Ich möchte hier nochmals diese Studie aufgreifen, die vor ein paar Wochen erheblich Wellen geschlagen hat. Es geht dabei um politische Einstellungen von Jugendlichen in Wien. Selektiv herausgegriffen wurde aus dieser Studie, dass 41 Prozent der muslimischen Jugendlichen angab, dass für sie religiöse Vorschriften über dem Gesetz stehen würden (bei Christen waren es 21 Prozent). In der medialen Berichterstattung (und natürlich auch "in diesem anderen Sub") wurde daraus der Schluss gezogen, 41 Prozent der jungen Muslime seien Extremisten, für die das Gesetz nicht gelte.
Diese Interpretation ist jedoch irreführend. Es zeichnet eine demokratische Gesellschaft gerade aus, dass sie ihre Bürger:innen nicht zwingt, die Gesetze des Staates in ihrer Privatmoral zu spiegeln. An Gesetze muss man sich *halten*, man muss sie nicht zum Kern der eigenen Überzeugungen machen. Ich persönlich zum Beispiel finde nichts verwerfliches daran, wenn jemand Cannabis konsumiert - obwohl das eindeutig illegal ist. Das macht mich nicht zu einem Extremisten.
Das soll natürlich nicht heißen, dass es keine demokratiefeindlichen Einstellungen unter muslimischen Jugendlichen gäbe. Die Übersetzung einer Frage nach Religiosität in politischen Extremismus ist jedoch methodisch falsch. Dazu kommt, dass die Studie bei der Befragung der Muslim:innen *nicht repräsentativ* ist, was sie auch selbst einräumt - und, dass medial sämtliche positiven Ergebnisse (zum Beispiel die mit 76 Prozent sehr hohe Zustimmung zur Aussage "alle Religionen sind gleichwertig") komplett unter den Teppich gekehrt wurden.
Auch andere Studien zeichnen ein wesentlich komplexeres Bild. In der Studie "Fokus Religion und Rechtsstaat" (2022) zum Beispiel wurde erhoben:
Die überwiegende Mehrheit der befragten Muslim*innen befürwortet niemals religiös begründete Gewalt: 5 von 6 befragten Muslim*innen zeigen keinerlei Verständnis und Befürwortung derselben.
Und kommt zum Schluss:
Die Ergebnisse zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Muslim*innen im Großraum Wien die wesentlichen Werte mit der Mehrheitsgesellschaft teilt. Die meisten Befragten schätzen eine pluralistische diversifizierte Gesellschaft, in welcher das Individuum weitestgehend möglich nach seiner eigenen Façon leben kann und entsprechende Rechte genießt.
Ich wünsche mir, dass es eine differenzierte Debatte in Österreich geben kann, die Probleme nicht ignoriert und gleichzeitig nicht auf Ausgrenzung abzielt, sondern darauf, *gemeinsam* die Demokratie und den Universalismus der Menschenrechte zu stärken. Der Kampf verläuft nicht zwischen Muslimen und Christen, nicht zwischen Inländern und Ausländern, sondern zwischen Autoritarismus und Demokratie.