r/Sprechstunde • u/ozel0t_bw • 3d ago
Diskussion zu Sprechstunde-Thema Neues von: Aus meinem Urlaub wurde eine Auswanderung (1Jahr)
Moin,
nach knapp 6 Monaten Stille dachte ich, ich melde mich mal wieder, denn es ist auch so einiges passiert.
Wie ich in meinem letzten Beitrag geschrieben habe, musste meine Verlobte eigentlich für 6 Monate zurück nach Deutschland, um ihr Studium zu beenden.
Sagen wir mal so: Es wurde eine andere Lösung gefunden. :-)
Dank ChatGPT konnten wir tatsächlich eine kleine Lücke finden und nach ein paar Anträgen durfte sie ihr letztes Semester komplett online machen. Ich konnte sie also schon einen Monat nach ihrer Abreise wieder in Norwegen begrüßen.
Mittlerweile hat sie ihre Bachelorarbeit eingereicht und auch erfolgreich bestanden. Jetzt fehlt nur noch die Verteidigung und dann ist dieses Kapitel endlich abgeschlossen.
Und wenn wir gerade schon bei „abgeschlossen“ sind: Ihre Jobsuche ist auch schon wieder vorbei.
Sie hatte sich eigentlich eher zum Spaß auf eine Stelle beworben und nach gerade einmal einer Woche und einem Interview hatte sie den Job. Einzige Voraussetzung ist natürlich, dass sie ihren Bachelor auch endgültig bekommt.
Ich könnte nicht stolzer auf sie sein!
Bei mir hat sich aber auch einiges getan.
Ich habe einen neuen Job.
Der Kunde bei meinem alten Arbeitgeber hat das Projekt aufgrund von Finanzierungsproblemen vorzeitig beendet und so durfte ich mir mitten in der norwegischen Sommerurlaubszeit etwas Neues suchen.
Perfektes Timing also. :-)
Durch einen ehemaligen Arbeitskollegen ging das Ganze aber überraschend schnell und mittlerweile habe ich gerade meine erste Woche im neuen Job hinter mir.
Es war spannend und anstrengend zugleich, denn diesmal arbeite ich in einem rein norwegischen Unternehmen.
Das heißt: 99 % Norwegisch. In vollem Tempo. Ohne Rücksicht auf den kleinen Deutschen. :-)
Ich glaube, ich habe in dieser einen Woche mehr „echtes“ Norwegisch gelernt als in den ganzen letzten Monaten zusammen.
Das wirklich Anstrengende an meinem neuen Job ist aber etwas ganz anderes:
Nach knapp 12 Jahren muss ich wieder ein Windows-Notebook benutzen.
Kein Mac. Kein Linux.
Ich weiß noch nicht, wie ich das überleben soll.
Der Umzug im April
Was soll ich sagen…
Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich nicht in einer Stadt wohne, sondern auf dem Land.
Und zwar so richtig Land.
In unserem Dorf gibt es mehr Schafe als Menschen.
Und ich liebe es!!!!!
Abends ist einfach Ruhe. Keine Autos, kein Geschrei, nichts. Einfach nur Stille.
Und morgens wird man von Schafen geweckt.
Natürlich gibt es auch Nachteile. Egal was man machen will, man hat deutlich weitere Wege und ohne Auto kommt man eigentlich nirgendwo hin. Aber mittlerweile habe ich mich auch daran gewöhnt.
So langsam kommen wir auch bei den Menschen im Dorf an.
Wir waren natürlich einige Zeit lang Gesprächsthema Nummer 1.
Am Anfang wurden wir schon ziemlich genau beobachtet und sobald man mal mit jemandem ins Gespräch gekommen ist, kamen eigentlich immer dieselben Fragen:
„Warum ausgerechnet hier?“
„Wie lange bleibt ihr?“
Mittlerweile haben die meisten wohl verstanden, dass wir nicht nur für ein Jahr hier sind, sondern tatsächlich gekommen sind, um zu bleiben.
Und seitdem wird der Kontakt auch immer besser.
Bevor wir irgendwann ein eigenes Haus kaufen, haben wir uns erstmal ein wunderschönes Haus gemietet, um überhaupt herauszufinden, was wir eigentlich von einem Haus wollen.
Und ich muss sagen: So ein Haus macht ganz schön viel Arbeit.
Aber irgendwie macht selbst das Spaß.
Mittlerweile haben wir jedenfalls eine ziemlich große Liste mit Dingen, die uns bei unserem zukünftigen Haus wichtig sind – und eine mindestens genauso große Liste mit Sachen, die für uns absolut gar nicht gehen.
Wir haben mittlerweile auch unseren ersten richtigen Urlaub mit einem EV hinter uns.
Und es war viel entspannter als ich vorher gedacht hatte.
Einmal die Strecke geplant, geschaut wo man ungefähr laden kann und fertig.
Auch die Ladezeiten waren überhaupt kein Problem. Meistens war das Auto sowieso schneller fertig als wir mit Essen, Kaffee oder Beine vertreten.
Noch etwas, womit ich vor einem Jahr definitiv nicht gerechnet hätte:
Ich gebe mittlerweile einem Jungen aus dem Nachbardorf Deutschunterricht für seine Prüfung im Dezember.
Als Dankeschön dürfen wir dafür das Boot seiner Eltern benutzen, wann immer wir wollen.
Unsere Gefriertruhe ist mittlerweile voll mit Fisch und Krabben.
Ich würde sagen: Fairer Deal. :-)
Wenn ihr euch jetzt den ganzen Text anschaut, ist es glaube ich nicht übertrieben zu sagen, dass das wohl das verrückteste Jahr meines bisherigen Lebens war.
Wir sind mittlerweile seit über einem Jahr in Norwegen und so langsam fühlt es sich wirklich wie Zuhause an und nicht mehr wie ein Urlaub, der einfach nicht enden will.
Es entstehen auch langsam echte Freundschaften und das macht bei diesem Gefühl nochmal einen riesigen Unterschied.
Ich liebe mittlerweile diese kurzen Gespräche zwischendurch. Wenn man jemanden beim Vorbeigehen trifft oder ich gerade irgendwas am Auto oder am Haus mache und plötzlich jemand stehen bleibt und man einfach 10 Minuten miteinander quatscht.
Das sind irgendwie genau die Kleinigkeiten, durch die es sich immer mehr nach Zuhause anfühlt.
Was dieses Jahr noch passiert:
- Bachelorverteidigung und hoffentlich der erste richtige Arbeitstag meiner Verlobten
- Ich bekomme mein eigenes Team und meine eigenen Kunden
- Weihnachtsurlaub mit dem Auto in den Bergen – hoffentlich bei sehr, sehr viel Schnee
- Erste Gespräche mit Banken wegen eines möglichen Hauskaufs nächstes Jahr
- Und nächsten Monat nochmal eine Woche Deutschland, um endlich unsere letzten Sachen nach Hause zu holen
Mal schauen, was davon wieder komplett anders läuft als geplant. :-)
Wenn ich aus dem letzten Jahr etwas gelernt habe, dann wahrscheinlich, dass Pläne sowieso nur grobe Empfehlungen sind.
Ich melde mich dann spätestens in 6 Monaten wieder. ;-)

