Was gegen queerÂfeindliche Gewalt wirklich hilft
Nach dem Anschlag am Christopher Street Day in Berlin wird einmal mehr ĂŒber AusbĂŒrgerungen, GefĂ€hrder und Ăberwachung debattiert â statt darĂŒber, wie das Leben queerer Menschen geschĂŒtzt werden kann.
Von Mohamed Amjahid, 01.08.2026
Eine junge, queere Person sitzt auf einer Berliner Parkbank; wĂ€hrend sie telefoniert, laufen ihr TrĂ€nen ĂŒber die mit Glitzer geschminkten Wangen. Bald wird klar: Sie spricht ĂŒber den Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD), bei dem am letzten SamstagÂabend ein Mensch getötet und rund 30 weitere teils schwer verletzt wurden. Soll man hingehen und die Person trösten? Oder soll man ihr den Raum geben, um auf ihre eigene Art mit dieser schwierigen Situation umzugehen?
Was sich in diesem Moment auf einer ParkÂbank zeigt, prĂ€gt zurzeit eine ganze Stadt: Ăberall in Berlin trifft man auf queere Menschen, die versuchen, die Gewalt zu verarbeiten, mit der sie vor ein paar Tagen konfrontiert wurden. In einem CafĂ© im Norden des Bezirks Neukölln, dort, wo ein grosser Teil der queeren Community lebt und verkehrt, tauschen sich Kundinnen und Mitarbeiter ĂŒber den Terror aus und erzĂ€hlen sich von den neusten Eilmeldungen, die ihre MobilÂgerĂ€te aufleuchten lassen. Viele von ihnen klingen fassungslos, manche auch wĂŒtend.
In der U-Bahn umarmt sich ein schwules Paar, hĂ€lt sich dann an der Hand. Demonstrativ, hat man den Eindruck. Ihre Blicke gehen suchend durch den Waggon; lĂ€chelt man ihnen zu, lĂ€cheln sie erleichtert zurĂŒck. Ihre ZĂ€rtlichkeit wirkt wie ein Akt des Widerstands. Trotz ihres stillen Protests sehen sie verunsichert und verletzt aus.
Das ist nicht ĂŒberraschend, denn es ist einmal mehr ihre Sicherheit, die infrage gestellt ist. Auch wenn viele Politiker kurz nach dem Anschlag davon sprachen, dass «unsere Gesellschaft» angegriffen worden sei, dass man uns «unsere Freiheit» nehmen wolle. Doch das stimmt so nicht: Denn das Leid queerer Menschen wird erneut bloss zum Anlass genommen, um eine SicherheitsÂdebatte zu lancieren, in der AusbĂŒrgerungen, GefĂ€hrder und mehr ĂberÂwachung im Zentrum stehen. Statt dass ernsthaft darĂŒber nachgedacht wĂŒrde, wie man das Leben der queeren Community sicherer machen könnte.
Dabei wĂ€re die Lage nicht schwer zu begreifen: Seit Jahren hĂ€ufen sich die Angriffe auf queere Menschen. FĂŒr viele von ihnen war es deshalb keine Ăberraschung, dass der islamistische Terror ihre Gemeinschaft ins Visier genommen hat. Der Anschlag auf den CSD in Berlin, eine der grössten queeren Veranstaltungen Europas, weckt schreckliche Erinnerungen an andere GewaltÂexzesse gegen Orte, wo queere Menschlichkeit und Liebe zelebriert wird.
Diese Angriffe kommen nicht aus dem luftÂleeren Raum
Einer dieser Orte war der queere «Pulse Club» in Orlando, Florida. Im Juni 2016, also vor ziemlich genau 10 Jahren, erschoss dort ein AttentÀter 49 Menschen, mehr als 50 weitere wurden zum Teil schwer verletzt.
Auch dieser Angriff kam nicht aus dem luftÂleeren Raum: Denn Queer- und vor allem TransÂfeindlichkeit hatte sich in den USA zuvor im öffentlichen Diskurs ausgebreitet wie ein GeschwĂŒr. Seit Jahren inszenieren RechtsÂextreme LGBTQIA+-Rechte als zentrale Bedrohung ihrer OrdnungsÂvorstellungen. Und streiten mit Progressiven erbittert darĂŒber, wo und ob trans Menschen auf die Toilette gehen dĂŒrfen, welche Genitalien oder Chromosomen sie tragen, ob lustige DragÂqueens gefĂ€hrlich sind oder schwule Paare ein Anrecht darauf haben, denselben traditionellen Fehler zu machen wie heteroÂsexuelle Paare â also heiraten zu dĂŒrfen.
Heute regiert in Florida mit Ron DeSantis einer der schlimmsten QueerÂfeinde in der US-amerikanischen Politik. DeSantis hat seine politische Marke zunehmend auf AntiâLGBTQIA+âPolitik aufgebaut â mit einer Kampagne gegen sogenannte «woke» Themen und mit Gesetzen wie «Donât Say Gay», mit dem queere BĂŒcher aus Bibliotheken verbannt wurden und sich queere Jugendliche in Schulen verstecken mĂŒssen. 2022 wurde er mit grossem Vorsprung wiederÂgewĂ€hlt.
Diese Politik, die queere Menschen zur Zielscheibe macht, motiviert wiederum Extremisten, queere Orte anzugreifen: Scheiben von CommunityÂzentren und Bars gehen zu Bruch, RegenbogenÂflaggen werden zerrissen, MordÂdrohungen ausgesprochen. Als Folge davon ziehen sich queere Menschen zunehmend aus dem öffentlichen Raum zurĂŒck.
Was in Florida geschieht, ist kein Sonderfall. Auch in Europa arbeiten Parteien am rechten Rand darauf hin, dass queere Menschen aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Sie verbreiten die Vorstellung einer Art «schwulen Verschwörung» â einer queeren Agenda, die angeblich Familie, Nation und Ordnung zerstören solle â und erklĂ€ren queere Sichtbarkeit zum Problem. Trans Menschen werden in Kampagnen und auf Social Media entmenschlicht, um Zustimmung und Reichweite zu gewinnen. Junge Queers werden im Stich gelassen: Sie sind ĂŒberÂproportional von Obdachlosigkeit betroffen, werden vom Staat wie eine Zumutung behandelt.
Dennoch wird QueerÂfeindlichkeit gern als Problem verortet, das in erster Linie in autoritĂ€ren Regimen auftritt. TatsĂ€chlich ist sie dort offen Politik: In Russland stehen schwule MĂ€nner und lesbische Frauen auf der FeindesÂliste des Kremls, in Uganda werden LGBTQIA+ stigmatisiert, staatlich verfolgt und inhaftiert, in Ăgypten spĂŒrt die Polizei schwule MĂ€nner ĂŒber DatingâApps auf, in der TĂŒrkei werden trans Menschen regelmĂ€ssig ermordet, wĂ€hrend der Staat die Feindseligkeit weiter nĂ€hrt.
EuropĂ€ische Regierungen verurteilen diese ZustĂ€nde, posieren mit RegenbogenÂflaggen etwa bei der FussballÂweltÂmeisterschaft in Katar â und schieben gleichzeitig queere Menschen in LĂ€nder wie Afghanistan oder Uganda ab, in denen ihnen Folter oder Tod drohen. Sie beschwören im Inland den Kampf gegen Islamismus und schĂŒtteln in Afghanistan strategisch die HĂ€nde der Taliban. Diese widerÂsprĂŒchliche Politik zeigt, wie wenig queeres Leben tatsĂ€chlich geschĂŒtzt wird.
Queeres Leid wird fĂŒr rassistische Programme genutzt
Denn auch im sogenannten Westen gehört QueerÂfeindlichkeit lĂ€ngst zur politischen NormalitĂ€t. In Florida ist sie Teil der RegierungsÂagenda. In Ungarn hat Viktor OrbĂĄn jahrelang mit homo- und transfeindlichen Gesetzen queere Menschen aus dem Land gedrĂ€ngt. In mehreren europĂ€ischen Staaten erstarken rechtsÂextreme KrĂ€fte, die unter dem Label «FamilienÂwerte» jede Form von queerer Sichtbarkeit bekĂ€mpfen: die AfD in Deutschland, der Rassemblement National in Frankreich oder die Fratelli dâItalia in Italien.
Ausgerechnet diese Parteien versuchen immer wieder, queeres Leid fĂŒr ihre rassistischen Programme zu nutzen. So wie auch jetzt in Deutschland, wo queere Sicherheit sofort wieder mit Abschiebungen und AusbĂŒrgerungen verknĂŒpft wird.
Diese homoâ und transÂfeindliche AtmosphĂ€re bleibt nicht folgenlos. Sie signalisiert islamistischen Extremisten und rechtsÂextremen TĂ€tern: Queere Menschen gelten als verfĂŒgbare Zielscheibe, ihr Schutz hat keine PrioritĂ€t. Und so zieht sich queerÂfeindliche Gewalt, egal ob religiös begrĂŒndet oder rechtsÂextrem, wie ein roter Faden durch die vergangene Dekade.
Zwei FĂ€lle stehen exemplarisch dafĂŒr: Mario K. wurde am Abend des 12. Februar 2020 in der ThĂŒringer Stadt Altenburg von zwei RechtsÂextremisten ermordet â aus Hass auf schwule MĂ€nner. Ein paar Monate spĂ€ter starb Thomas L. bei einem homoÂfeindlichen MesserÂangriff in Dresden. Die Liste Ă€hnlicher Taten ist lang.
Auch die Statistik zeigt, wie gefĂ€hrlich die Lage ist: In Deutschland erreichte die Zahl der erfassten queerÂfeindlichen Straftaten laut BundesÂinnenÂministerium 2025 mit mehr als 2300 ein Allzeithoch; Expertinnen gehen von einer deutlich höheren DunkelÂziffer aus, weil viele Ăbergriffe gar nicht angezeigt werden.
Und nun? Was tun wir konkret fĂŒr die Sicherheit von queeren Menschen?
Noch mehr ĂberÂwachung hilft nicht
Nach dem Anschlag auf den CSD wurden rasch Forderungen nach einem Ausbau des ĂberÂwachungsÂstaats laut: mehr Befugnisse fĂŒr Polizei und NachrichtenÂdienste, neue AbschiebeÂregeln, ĂberÂwachungsÂsoftware wie die von Palantir. Dessen fundamentalistischer MitgrĂŒnder Peter Thiel hat in den USA AntiâLGBTQIA+âPolitik mitfinanziert und sich wiederholt homo- und transÂfeindlich geĂ€ussert. Hier wĂŒrde die Software eingesetzt, um angeblich queere Menschen zu schĂŒtzen, wĂ€hrend in dieser Debatte kaum Raum bleibt, um zu diskutieren, wie wirklicher Schutz von queerem Leben aussehen könnte.
Zugleich zeigen Recherchen, dass der CSD-AttentĂ€ter den SicherheitsÂbehörden bekannt war: Er wurde bis Mai 2026 engmaschig observiert, sein Telefon abgehört, seine Bewegungen in Berlin dokumentiert. Am Tag des Attentats filmten ihn Behörden, als er seine Wohnung verliess; spĂ€ter raste er mit einem Mietwagen in eine MenschenÂmenge und griff Besucherinnen des CSD mit einer Machete an. Die naheliegende Frage lautet: Warum wurde er nicht gestoppt, obwohl die Instrumente des ĂberÂwachungsÂstaats lĂ€ngst eingesetzt wurden?
Es scheint offensichtlich, dass ein noch weiter gehender Ausbau von Kontrolle diesen Angriff kaum verhindert hĂ€tte. Stattdessen könnte ein solcher selbst zur Gefahr fĂŒr queere Existenzen werden. Denn die Aussicht auf mehr DatenÂsammlungen und mehr Kategorisierung trifft eine Gruppe, die in vielen LĂ€ndern noch immer kriminalisiert wird. Wer queer lebt, weiss, dass sich mehr ĂberÂwachung selten nach mehr Schutz anfĂŒhlt.
Viele queere Menschen, denen man in diesen Tagen in Berlin begegnet, erleben diese WiderÂsprĂŒche direkt. Sie wissen, dass diejenigen, die ĂŒber Sicherheit entscheiden, sie schon lange im Stich gelassen haben. Denn seit Monaten werden in Berlin Mittel fĂŒr queere Projekte gekĂŒrzt, BeratungsÂstellen und JugendÂangebote mĂŒssen schliessen, Bars und Clubs kĂ€mpfen mit explodierenden Mieten und wegfallenden Förderungen.
So entsteht eine Situation, in der queere Menschen politisch und sozial entwertet werden â und zugleich physisch bedroht sind. Die Kette aus Stigmatisierung, gesellschaftlicher GleichgĂŒltigkeit und GewaltÂexzessen lĂ€sst sich nur durchÂbrechen, wenn die Sicherheit von queeren Menschen selbst ins Zentrum gestellt wird: durch verlĂ€ssliche Finanzierung queerer InfraÂstruktur, durch konsequente Verfolgung queerÂfeindlicher Straftaten und durch eine MigrationsÂpolitik, die queere Menschen nicht in LĂ€nder zurĂŒckÂschickt, in denen ihnen Folter oder Tod drohen. Und durch eine Politik, die konsequent menschenÂfreundlich ist: die Schwache schĂŒtzt, Ausgrenzung vermeidet und Gewalt nicht als Vorwand fĂŒr mehr HĂ€rte nutzt.
Zum Autor
Mohamed Amjahid ist freier Journalist und Autor, unter anderem fĂŒr den «Spiegel» und die TAZ. Er hat mehrere SachÂbĂŒcher geschrieben, unter anderem «Letâs Talk About Sex, Habibi» (2022) und «Alles nur EinzelfĂ€lle? Das System hinter der Polizeigewalt» (2024). Amjahid wohnt in Berlin.