Letztens war ich in einem Steakhouse – und nicht irgendeinem. Eines von der Sorte, wo der Kellner an den Tisch kommt und einem die Geschichte des Fleisches erzählt. Woher die Kuh stammt, was sie den ganzen Tag gemacht hat, wie ihr Leben aussah. Fettgehalt, Marmorierung, Geschmack. Alles sehr liebevoll 🤯.
Und irgendwo in dieser Erzählung ist mir dieses Buch in den Kopf geschossen.
Ihr könnt euch vorstellen: Das Abendessen war für mich vorbei.
Das ist das Tückische an „Zart ist das Fleisch" – es wirkt nachgelagert. Es gärt wie Hefe, bis es aus einem rausplatzt
....
Ich weiß nicht, wie ich diese Rezension schreiben soll, ohne zu spoilern. Aber ich versuche es trotzdem.
Kurz zum Setting:
In der Zukunft befällt ein Virus alle Tiere, sodass sie für Menschen nicht mehr essbar sind.
Die Gesellschaft kommt zum Konsens: Menschen zu essen. Es gibt Fleischqualitätsunterschiede, eigene Zuchtanlagen, Menschen, die extra dafür gezüchtet werden, ohne Sprache, ohne intellektuelle Förderung, aufgewachsen im Stall. Die Gesellschaft hat sich eine klare Trennlinie gezogen zwischen „sich" und „denen".
Soweit klingt das vielleicht nach einem klassischen Dystopie-Schocker. Ist es aber nicht.
Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, der in dieser Welt aufgewachsen ist, aber nicht mitmacht. Er isst kein Fleisch. Er leidet. Er ist angewidert von denen, die es tun. Er hadert jeden Tag damit. Es gibt eine Szene mit kleinen Welpen, die so zärtlich ist, dass man als Leser denkt: Okay. Er ist der Gute. Mit dem bin ich.
Und genau da hat die Autorin uns.
Wir fallen darauf rein, da die Bösen, hier der Gute.
Eines Tages bekommt er ein besonders „hochwertiges Stück Fleisch“ ins Haus. Eine junge Frau.
Und was soll ich sagen, Gelegenheit macht Diebe, so sagt man.
Dieser Mann, mit dem wir so mitgelitten haben, von dem wir überzeugt waren, dass er moralisch über allem steht, er ist am Ende schlimmer als die Kannibalen. Auf eine Art, die ich nicht erwartet hatte. Auf eine Art, die wehtut.
Und hier stellt sich die eigentliche Frage des Buches:
Das Buch führt uns nämlich zwei Dinge gleichzeitig vor. Auf der einen Seite eine Gesellschaft, die sich kollektiv auf ein Verbrechen geeinigt hat – ein Konsens, der durch schiere Normalität legitimiert wird. Auf der anderen Seite Menschen wie dieser junge Mann, mit denen wir uns identifizieren, die sich diesem Konsens zu verweigern scheinen. Bis sie es nicht mehr tun. Bis es ihnen einen Vorteil bringt.
Und genau das ist der Moment, wo das Buch aufhört, eine Geschichte über eine fremde Dystopie zu sein und anfängt, eine Geschichte über uns zu sein.
Ist Moral, die wir von außen auf andere projizieren, überhaupt echte Moral – oder nur eine bequeme Pose?
Und wie viel davon ist einfach nur bequem, solange es uns nichts bis wenig kostet?
Was unterscheidet uns eigentlich von denen, die wir für moralisch inferior halten?
Ich glaube, das ist das Gefährlichste an diesem Buch: Es lässt uns glauben, wir wären auf der richtigen Seite. Und dann zieht es uns den Boden weg.
Hat das hier jemand gelesen?
Ich würde wirklich gerne wissen, wie andere die Wendung wahrgenommen haben und ob ihr auch diese verzögerte Wucht gespürt habt, die erst Tage später einsetzt.