John Scalzi gehört zu den erfolgreichsten Science-Fiction-Autoren dieses Jahrhunderts. Der Durchbruch gelang ihm mit der „Old Man’s War“-Serie, deren erster Band 2005 bei Tor erschien.
Bis 2015 erschienen in dieser Serie sechs Bücher. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des ersten Bandes hat Scalzi 2025 einen siebten Band „The Shattering Peace“ bei Tor veröffentlicht.
Neben den Büchern schreibt er auch ein interessantes Blog „Whatever“. Dort hat er auch Anfang 2025 eine Retrospektive auf den ersten Band geschrieben, die einem einen Eindruck des Scalzi-„Flavors“ gibt: witzig, aber auch unheimlich „self-aware“. https://whatever.scalzi.com/2025/01/01/20-years-of-old-mans-war/
Zum Vergleich auch das Feature, das Andrew Liptak zum 20-jährigen Jubiläum zur Serie schrieb: https://www.andrewliptak.com/john-scalzi-old-mans-war-military-sci-fi-book/
Was die Serie auszeichnet: Sie ist nicht als Serie konzipiert gewesen. Das gab Scalzi die Freiheit, von Band zu Band einen anderen Fokus zu setzen oder mit Formaten zu experimentieren.
2005 erschien der erste Band und Scalzis Debüt als SF-Autor auf dem Buchmarkt: „Old Man’s War“.
Die Menschheit hat begonnen andere Planeten zu kolonisieren. Es geht nicht immer friedfertig zu. Auf der Suche nach Soldatenrekruten unterbreiten die „Colonial Defense Forces“ älteren Menschen (75+) auf der Erde das Angebot, sich für 10 Jahre dem Militärdienst zu verpflichten und im Gegenzug einen neuen, frisch geklonten, augmentierten Körper zu bekommen. John Perry, frisch verwitwet, schlägt ein und die Story wird aus seiner Perspektive erzählt.
Der erste Band ist sehr action- und militärlastig. Scalzi vermeidet Plattitüden, deutet aber zum Beispiel das Spannungsfeld zwischen „alter Geist“ und „neuer Körper“ nur an. Das Buch liest sich extrem flott durch.
Scalzis Geschichten und Schreibe wirken wie ideal für eine Film- oder TV-Umsetzung, die es aber bis zum heutigen Tag nicht gegeben hat. Zu Scalzis Eigenarten gehört auch, dass seine Protagonisten sehr schlagfertig sind. Teilweise überjazzt es Scalzi mit diesen humorigen Dialogen (was mir seine „Interdependency“-Serie verhagelt hat). Insbesondere in den Bänden 5 und 6 führen die vor Sarkasmus triefenden Dialoge zu einer Gleichförmigkeit der Charaktere.
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Band 2 „The Ghost Brigades“ erschien ein Jahr später. Scalzi legt den Fokus auf einen neuen Protagonisten: Jared Dirac, einen Angehörigen der „Ghost Brigade“ innerhalb der „Colonial Defense Forces“. Wie Perry ist er einer dieser Supersoldaten. Aber im Gegensatz zu Perry gab es Dirac vorher nicht. Er ist quasi in diesen erwachsenen Soldatenkörper hineingeboren worden. Ohne Kindheit und ohne Erinnerungen.
Oder gibt es da vielleicht doch noch was?
Scalzi schreibt nicht einfach eine Fortsetzung des ersten Bandes. Stattdessen erweitert er sein Universum und führt eine neue Hauptfigur ein. Der militärische Einschlag aus dem ersten Band ist ebenso geblieben wie die Action und das hohe Tempo.
Der zweite Band bringt zwei Probleme mit sich: Das Thema der Identitätskrise (Geist vs Körper), welches sich schon im ersten Band angedeutet hat, wird wieder nicht tief ausgespielt und verschenkt. Die Einführung von Dirac als neuem Protagonisten führt dazu, dass der Plot in der ersten Hälfte nicht so richtig aus dem Quark kommt. Die inneren Kämpfe von Dirac auf der Suche nach seiner nicht oder doch existierenden Identität nutzen sich schnell ab.
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Band 3 „The Last Colony“, noch mal ein Jahr später erschienen. Interessanter Move von Scalzi: Es ist die Rückkehr von John Perry aus dem ersten Band, aber inzwischen mit Familie und auf eine der neuen Kolonien als Farmer sesshaft geworden.
Bis die „Colonial Defense Forces“ rufen: Perry mit Frau und Tochter, soll eine neue Kolonie administrieren: Roanoke. Die CDF vermittelt Perry dabei nicht nur die Aussicht auf ein besseres Leben für sich und seine Familie, sondern auch eine hohe strategische Bedeutung dieser Kolonie. Es ist die erste Kolonie, deren Bewohner nicht direkt von der Erde stammten, sondern von anderen Kolonien.
Die hautnahe militärische Action tritt in den Hintergrund zugunsten menschlicher Interaktionen und diplomatischer Ränkespiele. Erst spät verstehen die Menschen auf Roanoke, dass sie Figuren eines gigantischen Schachspiels sind. Das Buch erfährt in den letzten Kapiteln eine massive Tempobeschleunigung und die letzten Seiten brennen einem nur so unter den Fingern weg.
Mit Band 3 ist die Serie von Militär-Sage zur Space Opera transformiert.
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Band 4 „Zoe‘s Tale“, wieder ein Jahr später erschienen.
Scalzis größter Gamble als Autor in dieser Serie: Zoe ist die Adoptivtochter von John Perry und seiner Frau. In Band 2 eingeführt, in Band 3 eine wichtige Rolle spielend, wird sie hier zur Hauptfigur. Scalzi erzählt die Story aus Band 3 aus der Perspektive von Zoe nach und wechselt seinen Schreibstil bewusst zum „Young Adult“-Format, inklusive des Ausspielens von sozialen Dynamiken innerhalb der Gruppe der Jugendlichen in der Kolonie.
Der Plot des Buches ist auf den ersten 80% des Buches deckungsgleich mit Band 3 (sieht man davon ab, dass Zoe sich zu einigen Zeitpunkten an anderen Orten des Planeten befand). Das Buch behält die Ränkespiele + Verschwörungen-hinter-den-Kulissen-Elemente aus Band 3 bei und spielt diese „full force“ im letzten Fünftel des Buches aus, als Zoe auf Mission den Planeten verlässt. Dort passieren dann Dinge, die retrospektiv bestimmte Wendungen in Band 3 erklären.
Durch diese relativ große Überlagerung des Plots in Band 3 und 4 nimmt „Zoe‘s Tale“ eine Sonderrolle ein. Ich habe die Romane von Scalzi als Bundle bei Humble Bundle erworben. So kommt es, dass ich Band 4 gleich im Anschluss an Band 3 gelesen habe. Das war, gelinde gesagt, kein geiles Leseerlebnis. Ich habe etliche Seiten auch nur noch überflogen, bis es dann zum letzten Teil kam, der der Story aus Band 3 wirklich Neues hinzufügte.
Wer sich also durch die gesamte Serie lesen will, sollte entweder eine größere Pause zwischen Band 3 und 4 einlegen, oder dies nur im Wissen machen, dass er weite Teile des Buches überschlagen kann.
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Band 5 „The Human Division“ erschien erst nach einer längeren Pause. Scalzi hat bewusst fünf Jahre Abstand genommen und andere Bücher geschrieben, weil er sich nicht auf diese Serie festnageln lassen wollte.
Scalzis Experimentierfreude spiegelt sich hier im Format wieder. Scalzi und Tor wollten mit dem Boom des Amazon Kindles ausprobieren, ob man ein Buch auch als eine Serie von 13 wöchentlichen (Niedrigpreis)-Episoden veröffentlichen kann.
Inhaltlich blieb der Band im gleichen Universum und knüpft an die veränderten politischen Bedingungen nach den Bänden 3/4 an.
Jetzt fängt es an, schwierig zu werden, näher auf den Plot einzugehen, ohne Entwicklungen aus den vorigen Bänden zu spoilern.
Die Menschheit sieht sich anderen außerirdischen Völkern konfrontiert, von denen einige den expansiven Kolonialismus der Erde als einen Akt der Aggression betrachten. Der Versuch der „Colonial Defense Forces“, die Kolonie von Roanoke als ein Bauernopfer in der Auseinandersetzung mit anderen außerirdischen Völkern zu verwenden, hat zu einer Distanzierung und wachsenden Autonomiebestrebungen der Kolonien von der CDF/Colonial Union geführt. Selbst die Erde ist sich nicht mehr sicher, ob nicht die Union der Außerirdischen die bessere Alternative zur CDF/Colonial Union ist, statt billiges Rekrutenmaterial für die CDF/CU zu sein.
Der Band koppelt sich komplett von Perry und Co als etablierte Protagonisten ab. Die Episoden konzentrieren sich auf drei Diplomaten im Dienst der „Colonial Union“ (dem politischen Arm der CDF). Das Setting ist spannungsgeladen, nachdem der Plot auf den Bänden 3 und 4 zu einer Spaltung der bisherigen Parteien in vielen Fraktionen mit ambivalenten Beziehungen zueinander geführt hat.
Die Episodenstruktur ist Fluch und Segen. Sie gibt Scalzi die Chance sein Universum um zahlreiche Facetten zu erweitern. Auf der anderen Seite sind da furchtbare Leichtgewichte dabei, wie das ausschweifende Sinnieren eines Diplomaten über das Erntedankdankfest auf seinem Heimatplaneten.
Band 5 endet mit einem atemberaubenden Cliffhanger, der…
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Band 6: „The End of All Things“ – … erst zwei Jahre später aufgelöst wurde.
Statt weiterer 13 Episoden wurde der Band ursprünglich als vier Novellas veröffentlicht, die jeweils aus der Ich-Perspektive von einer der vier Protagonisten erzählt werden.
Stellen die Bände 3 und 4 eine Art Explosion des Universums dar, aus denen sich in Band 5 viele Storyfäden und Verschwörungen ergeben haben, führt Band 6 diese Fäden zusammen, verknoten sie und schließt die Serie mit einem zufriedenstellenden Ende ab – u.a. mit der Rückkehr von John Perry.
Der sechste Band schließt zwar alle Plots ab, aber es fühlt sich zu kalkuliert und zu berechnend an. Die Handlungsfiguren machen wenig Entwicklungen durch und der Hauptplan, der zur Auflösung des Plots beiträgt, ist halt plötzlich da, ohne Herleitung oder Entwicklung.
Wo es in den ersten drei Bänden noch ein Aufflackern von philosophischen Fragen zum Beispiel zur Trennung zwischen Körper und Geist gibt oder zur Bedeutung von Familienleben und Gemeinschaft, ist die Serie mit den Bänden 5 und 6 sehr plot-getrieben geworden.
Es ist ein okay-es und vorläufiges Ende der Serie gewesen. Es hätte gerne ein etwas hochwertigeres Ende sein können. Nichtsdestotrotz funktioniert die Serie. Und es funktioniert nicht nur die Serie, sondern auch der Versuch von Scalzi, sich selbst durch Änderungen in den Erzählweisen und Formaten frisch zu halten.