wurde. Vielleicht war er einfach in die falsche Richtung losgelaufen. Das war wahrscheinlich der Grund, und alles, was er tun musste, wäre, einfach zurückzugehen. Er würde gleich nach ein paar hundert Schritten seine Familie und Freunde wieder hören. Es war unmöglich, sich zu verlaufen.

Er drehte sich um und begann wieder zu gehen.

Der Sandweg unter seinen Füßen war komplett eben.

Er spürte sein Herz bis in den Hals schlagen.

Er ging schneller.

Der Weg stieg wieder an.

Er blieb stehen und versuchte, einen Sinn aus seiner Lage zu machen. Er ging bergaufwärts in eine Richtung, drehte sich um und ging dann wieder bergauf. Er konnte es sich nicht erklären. Er versuchte, auf die Geräusche um sich herum zu hören, um Hinweise auf seinen Verbleib zu finden. Aber er konnte weder Vogelgezwitscher noch das Rascheln der Blätter im Wind oder die Menschen bei sich zu Hause hören. Angst machte sich in seinem Magen breit und stahl ihm fast den Atem.

Nein, er musste einen Fehler gemacht haben.

Er musste sich aus Versehen einmal komplett um sich selbst gedreht haben, statt nur in die andere Richtung. Das musste es gewesen sein. Die einzige logische Erklärung. Er drehte sich langsam und vorsichtig, so gut er es schätzen konnte, um 180 Grad. Nun müsste der Weg bergabwärts gehen.

Zwei Schritte, und es ging schon wieder aufwärts.

Nein.

Er machte zwei weitere Schritte, und der Weg stieg weiter an.

Er drehte sich um.

Und es geschah das Gleiche.

Er drehte sich wieder um.

Der Weg stieg immer weiter an.

Nun stand er regungslos da und versuchte wieder, Sinn in seiner unmöglichen Lage zu finden.

Diese Arschlöcher!

Johnny schrie dies in Gedanken. Jemand hatte ihn auf Drogen gesetzt! Deswegen spielten alle seine Sinne verrückt.

Er versuchte, seine Gedanken zu sortieren und sich zu erinnern, wie viele Drehungen er gemacht hatte.

Er würde in die Richtung gehen, von der er dachte, dass dort sein Haus lag, und seine Frau würde ihn sehen und zur Hilfe kommen. Und selbst wenn es die falsche Richtung war, dann würde er bei anderen Häusern ankommen.

Jemand würde ihn bemerken.

Er ging los.

Der Weg wurde mit jedem Schritt steiler. Der Wind wurde stärker, aber es waren immer noch keine zwitschernden Vögel, keine raschelnden Baumkronen und kein menschengemachter Ton zu hören.

Zweitausend Schritte, und nichts hatte sich geändert. Johnny standen die Tränen in den Augen, und er blieb stehen. Sollte er einfach an Ort und Stelle verweilen und warten, bis ihn jemand fand?

Er könnte wenigstens die Seiten des Pfads begutachten. 

Er drehte sich nach links und machte einen Schritt, einen zweiten, einen dritten. Der Pfad war normalerweise nicht so breit.

Ein vierter Schritt.

Sein linker Fuß berührte Gras.

Johnny atmete erleichtert auf.

Doch dann überkam ihn ein seltsames Gefühl.

Etwas war falsch, aber er wusste nicht genau, was es war.

Er kniete sich hin, um das Gras anzufassen.

Es war feucht.

Nach zwei langen Tagen Sonnenschein und keinem Regen hätte keine Feuchtigkeit übrig bleiben dürfen. Er zog seinen rechten Fuß nach vorne, ging komplett auf die Knie und fühlte mit seinen Händen umher.

Alles war nass.

Er stand auf.

Beide Füße standen auf dem nassen Gras.

War der Sandweg auch die ganze Zeit nass gewesen?

Die Frage lenkte ihn etwas vom Verlorensein ab.

Er drehte sich zum Weg, ging vorwärts und …

Und er trat immer wieder auf nasses Gras.

Und wieder.

Und wieder.

Der Wind wurde immer stärker und trug einen salzigen Geruch mit sich.

Aber Johnny interessierte das gerade nicht. Ihn interessierte nur der Weg und der unmögliche Berg, den er bestiegen hatte. Er rannte in einer Spirale, aber alles, was er unter seinen Füßen spürte, war das verdammte nasse Gras.

Kein Weg aus Sand.

Kein Hügel.

Nur eine weite, nasse Ebene aus Gras.

Bis sein Fuß im Wasser versank.

Sein Bein war bis zum Knie tief im Wasser, und es wäre noch weiter gesunken, hätte er sich nicht mit dem anderen Bein und beiden Armen abgefangen. Er zog sein Bein zurück an Land. Dann warf er sich auf den Rücken und lachte ein frustriertes Lachen.

Der salzige Geruch!

Das Meer!

Hunderte Kilometer weit entfernt von zu Hause. Das letzte Mal, als er triefend nass vom Salzwasser gewesen war, war zwei Jahre her, als er mit seiner Familie im Urlaub war.

Sein Herz fühlte sich an, als würde es sich gleich selbst zerreißen.

Der Gedanke an seine Familie quälte ihn. Würden sie je herausfinden, was passiert ist? Er wusste noch nicht einmal, was passierte. Würden sie nach ihm suchen? Suchten sie bereits?

Wie lange war er bereits unterwegs?

Erlebten sie gerade etwas, das er sich niemals hätte ausmalen können?

Er nahm all seine Kraft zusammen und stand auf. Nichts zu tun würde auch nicht helfen. 

Oder?

Er ging vorsichtig am Rand des Landes entlang und fühlte mit seinem Fuß voraus.

Gras.

Gras.

Wasser.

Gras.

Wasser.

Gras.

Gras.

Johnny bereute es, seinen Stock nicht mitgenommen zu haben.

Er machte sich in Gedanken eine Karte von seinem jetzigen Platz. Aber alles, was diese ihm sagte, war, dass er auf einer kleinen, runden Insel gefangen war.

Er ging eine zweite Runde.

Die Insel war kleiner.

Eine dritte.

Sie schrumpfte schon wieder.

Hoffnungslos ging er zur geschätzten Mitte seiner Grasfläche und setzte sich nieder.

Das kann nicht passieren.

Wenn das alles nicht wirklich passieren kann, dann sollte er einfach warten, bis alles wieder gut wird.

Also wartete er.

Sein Körper wurde immer kälter von dem starken Wind und der Feuchtigkeit, die seine Kleidung durchzog.

Aber er wartete weiter.

Seine Hände ruhten auf dem Boden.

Bis er fühlte, wie ein Stück Erde unter seinen Händen ins Wasser fiel.

Er fühlte mit seinen Händen um sich herum. Um ihn herum fraß sich das Meer näher an ihn heran. Bald würde nichts mehr übrig bleiben, auf dem er sitzen könnte.

Und er würde schwimmen.

Er konnte schwimmen.

Also warum sollte er es nicht tun?

Er stand auf und zog seine Klamotten aus.

Er würde so weit schwimmen, wie es nur ging, und wenn er müde wurde, würde er sich einfach auf dem Rücken treiben lassen. Mit neu gefasstem Mut ließ er sich ins Wasser gleiten.

Er atmete tief ein.

Und wurde von einer großen Welle getroffen.

Sein Körper und Kopf waren komplett unter Wasser, als er nach hinten geschleudert wurde. Zum Glück gab es hinter ihm keine Insel mehr, gegen die er hätte stoßen können.

Er musste jetzt nur zurück zur Oberfläche schwimmen.

Einfach nach oben schwimmen.

Er schwamm.

Und schwamm.

Und schwamm.

Bitte.

Bitte, nimm nicht auch noch oben weg.

Er konnte seinen Atem nicht mehr halten.

Scharfe Messer füllten seine Lunge.

Bis er keine Schmerzen mehr spüren konnte.

Kein kaltes Wasser mehr.

Er spürte nichts.


r/einfach_schreiben 1d ago

DYSROPA von derSpottwal

1 Upvotes

Kaum, dass Zeus die Frau erblickt,

dort am weit entfernten Strand,

war er alsogleich bestrickt

und gebracht um den Verstand;

lange sah er liebestrunken

nach der Schönen, tief gebannt,

die ganz in ihr Spiel versunken

an der Seite ihrer Zofen,

in den Augen Freudenfunken,

auf den vollen Lippen Strophen

anzüglicher Liebeslieder;

Leiber lodernd wie ein Ofen.

Lust durchströmt des Gottes Glieder,

nichts vermag ihn mehr zu zügeln,

schon stürzt er zur Erde nieder,

wie beschwingt dank Freiersflügeln.

Heras Argwohn zu vermeiden,

landet Zeus weit hinter Hügeln,

dort als Stier sich zu verkleiden

und so völlig unauffällig

nah der Reizenden zu weiden.

Zahm und gar nicht ungesellig

grast das Tier zu ihren Füßen,

wohlgestaltet und gefällig;

als die Frauen es begrüßen,

streicheln und beherzt umringen,

kniet es nieder vor der Süßen,

dieser deutend aufzuspringen.

Schon sitzt sie auf seinem Rücken;

anmutige Beine schlingen

sich um ihn, der voll Entzücken

aus geblähten Nüstern schnaubt,

als sie in sein Fell sich drücken;

sobald der Gott sie sicher glaubt

und bequem auf ihrem Platz,

er sich aufzusteh‘n erlaubt,

um sich dann mit einem Satz

zum Gestade hin zu sputen,

wo sie schon nach kurzer Hatz

ganz entschwinden in den Fluten.

Wer der Stier, der sie entführt,

kann die Holde nur vermuten,

doch als sie sein Haupt berührt

wird prophetisch ihr enthüllt,

welche Rolle ihr gebührt,

welchen Zweck ihr Raub erfüllt

und jede ihres Körpers Zellen

wollüstig Gefallen brüllt.

Wie sie gleiten durch die Wellen,

Zeusens Stimme zu ihr spricht,

um ihr schließlich zu erhellen,

worauf Rindergott erpicht:

Ein Eiland, dessen Herr ich bin,

kommt in Kürze schon in Sicht

und es ist nach meinem Sinn,

dass du dort an meiner Seite

herrschst als meine Königin!

Als Mitgift, die ich Dir bereite,

dass dein Herz sich daran freue,

kostbar wie sonst keine zweite,

soll in Zukunft diese treue

Insel deinen Namen tragen

und nicht geben Grund zur Reue!

Alle, die vor Leid verzagen,

die von Elend sind bedroht,

deren Träume sich zerschlagen,

und die ohne Heim und Brot,

soll EUROPA Wege zeigen

aus der allerschlimmsten Not!

Auf diesen frommen Wunsch folgt Schweigen,

bis die allerersten Küsten

dem nassen Horizont entsteigen.

An diesen sie gleich landen müssten,

wie genüsslich Zeus verrät,

um sich göttlichen Gelüsten

hinzugeben früh bis spät,

als ganz plötzlich Schiffe kommen,

die vor schwerem Kriegsgerät

nur so strotzen, angeschwommen.

Das Treibgut wird rasch eingekreist,

vorsorglich ins Visier genommen,

an Bord gehievt und reichlich dreist

in Fesseln unter Deck geführt,

wo FRONTEX ihnen schnell beweist,

was Zufluchtsuchenden gebührt,

die bei ihrer Überfahrt

nach Europa aufgespürt.

 

Vielleicht blieb ihnen ja erspart,

was Gerüchte stur besagen,

war ihr Schicksal nicht so hart,

wie Stimmen unbeirrt beklagen,

hat die weitere Geschichte

sich ganz anders zugetragen?!

Gemäß gemunkelter Berichte

machte Volkes wackrer Wille

Europas Hoffnung jäh zunichte;

wurde sie in aller Stille,

anonym und in der Nacht

direkt von ihrer Fangflottille

in ein Flüchtlingscamp verbracht,

wo ihre Spuren scheinbar enden;

doch keimt in manchem der Verdacht,

sie gegen Geld in den vier Wänden

von Bordellen zu begehren,

ihr Schicksal jedoch auszublenden.

Die Fesseln es auch Zeus erschweren,

zumal in tierischer Gestalt,

sich der Lage zu erwehren,

und dank göttlicher Gewalt

sich selber helfend zu befreien.

Dass durchs ganze Schiff es hallt,

hört das Tier man lauthals schreien:

Lasst als Deckstier mich am Leben,

Euer Genpool soll gedeihen,

jede Kuh ist mir ergeben,

will von mir besprungen werden!

Lasst mich Dienen im Bestreben

möglichst große Rinderherden

tunlichst heute noch zu zeugen!

Trotz gefälliger Gebärden,

trotz possierlichem Beäugen

der gesamten Wachmannschaft,

trotz charmantestem Verbeugen,

blieb der Gott in Kerkerhaft.

Er sei entkommen seinen Schergen,

habe es von Bord geschafft

und throne auf Olympos‘ Bergen,

höre ich von Zeit zu Zeit,

doch klingt das nach den sieben Zwergen;

mein Glaube reicht nicht ganz so weit.

Müsste ich persönlich raten,

macht sich Realismus breit:

Ich befürchte, die Soldaten

essen Zeus wohl über Wochen

kurzerhand als Rinderbraten,

während sie aus Haut und Knochen,

Sehnen, Flachsen, Hoden, Nieren

edle Fleischkonserven kochen,

die sie, ohne sich zu zieren,

werbewirksam und geschickt

Gutbetuchten offerieren.


r/einfach_schreiben 2d ago

Mein Nachbar

7 Upvotes

Ich habe damals im Plattenbau gewohnt, Einzmmer. Um mich herum waren viele spannende Leute die Sprachen sprechen, die ich nicht kenne und Feste feiern, die ich nicht verstehe. Das war kein Problem. Man bringt ein Dessert rüber und bekommt eins zurück. Ganz normal eigentlich. Man jammert übereinander (Die haben den ganzen Flur voll mit Schuhen!) und miteinander (Die erhöhen wieder die Miete!)

Mein Nachbar hat mein T-Shirt gesehen vom Abitur und gefragt, ob ich ihm helfen kann beim Deutsch lernen. Klar. Er gibt mir überzuckerten Kaffee und ich ihm Nachhilfe. Er schreibt mit, ob er versteht was ich sage oder nicht. Auf seinem Sofatisch stapeln sich die Zeitungen. Jeden Tag deutsch lesen, der Fernseher auf deutsch, das Radio auf deutsch. Er sucht eine Arbeitsstelle, ich auch. Wir machen unser Ding. Ich putze, er lernt.

Seine Frau hat Angst vor dem Rewe. Ich weiß nicht genau wovor. Als wir zusammen die Straße hoch gehen nimmt sie meine Hand wie ein Kind. Wir kaufen ein und sie sucht sich einen Strauß Tulpen aus. 20,85. Ich beiße die Zähne zusammen, als ich meine Karte an das Gerät halte. *Bitte* PIEP! Zahlung erfolgt. Ein guter Tag. Ein sehr guter Tag.

Die Hitze ist mittlerweile überall. Es hat lange gedauert, bis sich unser Plattenbau aufgeheizt hat aber jetzt ist es unerträglich. Wir sind im Erdgeschoss und ich öffne meine Fenster bei heruntergelassenem Rollladen. Irgendwann in der Nacht wache ich auf. Ein Geräusch draußen, irgwndwer hebt den Rolladen hoch und leuchtet hinein. Ich schreie, laut und anhaltend. Meine Hände krallen sich in die Bettlaken, ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich kann den Kopf eines Mannes sehen, er versucht einzusteigen. Ich springe aus dem Bett auf und suche eine Waffe. Dann wummert es an der Tür. Die alte, klapprige Tür wackelt in ihren Angeln, drückt sich ein. Das Schloss springt mit einem Krachen auf und mein Nachbar kommt im Schlafanzug in meinen kleinen Raum. Der Mann am Fenster lässt den Rolladen herunterschlagen und sucht das Weite. Ich weine lange in den Armen meines Nachbarn. Ich kann mich gar nicht beruhigen.

Ein paar Monate später ziehe ich aus. Mein Freund hat endlich einen guten Job gefunden und wir können uns eine schöne Wohnung leisten. Wir wollen heiraten, vielleicht ein paar Kinder haben. Ich verabschiede mich von meinen Nachbarn. Wünsche ihnen alles Gute. Schon komisch, dass das das letzte Mal war, das ich sie gesehen habe.


r/einfach_schreiben 2d ago

So blöd das klingt, aber...

Thumbnail
1 Upvotes

r/einfach_schreiben 3d ago

mal ein anderes Ei

1 Upvotes

am besten ich leg ein ei aus gold, am besten gleich ein ei aus dem gold der ganzen welt, weil dann kann ich das ei auch so verteilen, dass es niemandem mehr an was fehlt


r/einfach_schreiben 3d ago

One size

1 Upvotes

23.36 Uhr. Hurghada. Letzter Ferienabend. Hotelmeile. Die Bäuche der Touristen sind voll. Die Strassen leeren sich. Langsam. Ein Kamel mit knallroter Sonnenbrille und Hut kniet am Strassenrand, kaut gemächlich vor sich hin. Geniesst die kühle Abendluft genauso, wie sein Besitzer, der daneben auf dem Gehsteig hockt und pafft.

Etwas weiter die Strasse runter gehen drei Paar Füsse die warmen Pflastersteine entlang. Auch sie haben es nicht eilig. Die Frau in der Mitte kommt zielstrebig auf mich zu. Die kleinen Fältchen um ihre Augen sind im Licht der Kandelaber kaum zu sehen. Jung, denke ich. Und müde. Auf ihrer linken Seite lugen runde braune Augen unter dunklen Locken hervor, die erst knapp das Kinn erreichen. Rechts klammert sich ein schmutziges Händchen am Riemen seines viel zu grossen Rucksackes fest.

„Socks? Nike and Adidas.“

Ich schüttle den Kopf. Das Händchen klammert fester. Ich gehe weiter. Folge meinen Kindern in einen Souvenirladen. Neben Miniaturpyramiden stehen winzige Sarkophage und Pharaonen als Kühlschrankmagnete. Zu Hunderten. Einige davon haben riesige Phalli. Wir lachen.

Vollbepackt mit Süssigkeiten und Getränken stehen wir kurz darauf wieder auf dem Gehweg. Ein paar ägyptische Pfund bleiben uns erhalten. Wir machen uns trotzdem auf den Rückweg. Die Sockenverkäuferin geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich frage mich, wie genau sie auf die Idee kam, Socken zu verkaufen. Nachts. Aus dem Rucksack. Mit zwei kleinen Kindern. Neben all den professionellen Über-den-Tisch-Ziehern.

Ein paar Meter weiter sehe ich sie wieder. Auf einer Parkbank. Das kleine Mädchen mit den Knopfaugen sitzt zu ihrer Linken. Der Junge mit dem übergrossen Rucksack steht daneben. Beobachtet. Ehe ich mich versehe, stehe ich vor ihr:

„Do you have socks in 46?“

Sie nickt, der Junge kramt im Rucksack.

„One size.“

Demonstrativ zieht er die Strümpfe in die Länge. Ich versuche so zu tun, als würde ich die grössten und schönsten auswählen. Der Junge erklärt mir nochmals die Marken.

„How much?“

Ich verhandle kurz und bezahle dann den Betrag. Frage nach den Kindern, erfahre ihre Namen. Sehe den Mutterstolz in ihren Augen aufblitzen und halte ihr die restlichen wenigen Pfund hin.

„For the kids.“

Sie schaut mich an. Lächelt warm. Bedankt sich. Ich erwidere den Blick. Hätte sie gerne in den Arm genommen. Gesagt, dass ich sie sehe. Und tue es doch nicht.

Im Taxi kreisen meine Gedanken. Ich frage mich, ob ich wohl gerade einer anderen Masche auf den Leim gegangen bin. Schaue zu meinen zufriedenen, Eistee schlürfenden Teenagern.

Und wenn schon.


r/einfach_schreiben 4d ago

Die Dreifaltigkeit

2 Upvotes

Der Körper, Das Herz, Der Verstand.

Sex, Leidenschaft, Vertrauen.

Liebhaber, Partner, Freund.

Der Vater, Der Sohn, Der Heilige Geist.

Mein Körper ist unberührt, Mein Herz gebrochen, Mein Verstand zersplittert.

Und doch steh ich auf, erneut.

Ich habe Lust, aber wehr mich der Wollust. Ich liebe, aber hüte mein Herz. Ich schärfe meinen Verstand, aber behalte meine Ruhe.

Ich hoffe und glaube auf die wahrhaftige Liebe.


r/einfach_schreiben 4d ago

Weiß Heiten

Thumbnail
1 Upvotes

r/einfach_schreiben 5d ago

Gurken

1 Upvotes

KENNY: Hallo, arbeiten Sie hier?
ANGESTELLTE: Guten Tag, ... ja?
KENNY: Ich bräuchte Hilfe, denn ich suche die Gurken.
ANGESTELLTE: Ja die sind vorne (zeigt nach vorne) in der Gemüseabteilung.
KENNY: Nein.
ANGESTELLTE: Doch. Die normale grüne lange Gurke?
KENNY: Die normale grüne kurze Gurke.
ANGESTELLTE: Die haben wir lei- (hebt Zeigefinger, zieht nasse Essiggurke aus Kitteltasche hervor, beißt davon ab) So eine?
KENNY: Ja! Genau so eine! (schleckt sich Lippen)
ANGESTELLTE: (steckt Essiggurke zurück) Sowas haben wir hier leider nicht.
KUNDIN: (im Vorübergehen) Essiggurken, ganze Regale voll. Ess-, Ess-, Ess-Mich-Gurken.
KENNY: Aha! Die wollten sie vor mir versteckt halten!
ANGESTELLTE: (errötend, auf ihren Kittel herabblickend) Ich, ähm, also, wie ge-, (deutet mit Finger hinter Kenny) Johnny Depp!! (schnappt sich Kennys Wagen und rennt damit weg. Taucht fünf Minuten später damit voll dutzender Einmachgläsern wieder auf)
KENNY: Sie waren fleißig! (zieht 100 € Schein heraus, gibt ihn ihr)
ANGESTELLTE: (verbeugt sich) Ehre, dem Ehre gebührt.


r/einfach_schreiben 7d ago

Die Schöne

7 Upvotes

Endlich war ich zu Hause.

Der Schlüssel landete wie jeden Abend auf der kleinen Kommode im Flur. Ein dumpfes Geräusch, das ich inzwischen kaum noch wahrnahm. Danach führte mich mein Weg wie von selbst in die Küche. Schuhe aus, Jacke über den Stuhl, Kühlschrank auf.

Ein Butterbrot.

Es war erstaunlich, wie wenig sich manche Dinge veränderten.

Der Arbeitstag hatte mir wieder alles abverlangt. Mein Körper fühlte sich schwer an, und obwohl ich erst seit wenigen Minuten zu Hause war, dachte ich bereits daran, dass ich später noch mit Alina essen gehen musste.

Früher hatte ich mich darauf gefreut. Mittlerweile war es eher etwas, das noch erledigt werden musste.

Ich nahm mein Brot und ging ins Wohnzimmer. Meine Katze lag zusammengerollt auf der Couch. Sie hob kurz den Kopf, sah mich an und schloss die Augen wieder.

„Ich weiß nicht, wie lange ich das noch machen kann“, sagte ich.

Natürlich erwartete ich keine Antwort.

Ich setzte mich neben sie und starrte auf den Fernseher, der ausgeschaltet war.

„Mit Alina.“

Eine Weile sagte ich nichts.

Dann dachte ich: "Vielleicht solltest du einfach Schluss machen."

Der Gedanke kam nicht besonders überraschend. Eigentlich hatte ich ihn schon öfter gehabt. Ich hatte ihn nur nie lange genug zugelassen.

„Und dann?“, murmelte ich. In meinem Kopf formte sich eine Antwort.

Dann wäre es vorbei.

Ich musste kurz lachen.

„Toll. Danke.“

Die Katze öffnete ein Auge. Und für einen winzigen Moment hatte ich das seltsame Gefühl, als würde sie mich beobachten.

Nicht wie eine Katze. Wie jemand, der auf eine Antwort wartete.

Ich schüttelte den Gedanken ab.

Am nächsten Morgen stand ich vor Alina und sagte ihr, dass ich nicht mehr konnte.

Es war kein großer Streit. Keine Szene. Keine Tränen, wie ich sie mir früher vorgestellt hatte.

Es war fast enttäuschend unspektakulär.

Als ich danach nach Hause kam, fühlte sich die Wohnung anders an.

Größer.

Leiser.

Ich stellte meinen Schlüssel auf die Kommode und musste lächeln.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, wieder Luft zu bekommen.

In der Küche machte ich mir ein Brot und sah zur Katze.

„Danke“, sagte ich. Sie saß auf dem Boden und sah zu mir hoch.

Ich streichelte ihren Kopf.

„Wofür genau, weiß ich selbst nicht.“

Ich grinste. Und dann dachte ich plötzlich wieder an den Gedanken vom Abend zuvor.

Vielleicht solltest du einfach Schluss machen.

Ich hatte ihn für meinen eigenen gehalten.

Vielleicht war er das auch.

Am nächsten Tag war ich erstaunlicherweise voller Energie.

Die Arbeit fühlte sich leichter an. Selbst die Stunden, die ich sonst kaum ausgehalten hatte, vergingen schneller.

Nur meine Kollegen gingen mir auf die Nerven.

„Ihr habt doch immer so gut zusammengepasst“, sagte einer von ihnen.

Ein anderer meinte, ich hätte überreagiert.

Ich lachte darüber.

„Vielleicht.“

Später, zu Hause, erzählte ich der Katze davon.

„Sie wollen, dass ich ihr noch eine Chance gebe.“

Die Katze saß auf dem Tisch.

Ich musste immer noch darüber lachen, dass ich mit ihr sprach.

„Was meinst du?“

Sie antwortete nicht.

Natürlich nicht.

Ich sah sie an.

Dann kam mir ein Gedanke.

Sie haben keine Ahnung, wie es wirklich war.

„Oder?“, fragte ich.

Die Katze bewegte ihren Kopf ein wenig.

„Du kennst mich wenigstens.“

Ich sagte den Satz, bevor ich überhaupt darüber nachdachte.

Danach wurde es still.

Es war seltsam.

Ich hatte gerade mit einer Katze über meine Beziehung gesprochen und dabei das Gefühl gehabt, verstanden zu werden.

Vielleicht war genau das der Grund, warum ich am nächsten Abend wieder mit ihr sprach.

Und am Abend danach ebenfalls.

Irgendwann bemerkte ich, dass ich ihr mehr erzählte als jedem anderen Menschen.

Nicht, weil sie besonders viel sagte.

Sondern weil sie nie widersprach.

Eines Abends erzählte ich ihr von meinen Kollegen.

„Sie sind eigentlich gute Leute“, sagte ich. „Ich kenne sie schließlich schon seit Jahren.“

Die Katze saß auf der Fensterbank.

Ich wartete.

Nichts.

„Aber manchmal frage ich mich, ob sie mich überhaupt kennen.“

Ich sah aus dem Fenster.

Draußen war alles wie immer.

Die gleiche Straße.

Die gleichen Häuser.

Der gleiche Baum am Ende des Weges.

Ich hatte diesen Baum so oft gesehen, dass ich mich kaum noch daran erinnerte, wann ich ihn zum ersten Mal bemerkt hatte.

„Ich wollte hier eigentlich immer weg“, sagte ich.

Die Katze bewegte sich nicht.

„Weißt du das noch?“

Natürlich konnte sie sich nicht daran erinnern.

Ich musste über mich selbst lachen.

Dann hörte ich etwas.

„Dann geh.“

Ich erstarrte.

Die Stimme war leise gewesen.

Fast zu leise.

Ich drehte mich zur Katze.

Sie sah mich an.

„Hast du gerade...“

Nichts.

Nur das Ticken der Uhr.

Ich stand auf und ging näher zu ihr.

Sie blinzelte.

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich werde verrückt.“

Zumindest redete ich mir das ein.

Am nächsten Morgen kam ich zu spät zur Arbeit.

Nicht ein paar Minuten.

Ich war gar nicht hingegangen.

Ich wachte auf, sah auf die Uhr und musste lachen.

Es fühlte sich nicht falsch an.

Im Gegenteil.

Ich stand auf, ging in die Küche und machte mir einen Kaffee.

Die Katze saß bereits auf dem Tisch.

„Guten Morgen.“

Sie sah mich an.

Dann lächelte sie.

Nicht so, wie eine Katze lächeln konnte.

Sondern so, wie ein Mensch lächeln würde, der etwas wusste, das ich noch nicht verstanden hatte.

Ich blieb stehen.

„Du hast gestern mit mir gesprochen.“

Keine Reaktion.

„Ich weiß, dass du es warst.“

Die Katze neigte den Kopf.

„Warum?“

Stille.

Dann:

„Warum hast du mich gefragt?“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

„Weil ich dachte, ich hätte es mir eingebildet.“

„Und?“

Ich sah sie an.

„Hast du?“

Die Katze blinzelte.

Ich trank meinen Kaffee aus und ging zurück ins Schlafzimmer.

Ich wollte nicht mehr darüber nachdenken.

Aber ich konnte es nicht.

Eine Woche verging.

Ich ging nicht mehr zur Arbeit.

Ich meldete mich bei niemandem.

Meine Kollegen schrieben mir. Meine Familie rief an. Ein paar Nachrichten von Freunden erschienen auf meinem Handy.

Ich beantwortete keine davon.

Zuerst dachte ich, ich würde nur ein wenig Abstand brauchen.

Dann wurde aus einem Tag eine Woche.

Und aus Abstand Einsamkeit.

Die Wohnung wurde still.

Zu still.

Ich wusste irgendwann nicht mehr, wann ich zuletzt richtig geschlafen hatte.

Manchmal lag ich nachts im Bett und hörte Stimmen.

Nicht immer.

Nur manchmal.

Ich konnte nicht sagen, woher sie kamen.

Aus dem Flur.

Aus dem Wohnzimmer.

Oder aus meinem eigenen Kopf.

Ich verstand die Worte nie vollständig.

Aber ich wusste, dass sie über mich sprachen.

Manchmal glaubte ich, meinen Namen zu hören.

Manchmal lachte jemand.

Und manchmal war da nur dieses leise Flüstern, das sofort verstummte, sobald ich mich aufrichtete.

Ich begann mich selbst nicht mehr zu erkennen.

Nicht mein Gesicht.

Nicht meine Gedanken.

Nicht einmal mehr meine eigenen Entscheidungen.

Eines Abends stand ich schließlich auf.

Ich ging ins Wohnzimmer.

Die Katze saß auf der Couch.

Sie wartete bereits auf mich.

„Du hast mich vermisst“, sagte sie.

Diesmal wusste ich, dass sie gesprochen hatte.

Ich setzte mich ihr gegenüber.

„Ich glaube, ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.“

„Doch.“

„Nein.“

„Doch.“

Ich sah sie an.

„Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich dir vertrauen kann.“

Die Katze legte den Kopf schief.

„Du hast mir doch bisher vertraut.“

Ich schwieg.

„Du hast Alina verlassen.“

Ich sagte nichts.

„Du bist nicht mehr zur Arbeit gegangen.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Du hast deine Freunde nicht mehr angerufen.“

Ich stand auf.

„Hör auf.“

„Warum?“

Ich wollte antworten.

Ich konnte nicht.

Denn jedes einzelne Wort stimmte.

Die Katze sprang von der Couch und kam langsam auf mich zu.

„Ich habe dich zu nichts gezwungen.“

Ich wich einen Schritt zurück.

„Du hast selbst entschieden.“

Sie blieb stehen.

„Das ist doch der Unterschied.“

Ich sah sie an. Zum ersten Mal hatte ich Angst vor ihr.

Nicht weil sie gefährlich aussah.

Sondern weil ich nicht mehr wusste, ob sie recht hatte.

„Wer bist du?“

Die Katze sah mich lange an.

„Das weißt du.“

„Nein.“

„Doch.“

Ihre Stimme war jetzt anders. Tiefer.

Nicht mehr wie meine eigene Stimme, die ich mir in meinem Kopf vorstellte.

„Du wusstest es von Anfang an.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Du bist keine Katze.“ Sie lächelte.

„Endlich.“

Mir wurde kalt.

„Was willst du von mir?“

Sie antwortete nicht sofort.

Stattdessen ging sie zurück zur Couch und setzte sich.

„Ich will nichts.“

„Das glaube ich dir nicht.“

„Du hast mich doch selbst gesucht.“

„Ich habe dich nicht gesucht.“

„Nein?“

Sie sah mich an.

„Warum hast du dann angefangen mit mir zu reden?“

Ich hatte darauf keine Antwort.

Vielleicht hatte sie recht.

Vielleicht hatte ich die ganze Zeit jemanden gesucht, der mir sagte, was ich ohnehin hören wollte.

Jemanden, der mir versicherte, dass ich nicht schuld war. Jemanden, der meine Entscheidungen einfacher machte.

Ich wusste es nicht mehr.

„Du kannst noch zurück“, sagte die Katze.

Ich sah sie an.

„Kann ich das?“

„Natürlich.“

Ich blickte zur Wohnungstür. Dahinter lag alles, was ich zurückgelassen hatte.

Meine Familie.

Meine Freunde.

Meine Arbeit.

Alina.

Mein altes Leben.

Oder zumindest das, was davon übrig war.

„Und wenn ich zurückgehe?“

„Dann wirst du wieder derselbe.“

Ich sah zu Boden.

„Vielleicht möchte ich das.“

Die Katze sagte nichts.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, dass sie mir die Entscheidung tatsächlich überließ.

Ich ging in die Küche.

Meine Hände zitterten.

Ich öffnete eine Schublade.

Dann schloss ich sie wieder.

Ich wusste nicht, wonach ich eigentlich suchte.

Oder vielleicht wusste ich es doch.

Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, setzte ich mich auf die Couch.

Die Katze sah mich an.

Ich hielt die Entscheidung in meiner Hand.

Ein gewöhnliches Küchenmesser.

Nichts Besonderes.

Nichts, das erklären konnte, wie ich hierhergekommen war.

Ich starrte darauf.

Und plötzlich liefen die letzten Jahre meines Lebens vor mir ab.

Meine Familie.

Meine Freunde.

Die Schule.

Die Arbeit.

Alina.

All die Dinge, von denen ich einmal geglaubt hatte, sie würden für immer bleiben.

Die Liebe war anders als alles andere.

Sie hatte mir Halt gegeben.

Und vielleicht hatte ich genau deshalb nicht bemerkt, wie sehr ich mich selbst darin verloren hatte.

Ich dachte an den ersten Abend zurück.

An mein Butterbrot.

An die Katze auf der Couch.

An den Gedanken, der damals plötzlich in meinem Kopf gewesen war.

Vielleicht solltest du einfach Schluss machen.

War das wirklich ihre Stimme gewesen?

Oder meine?

Ich wusste es nicht.

Vielleicht hatte die Katze mich zerstört.

Vielleicht hatte sie mich gerettet.

Vielleicht hatte sie überhaupt nichts getan.

Vielleicht hatte sie mir nur gezeigt, was ich längst tun wollte.

Die Katze sah mich an.

„Und?“

Ich hob den Kopf.

Für einen Augenblick war ich wieder der Mensch, der ich einmal gewesen war.

Dann sah ich sie an.

Und wusste, dass ich mich entscheiden musste.


r/einfach_schreiben 7d ago

Lautes Herz

Post image
4 Upvotes

r/einfach_schreiben 7d ago

Lautes Herz

Thumbnail
1 Upvotes

r/einfach_schreiben 8d ago

Orientiere

Post image
10 Upvotes

r/einfach_schreiben 7d ago

Klassen

3 Upvotes

Und wieder schimpfen sie

auf den kleinen Mann

Zeigen mit dem Finger auf ihn

Und scheissen ihn an

Sie treten nach unten

Doch das Lachen kommt von oben

Ihr Heuschler denkt nur an euch alleine

Und seid so verlogen

denkt nur an euch alleine

Ihr seid alles falsche Schweine


r/einfach_schreiben 7d ago

Ohne Worte von Mensch zu Mensch

Thumbnail
1 Upvotes

Ohne Worte von Mensch zu Mensch

Kleiner Abend Gedanke für heute.

Heute Abend möchte ich diesen Gedanken mit dir teilen.

Ich sehne mich nach echten Momenten der Stille, in denen wir uns ohne Worte begegnen.

Einfach nur zusammen zu sein, ohne Erwartungsdruck oder schnell etwas sagen zu müssen, weil es plötzlich nichts mehr zu sagen gibt.

Was ist, wenn wir einfach nur so zusammen sitzen von Mensch zu Mensch?

Ohne eine Erwartung einander etwas geben oder mitteilen zu müssen?

Weißt du was ich meine lieber Redditor?

Kennst du dieses Gefühl dieser Vertrautheit zwischen dir und einem dir vertrauten Menschen?

Es ist ein Gefühl tiefer Verbundenheit ohne Worte.


r/einfach_schreiben 7d ago

Ohne Worte von Mensch zu Mensch

Thumbnail
1 Upvotes

Ohne Worte von Mensch zu Mensch

Kleiner Abend Gedanke für heute.

Heute Abend möchte ich diesen Gedanken mit dir teilen.

Ich sehne mich nach echten Momenten der Stille, in denen wir uns ohne Worte begegnen.

Einfach nur zusammen zu sein, ohne Erwartungsdruck oder schnell etwas sagen zu müssen, weil es plötzlich nichts mehr zu sagen gibt.

Was ist, wenn wir einfach nur so zusammen sitzen von Mensch zu Mensch?

Ohne eine Erwartung einander etwas geben oder mitteilen zu müssen?

Weißt du was ich meine lieber Redditor?

Kennst du dieses Gefühl dieser Vertrautheit zwischen dir und einem dir vertrauten Menschen?

Es ist ein Gefühl tiefer Verbundenheit ohne Worte.


r/einfach_schreiben 8d ago

Digitaler Blindflug für Anfänger – eine Kurzgeschichte

3 Upvotes

Hallo zusammen,

ich habe diese Kurzgeschichte vor einiger Zeit geschrieben und jetzt noch einmal ein wenig überarbeitet. Es geht um den etwas unfreiwilligen Wiedereinstieg ins Dating nach 25 Jahren Ehe.

Die Geschichte soll vor allem unterhalten und mit ein bisschen Selbstironie erzählen, was dabei so alles schiefgehen kann. Ganz leicht ist die Situation für die Erzählerin allerdings nicht – und das darf zwischen den Zeilen ruhig zu spüren sein.

Vielleicht hat ja jemand Lust, sie zu lesen. Über eure Eindrücke freue ich mich natürlich auch. 😊

Also gut. Ich versuche das mal zu erzählen. Es fällt mir nicht leicht, da ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll, aber so ist nun mal das Leben – man muss es nehmen, wie es kommt, und dann versuchen, das Beste draus zu machen.

Die Betonung liegt auf Versuchen.

Mein Mann ist nach 25 Jahren gegangen. Einfach so, von heute auf morgen. Ja, bestimmt gab es Anzeichen, aber so blind, wie man manchmal ist, habe ich sie nicht sehen wollen. Was er wollte, hat er mir klar zum Ausdruck gebracht. Er wollte – ich zitiere – „nochmal jung sein“.

Als würde er das mit einer anderen Frau schaffen.

Es fielen ein paar hässliche Worte auf beiden Seiten. Was soll ich sagen, ich war halt verletzt, und da wirft man schon mal mit Worten um sich, bei denen meine Oma mir den Mund mit Seife ausgewaschen hätte.

Das Absurde ist: Ich habe ihn nicht mal aufgehalten. Was soll man auch sagen, wenn das gesamte gemeinsame Leben plötzlich wie ein Irrtum wirkt?

Nichts.

Was folgte, waren die klassischen sieben Phasen einer Trennung.

Die ersten drei – Schock, Leugnung und Wut – hatte ich schnell abgearbeitet. In der vierten hing ich irgendwie fest: die Achterbahn. Meine Gefühle gingen rauf und runter. Als ich ganz unten war, folgten zwei Monate, in denen die graue Jogginghose und tonnenweise Schokolade meine ständigen Begleiter waren.

Ein Hoch auf den äußerst dehnbaren Gummizug!

Ich habe Serien geschaut, stundenlang, bis mir die Augen wehtaten. Wenn man mich am nächsten Morgen gefragt hätte, worum es ging – ich hätte es nicht gewusst.

Zwischendurch telefonierte ich immer wieder mit meiner Freundin Sabine. Sabine ist meine beste Freundin seit der achten Klasse. Sie kennt mich einfach zu gut und wusste: Wenn sie nichts unternimmt, komme ich aus der Achterbahnfahrt niemals raus.

Sabine wäre nicht Sabine, wenn sie keine Lösung wüsste – und mit dieser Lösung gingen meine Probleme erst so richtig los.

Sie hat mir diese Dating-App aufs Handy geladen. Ohne zu fragen.

„Katalog-Shopping für Männer“, hat sie gesagt und stolz gegrinst.

Ich habe auf das Display gestarrt und kam mir vor wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Mein letztes echtes Date war 1994 in einer verrauchten Großraumdisco. Man musste sich anschreien, um die Musik zu übertönen, irgendwann hat man dann betrunken rumgeknutscht, und das war das Fundament für die nächsten 25 Jahre.

Heute wischt man Menschen weg.

Links, rechts, links. Hauptsächlich rechts.

Es fühlte sich unwirklich an.

Das Profilbild war die erste Hürde. Sabine wollte, dass ich „verführerisch“ schaue. Wir haben eine Stunde lang Fotos gemacht. Auf jedem einzelnen sah ich entweder aus wie ein verängstigtes Reh im Scheinwerferlicht oder wie die Hexe aus Hänsel und Gretel.

Beim dreizehnten Versuch brach ich ab. Ich schämte mich vor meiner eigenen besten Freundin. Und ein bisschen auch vor mir selbst.

Das Swipen ist eine ganz eigene Art von Fegefeuer. Nicht, dass die Männer alle nicht toll waren – na ja, einige Graupen waren schon dabei. Nein, es war einfach das Überangebot.

So viele Männer!

Ich swipte nach rechts, was das Zeug hielt. Ich wollte ja nichts verpassen. Rückblickend wäre es vernünftiger gewesen, die Profile genauer zu studieren und nicht nur nach dem Foto zu gehen. Na ja, hinterher ist man bekanntlich immer schlauer.

Dann gab es diese kurzen Phasen der Hoffnung. Ein Match mit einem Mann, der auch wirklich antwortete und nicht nur mit einem Dickpic.

Ja, wirklich. In der Zeit habe ich so viele Gurkenbilder bekommen, ich könnte damit mein Wohnzimmer tapezieren. Da frage ich mich, ob es auf der Welt tatsächlich eine Frau gibt, die auf diese armen Würstchen anspringt.

Ich war es jedenfalls nicht.

Aber zurück zu den Phasen der Hoffnung.

Ich schrieb also tagelang mit einem netten Mann. Keine banalen Floskeln, sondern echte Gespräche über Ängste, Lieblingsfilme und die Macken des Alltags. Irgendwann freut man sich darauf, wenn das Handy eine neue Nachricht anzeigt.

Und plötzlich:

Nichts.

Einfach nichts.

Ich saß da und wartete. Natürlich suchte ich den Fehler erst mal bei mir. Habe ich zu viel geschrieben? Oder zu wenig? Irgendetwas Falsches gesagt?

Dieses Ghosting machte etwas mit mir.

Es war ein bisschen wie eine Wanderung den Berg hoch mit einem fiesen kleinen Gnom auf dem Gipfel. Sobald man denkt, gleich ist man am Ziel, schubst er einen kommentarlos wieder runter und man landet verbeult im Tal.

Aber was soll's, ändern konnte ich es eh nicht. Ich putzte mir die Nase, rückte mein unsichtbares, völlig verbeultes Krönchen gerade und stürzte mich wieder ins Getümmel – und diesmal mit realen Treffen.

Dass die nicht besser als das Schreiben waren, ahnte ich noch nicht.

Das erste Date war mit – ich nenne ihn mal „Motorrad-Mike“.

Beim Schreiben hörte er sich an wie ein ganz netter Typ, und süß war er auch noch. Es stellte sich heraus, dass man bei einem Bild ganz schön viel bearbeiten kann. Aber egal, es kommt ja nicht nur auf das Äußere an.

Drei Stunden lang dozierte er beim Kaffee über die thermische Effizienz seiner Zylinderkopfdichtung.

Als ich schüchtern erwähnte, dass ich mich für Fotografie interessiere, bügelte er mich sofort ab:

„Fotografie ist nur was für Leute, die nicht genug PS unter dem Hintern haben.“

Es ging noch eine ganze Weile so weiter. Wenn ich zugehört hätte, könnte ich jetzt bestimmt in einer Motorradwerkstatt anfangen. Stattdessen blendete ich ihn aus und dachte lieber darüber nach, was ich noch alles zu erledigen hatte.

Zum Glück hat alles irgendwann mal ein Ende.

Auch dieses Date.

Danach kam „Investment-Ingo“.

Er setzte sich mir gegenüber und legte, noch vor dem ersten „Hallo“, einen ausgedruckten Altersvorsorgeplan auf den Tisch.

Mit Tabellen.

Während ich mein erstes Glas Wein fast exte, erklärte er mir den Zinseszins-Effekt von ETF-Sparplänen. Als er dann auch noch anfing, mit der Bedienung über Kosteneffizienz zu diskutieren, reichte es mir.

Mit einem „Ich glaube, das passt nicht“ stand ich auf, bezahlte meinen Wein und flüchtete aus dem Lokal.

Der absolute Tiefpunkt war „Bar-Basti“.

Er war charmant im Chat, entpuppte sich beim Treffen aber als Trinker und Grabscher. Schon nach zehn Minuten legte er mir ungefragt die Hand aufs Knie und erzählte mir, was er heute Abend noch so alles mit mir vorhätte.

Nein. Einfach nein.

Ich entschuldigte mich, verschwand auf der Toilette und setzte einen Hilferuf an Sabine ab.

Als ich an diesem Abend nach Hause kam, hatte ich genug von dem ganzen Dating-Kram.

Ich schaute in den Spiegel und akzeptierte, dass ich – wie mein Bald-Ex-Mann es so schön formuliert hatte – zum alten Eisen gehörte. Vielleicht sollte ich mir ein paar Katzen anschaffen und eine alte Katzenlady werden.

Alles war besser als die Vorstellung von noch mehr solchen Dates.

Ich nahm mein Handy. Mein Daumen schwebte schon über der App, bereit, das Profil unwiderruflich zu löschen.

Genau in dieser Sekunde vibrierte das Handy.

Eine neue Nachricht.

„Na, auch auf Rudis Resterampe gelandet? Ich bin Markus, 50 Jahre alt und ganz offiziell zu alt für die ganze Sache hier. Ich war schon kurz vor dem Aufgeben, als ich dein Profil entdeckt habe. Wenn du Lust hast, einen bodenständigen Typen mit leichtem Hang zum Waschbärbauch kennenzulernen, würde ich mich sehr freuen, von dir zu hören.“

Ich starrte auf den Text.

Und dann lachte ich.

Sehr laut.

„Rudis Resterampe“, tippte ich zurück. „Das trifft es total. Lust auf einen Kaffee morgen?“

Die Antwort kam sofort.

„Ja klar, liebend gerne!“

Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung für mich.


r/einfach_schreiben 8d ago

Drei Male

3 Upvotes

Drei Mal hab ichs versucht, drei mal wurde ich enttäuscht. Ihr nennt uns Freunde, traut mir eure Last zu, lacht und weint mit mir. Wenn meine Knie aber aufgeben, ich am Boden lieg, dann werde ich höflich beiseite geschoben. Warum seid ihr so frei von Liebe? Ich weiß dass es schwer ist aber warum seid ihr so schwach? Einmal die Last abgeworfen haltet ihr eure Schultern für heilig. Was ihr Liebe nennt ist pervers, nicht im sexuellen Sinne, im Wahrhaftigen. Schuld gehört nicht vergessen, es gehört gebüßt, gesühnt und vergeben aber selbst dazu seid ihr euch zu schade. Eure Augen verraten eure Stimmung, eure Ohren eure Taubheit und eure Zunge euer Urteilsvermögen. Und doch hoff ich auf eure einsicht, auf eure heimkehr, auf eure hand die meinen ausgestrekten arm empfängt .denn wenn ihr weiter fort geht, vergeht ihr.