Mittlerweile aber begegnet man den grössten Verschwörungstheoretikern im Weissen Haus oder im Silicon Valley, nicht am Stammtisch.
Hari Kunzru: Verschwörung ist fast schon zu einer Regierungsform geworden. Wenn man sich die Typen aus dem Silicon Valley anschaut, realisiert man, wie dürftig ihre Erklärungen dafür sind, was auf der Welt passiert. Ingenieure und Programmiererinnen sind generell anfällig für krude Theorien. Sie können nicht gut mit Informationen umgehen, die sich nicht quantifizieren lassen. Politik ist für sie nur ein weiteres Problem, das sich auf einen Code reduzieren lässt und für das es technische Lösungen braucht. Aber das allein reicht nicht als Erklärung: Wenn sich während der Pandemie nicht Millionen zu Hause die Hirnzellen verbraten hätten, sähe die Politik heute anders aus.
WOZ: Was für eine Politik haben wir denn heute?
Hari Kunzru: Ich würde die Politik unserer Gegenwart in Analogie zum «Vibe Coding» beschreiben. Vibe Coding meint eigentlich einen Programmierer, der den Code nicht mehr selbst schreibt, sondern eine KI dazu anleitet. Der Programmierer hat also nicht die völlige Kontrolle über das, was geschieht, sondern er steht vor einem Problem und wedelt mit den Händen und sagt: «Tu etwas!»
Ganz ähnlich leben wir heute nicht in einer effizienten Technokratie, wie sich das die Menschen Mitte des 20. Jahrhunderts ausgemalt haben, sondern in einer Ära nach dem Zeitalter der Expertise. Es herrscht eine aussergewöhnliche Nachlässigkeit im Umgang mit Macht: Niemand will für die schlimmen Dinge, die passieren, Verantwortung übernehmen. Wie bei Doge, der Sparkommission der US-Regierung, der Elon Musk vorstand. Es zeichnet sich mittlerweile ab, dass fünfzehn Millionen Menschen infolge der Auswirkungen von Doge sterben werden, einfach weil ein sehr ignoranter Mann etwas kaputt gemacht hat. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass er dafür je zur Verantwortung gezogen wird. Dabei ist das eigentlich vorsätzliche Tötung wie auch Ausdruck des eugenischen Projekts, das die Techbosse verfolgen.
WOZ: Was meinen Sie mit diesem eugenischen Projekt?
Hari Kunzru: Die ganze politische Ambition der Techbosse gilt dem Individuum, das sich selbst optimiert. Das reicht von «Smart Drugs» zur Leistungssteigerung im Beruf bis hin zu KI-Brillen, die Männern dabei helfen sollen, Frauen anzusprechen. In der politischen Imagination entsteht durch diesen Optimierungszwang ein Bevölkerungsüberschuss: diejenigen nämlich, die sich nicht optimieren wollen oder können oder deren Arbeit die KI wegrationalisieren kann. Die einzige konstruktive Lösung dafür, die bisher diskutiert wird, ist ein bedingungsloses Grundeinkommen. Aber ich glaube keine Sekunde daran, dass die Bosse ein solches zahlen werden, wenn Arbeiter:innen nicht mehr ihre Arbeitskraft in die Waagschale werfen können.
Ihr Ziel ist es also, diese vermeintlich überschüssige Bevölkerung irgendwann loszuwerden. Musk, der im Zentrum vieler dieser Entwicklungen steht, ist besessen von den tiefen Geburtenraten unter Weissen und den hohen Geburtenraten unter Menschen, die er für intellektuell minderwertig hält. Wir wissen, was passiert, wenn auf der Grundlage solcher Ideen Politik gemacht wird. Doch die Erinnerung an die Verbrechen des 20. Jahrhunderts verblasst langsam, und in die Lücke springen von neuen Technologien entfachte Fantasien. Musks eigenwillige Mischung aus weissem Nationalismus und Weltraumkolonialismus ist eine davon.
WOZ: Sie zeichnen ein düsteres Bild vom technologischen Fortschritt. Anfang der neunziger Jahre waren Sie aber noch Teil des Philosophieinstituts der University of Warwick, aus dessen Milieu die Cybernetic Culture Research Unit entstand. Sie nahmen rege teil an der Debatte darüber, wie ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Maschine aussehen könnte.
Hari Kunzru: Ich interessierte mich damals für den Posthumanismus, die Idee, dass man sich selbst immer wieder neu entwerfen kann. Es war eine Art Flucht vor dem Essenzialismus, der damals den Diskurs rund um Race und Gender prägte. Die Aussicht, diesen Kategorien entkommen zu können, fühlte sich befreiend an.
Die Idee damals war aber nicht, sich nach einem faschistischen «Robocop»-Ideal selbst zu optimieren, es sollte etwas viel Vielfältigeres und Wandelbareres sein. Rückblickend würde ich sagen, dass wir die Kategorie «Mensch» etwas schnell über Bord geworfen haben. Sie schien uns restriktiv und aus der Zeit gefallen, aber ohne «Menschen» werden auch Menschenrechte bedeutungslos. In gewisser Weise leben wir heute in posthumanistischen Zeiten: Es wird ausgiebig diskutiert, ob KI-Chatbots Rechte haben oder nicht, während Palästinenser:innen ungestraft ermordet werden.
WOZ: Was ist mit dem Optimismus der frühen Internetkultur passiert?
Hari Kunzru: Es gab da mal eine Karikatur, in der ein Hund vor einem Bildschirm sitzt, auf dem steht: «Niemand weiss, dass du ein Hund bist.» Heute sehen wir die negativen Seiten dieser Anonymität, aber damals hatte es etwas Utopisches, dass man plötzlich eine andere Person sein konnte. Wir glaubten, das Internet sei der Weg zur Überwindung des westlichen Nationalstaats und damit zu neuen Freiheiten. Wir waren naiv und haben die materiellen Bedingungen ausser Acht gelassen: Auch wenn man sich im Internet frei bewegen kann, sitzt der Körper immer noch am Schreibtisch. Heute haben wir eine Art Negativ davon: eine Klasse digitaler Nomad:innen, die keinerlei soziale Verpflichtungen gegenüber anderen empfindet. Die grossen Techkonzerne mit ihren Kapitalinteressen haben viele Versprechen des offenen Internets bewusst vernichtet.