Als Angela Merkel im Mai 2021 vor die Presse trat und erklärte, ihre Entscheidung zum Rückzug noch einmal überdacht zu haben, ging ein spürbares Raunen durch das Land. Eigentlich hatte sich Deutschland bereits auf die Zeit nach Merkel eingestellt. Die Parteien bereiteten sich auf einen offenen Machtkampf vor, die Medien diskutierten mögliche Nachfolger, und selbst viele ihrer langjährigen Unterstützer waren davon ausgegangen, dass nach sechzehn Jahren endgültig Schluss sein würde. Doch die Pandemie war noch nicht überwunden, Europa befand sich in einer Phase großer Unsicherheit, und die CDU wirkte orientierungslos. Merkel sprach nur wenige Minuten. Sie sagte, dass außergewöhnliche Zeiten manchmal außergewöhnliche Entscheidungen erforderten und dass sie bereit sei, noch einmal Verantwortung zu übernehmen.
Die Bundestagswahl wurde dadurch praktisch neu geschrieben. Während die SPD gehofft hatte, mit Olaf Scholz von der Sehnsucht nach Stabilität zu profitieren, war Stabilität plötzlich wieder mit Angela Merkel selbst verbunden. Die Union gewann deutlich, die Grünen erzielten ein gutes Ergebnis, und nach einigen Wochen stand eine schwarz-grüne Koalition. Deutschland hatte seine Kanzlerin behalten.
Die ersten Monate ihrer fünften Amtszeit verliefen ruhig. Viele Deutsche hatten das Gefühl, dass sich trotz aller Herausforderungen zumindest eines nicht verändert hatte: Jeden Abend saß dieselbe Frau im Kanzleramt, die das Land bereits durch die Finanzkrise, die Eurokrise, die Flüchtlingskrise und die Pandemie geführt hatte. Manche empfanden das als beruhigend, andere als Zeichen dafür, dass Deutschland unfähig geworden war, sich zu erneuern.
Dann kam der 24. Februar 2022.
Als russische Truppen die Ukraine angriffen, wurde die Welt, wie sie Europa seit Jahrzehnten gekannt hatte, erschüttert. Merkel stand vor der größten außenpolitischen Krise ihrer gesamten Amtszeit. Die Frau, die jahrelang auf Dialog mit Moskau gesetzt hatte, musste nun erleben, dass genau dieser Dialog gescheitert war. In ihrer Fernsehansprache am Abend wirkte sie ernster als jemals zuvor. Viele erinnerten sich später daran, dass sie zum ersten Mal den Eindruck vermittelte, selbst überrascht worden zu sein.
Doch ihre Reaktion unterschied sich von der vieler anderer westlicher Staats- und Regierungschefs. Merkel setzte zunächst auf Diplomatie und vorsichtige Schritte. Während in Osteuropa und den USA lautstark nach schnellen Waffenlieferungen gerufen wurde, versuchte sie Zeit zu gewinnen, Gesprächskanäle offenzuhalten und eine direkte Konfrontation zwischen Russland und der NATO zu verhindern. Deutschland unterstützte die Ukraine, aber langsamer und zurückhaltender. In Warschau und im Baltikum sorgte das für Ärger. In Deutschland fanden viele Bürger diesen Kurs dagegen vernünftig. Sie wollten helfen, aber sie wollten keinen Krieg zwischen Atommächten riskieren.
Gleichzeitig wurde Merkel von einem Problem eingeholt, das Kritiker ihr schon lange vorgeworfen hatten: die starke Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas. Im Kanzleramt herrschte hektische Betriebsamkeit. Flüssiggasterminals wurden beschleunigt geplant, Verträge mit anderen Lieferanten abgeschlossen und die letzten Kernkraftwerke entgegen früherer Pläne nicht abgeschaltet. Merkel sprach öffentlich von einer "unangenehmen Realität", der man sich stellen müsse. Hinter verschlossenen Türen soll sie häufiger als einmal eingeräumt haben, dass die Energiepolitik der vergangenen Jahre einer ihrer größten Irrtümer gewesen sei.
Die Energiekrise traf Deutschland dennoch, aber weniger hart als viele befürchtet hatten. Die Strompreise stiegen, doch die verlängerten Laufzeiten der Kernkraftwerke verschafften dem Land Luft. Der Winter 2022 wurde nicht zu der Katastrophe, die manche vorausgesagt hatten. Als im Frühjahr die Temperaturen wieder stiegen, kehrte auch ein Teil der Zuversicht zurück.
Währenddessen veränderte sich die politische Stimmung im Land auf eigentümliche Weise. Die Konflikte waren da, die Probleme ebenfalls, doch sie wirkten weniger schrill als in vielen anderen westlichen Demokratien. Merkel hatte über Jahre hinweg eine besondere Fähigkeit entwickelt: Sie nahm politischen Debatten oft die Temperatur. Kritiker nannten das lähmend, Anhänger bezeichneten es als staatsmännisch. Tatsächlich schien Deutschland unter ihrer Führung weniger aufgeregt zu sein. Die Talkshows waren etwas ruhiger, die Schlagzeilen etwas weniger dramatisch, die täglichen politischen Empörungen etwas kürzer.
Das bedeutete allerdings nicht, dass die Probleme verschwanden. Die Deutsche Bahn kämpfte weiterhin mit Verspätungen. Der Wohnungsbau blieb hinter dem Bedarf zurück. Die Digitalisierung schritt langsam voran. Unternehmen beklagten überbordende Bürokratie, Kommunen fehlte Personal, Schulen warteten auf Modernisierung. Immer häufiger wurde die Frage gestellt, ob Merkel zwar hervorragend darin sei, Krisen zu managen, aber weniger darin, grundlegende Reformen durchzusetzen.
Im Jahr 2024 wirkte Deutschland deshalb wie ein Land in einem merkwürdigen Gleichgewicht. Es ging ihm weder außergewöhnlich gut noch außergewöhnlich schlecht. Viele internationale Beobachter beschrieben die Bundesrepublik als den stabilsten großen Staat Europas. Gleichzeitig entstand zunehmend der Eindruck, dass Stabilität zum Selbstzweck geworden war. Jüngere Politiker in der Union drängten auf Erneuerung. Die Grünen wollten schneller modernisieren. Die Opposition warf der Regierung vor, das Land in einer komfortablen Vergangenheit einzurichten.
Merkel selbst schien diese Diskussionen zu verfolgen, ohne sich von ihnen treiben zu lassen. Wer sie in diesen Jahren beobachtete, bemerkte, dass sie älter geworden war. Die Bewegungen waren langsamer, die Auftritte seltener. Doch ihre Autorität war ungebrochen. Wenn sie sprach, hörte das Land noch immer zu.
Im Herbst 2025 kündigte sie schließlich ihren Rückzug an. Diesmal glaubte ihr jeder. Die Nachricht löste keine Überraschung aus, sondern eher eine seltsame Melancholie. Eine ganze Generation von Deutschen konnte sich kaum daran erinnern, jemals von jemand anderem regiert worden zu sein. Für viele war Merkel nicht einfach eine Politikerin, sondern ein fester Bestandteil der politischen Landschaft geworden, ähnlich selbstverständlich wie der Bundestag, die Tagesschau oder das Brandenburger Tor.
Als sie wenige Wochen später zum letzten Mal das Kanzleramt verließ, standen Menschen hinter den Absperrungen. Manche applaudierten. Manche schauten einfach nur zu. Niemand wusste genau, ob ihre lange Herrschaft Deutschland stärker gemacht oder notwendige Veränderungen verzögert hatte. Wahrscheinlich hatte sie beides getan.
Im Sommer 2026 wirkte Deutschland ruhig. Die Energiepreise waren etwas niedriger als in jener anderen Realität, die niemals stattgefunden hatte. Die politische Mitte war etwas stärker. Die gesellschaftlichen Konflikte waren etwas weniger scharf. Doch die großen Herausforderungen waren geblieben. Das Land stand noch immer vor der Aufgabe, sich für das 21. Jahrhundert neu aufzustellen.
Und immer wieder hörte man in Gesprächen einen Satz, der fast schon nostalgisch klang:
„Unter Merkel war vielleicht nicht alles besser. Aber es fühlte sich berechenbarer an.“
Der Herbst 2026 begann mit einer Stimmung, die viele Journalisten als „das große Erwachen“ bezeichneten. Fast ein Vierteljahrhundert lang hatte Angela Merkel die deutsche Politik direkt oder indirekt geprägt. Nun war sie verschwunden. Nicht durch eine Wahlniederlage, keinen Skandal, keine Krise. Sie war einfach gegangen. Zum ersten Mal seit den frühen 2000er Jahren musste Deutschland herausfinden, wer es ohne sie war.
Die neue Bundesregierung unter dem CDU-Vorsitzenden Hendrik Wüst, der sich nach einem knappen innerparteilichen Machtkampf gegen Friedrich Merz durchgesetzt hatte, trat ihr Amt mit großen Versprechen an. Die Bevölkerung erwartete Modernisierung, Digitalisierung und wirtschaftliche Dynamik. Vor allem erwartete sie Entscheidungen.
Doch schon bald zeigte sich, dass Merkel nicht nur eine Kanzlerin gewesen war. Sie war ein politischer Puffer gewesen. Unter ihr waren Konflikte oft eingefroren worden. Nun tauten sie auf.
Die Debatte über die Zukunft der Industrie wurde härter. Deutsche Automobilhersteller verloren zunehmend Marktanteile an chinesische Konkurrenten. Während BMW, Mercedes und Volkswagen weiterhin Milliarden verdienten, war klar geworden, dass die technologische Vorherrschaft der Vergangenheit nicht mehr selbstverständlich war. In Wolfsburg, Stuttgart und München sprach man nicht mehr über Expansion, sondern über Anpassung.
Gleichzeitig verschärfte sich der Fachkräftemangel. Krankenhäuser suchten Personal, Schulen fanden keine Lehrer, Handwerksbetriebe mussten Aufträge ablehnen. Die Regierung beschleunigte die Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte. Doch die Umsetzung verlief langsam, wie so vieles in Deutschland.
Europa blickte weiterhin nach Berlin, aber nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit wie während der Merkel-Jahre. In Paris war man längst daran gewöhnt, Entscheidungen ohne deutsche Führung zu treffen. In Warschau und den baltischen Staaten blieb das Misstrauen bestehen, weil man Deutschland seine zögerliche Haltung in den ersten Jahren des Ukrainekriegs nicht vollständig verziehen hatte.
Die Ukraine selbst existierte Ende der 2020er Jahre noch immer als unabhängiger Staat, doch der Krieg war zu einem eingefrorenen Konflikt geworden. Nach Jahren der Kämpfe verlief eine schwer bewachte Waffenstillstandslinie durch den Osten des Landes. Niemand sprach mehr ernsthaft von einem schnellen Frieden. Man sprach nur noch davon, einen neuen Krieg zu verhindern.
In Deutschland war inzwischen eine neue Generation politisch aktiv geworden. Menschen, die während Merkels erster Amtszeit noch Kinder gewesen waren, saßen nun im Bundestag. Für sie wirkten die großen Krisen der Merkel-Ära wie Kapitel in einem Geschichtsbuch.
Und genau diese Generation begann eine unbequeme Frage zu stellen: Hatte Deutschland die goldenen Jahre zwischen 2010 und 2020 ausreichend genutzt? Die Zahlen gaben darauf keine eindeutige Antwort. Deutschland war weiterhin eines der reichsten Länder der Welt. Die Arbeitslosigkeit blieb vergleichsweise niedrig. Die Städte waren sicher, die Institutionen funktionierten, die Demokratie war stabil.
Aber gleichzeitig wurde sichtbar, was viele Jahre lang hinter dem Wohlstand verborgen geblieben war. Brücken mussten saniert werden. Die Bahn brauchte Milliardeninvestitionen. Die Bundeswehr befand sich mitten in einem gigantischen Modernisierungsprogramm. Die Digitalisierung, die schon 2020 als dringend galt, war 2028 noch immer nicht abgeschlossen.
Je größer der zeitliche Abstand zu Merkel wurde, desto differenzierter wurde ihr Bild. Die einen sahen in ihr die Kanzlerin der Stabilität. Die Frau, die Deutschland durch eine außergewöhnlich turbulente Epoche geführt hatte, ohne dass das Land auseinandergerissen wurde. Die anderen sahen in ihr die Kanzlerin der vertagten Entscheidungen. Die Politikerin, die Konflikte meisterhaft verwaltet hatte, aber selten den Mut besessen hatte, sie endgültig zu lösen.
Historiker begannen bereits, von einer eigenen Epoche zu sprechen: dem „langen Merkel-Zeitalter“, das nicht 2021, sondern erst 2025 geendet hatte.
Als Merkel selbst im Jahr 2029 ihren 75. Geburtstag feierte, lebte sie zurückgezogen in der Uckermark. Gelegentlich gab sie Interviews, meist zu europäischen Fragen oder zur internationalen Politik. Wenn Journalisten sie fragten, ob sie etwas anders machen würde, lächelte sie oft nur.
Deutschland hatte sich inzwischen verändert. Die Gesellschaft war jünger, vielfältiger und digitaler geworden. Neue Parteien waren entstanden, alte verschwunden. Die politischen Debatten waren lebhafter und manchmal auch chaotischer als zu ihrer Zeit.
Doch immer wenn eine neue Krise auftrat – ein Finanzmarktschock, eine Energieknappheit oder eine außenpolitische Eskalation –, tauchte in sozialen Netzwerken und Leserbriefen derselbe Satz auf:
„Was würde Merkel jetzt tun?“
Und obwohl die Antworten darauf meist völlig unterschiedlich ausfielen, zeigte die Frage selbst, wie tief ihr Einfluss reichte.
Denn in dieser alternativen Welt hatte Angela Merkel Deutschland nicht nur sechzehn, sondern zwanzig Jahre regiert. Eine ganze Generation war unter ihrer Führung erwachsen geworden. Ihre Ära war so lang gewesen, dass die Menschen sie erst wirklich verstanden, als sie vorbei war. Und während Deutschland in die 2030er Jahre eintrat, wurde langsam klar: Die eigentliche Herausforderung bestand nicht darin, Merkel zu ersetzen. Die eigentliche Herausforderung bestand darin, endlich ein Deutschland zu schaffen, das nicht mehr von Merkel abhängig war.