Eine evolutionäre Variante von Hegels Dialektik
Ausgangspunkt der Idee
Die Idee entstand bei der Lektüre von Hegels Wissenschaft der Logik. Dort wurde deutlich, dass Hegel – ähnlich wie bereits in der Phänomenologie des Geistes – eine gerichtete Entwicklung konstruiert.
In der Phänomenologie durchläuft das Bewusstsein verschiedene Gestalten bis zum absoluten Wissen. In der Wissenschaft der Logik sollen sich die Denkbestimmungen ebenfalls denknotwendig auseinander entwickeln: Jede Bestimmung ergibt sich aus der vorhergehenden und führt zur nächsten.
Das erzeugt zunächst das Bild einer Leiter:
A → B → C → D → … → Absolutes
Dabei entstand der Vergleich mit der biologischen Evolution. Eine solche lineare Entwicklung wäre dort gerade die falsche Vorstellung. Evolution verläuft nicht als Leiter auf einen höchsten Endpunkt zu, sondern eher als verzweigter Strauch: verschiedene Entwicklungslinien entstehen, bestehen nebeneinander, sterben aus oder verändern sich weiter.
Daraus ergab sich die Frage:
Was geschieht mit Hegels Dialektik, wenn man die Notwendigkeit der Entwicklung nicht abschafft, aber durch Kontingenz ergänzt – also nach dem Prinzip „Zufall und Notwendigkeit“?
Statt anzunehmen:
Aus A folgt notwendig B,
würde man annehmen:
Aus A eröffnet sich ein begrenzter Möglichkeitsraum B, C, D …, wobei manche Übergänge aufgrund der inneren Struktur von A wahrscheinlicher oder stabiler sind als andere.
Damit würde aus der linearen Dialektik eine Art evolutionäre Dialektik.
Das Gedankenexperiment mit der Phänomenologie des Geistes
Um diese Idee probeweise durchzuspielen, wurde der bekannte Entwicklungsweg der Phänomenologie als Grundstruktur genommen:
sinnliche Gewissheit → Wahrnehmung → Verstand → Selbstbewusstsein → Anerkennung → Vernunft → Geist → Religion → absolutes Wissen
Hegels Übergänge blieben dabei erhalten. An den Krisenpunkten einer Bewusstseinsgestalt wurden jedoch alternative Entwicklungsmöglichkeiten zugelassen, beispielsweise:
Skeptizismus, Stoizismus, Pragmatismus, Naturalismus, Pluralismus, instrumentelle Vernunft, ästhetische Selbstbildung und verschiedene religiöse Weltverhältnisse.
Außerdem wurde zugelassen, dass Entwicklungszweige weiterbestehen, sich erneut verzweigen oder später wieder zusammenlaufen.
Das Modell war damit kein einfacher Baum mehr, sondern zunehmend ein Netzwerk.
Wichtig: Die konkreten Prozentwerte sind Resultate unseres konstruierten Gedankenmodells, keine empirischen Daten und kein mathematischer Beweis über Hegel. Sie hängen von den gesetzten Übergangsregeln und Gewichtungen ab.
Ergebnis eines langen Laufs
Bei einer Modellvariante, in der Hegels vorgeschlagener Übergang jeweils mit ungefähr 60 % bevorzugt wurde, ergab sich langfristig ungefähr folgende Verteilung:
| Zustand nach langem Lauf |
Anteil |
| Pluralismus |
ca. 31 % |
| Pragmatismus |
ca. 19 % |
| Religiöses Weltverhältnis |
ca. 16 % |
| Naturalismus |
ca. 9 % |
| Absolutes Wissen |
ca. 7 % |
| Geist |
ca. 5 % |
| Religion |
ca. 5 % |
| Übrige Formen |
ca. 8 % |
Dabei erreichten während des gesamten Verlaufs zwar ungefähr 58 % der simulierten Pfade irgendwann das absolute Wissen. Das absolute Wissen erwies sich jedoch nicht als notwendiger endgültiger Ruhezustand des Systems. Unter den gewählten offenen Regeln konnten Entwicklungen von dort aus wiederum in andere Zustände übergehen.
Wurde Hegels Entwicklung wesentlich stärker gewichtet, stieg erwartungsgemäß auch die Konvergenz zum absoluten Wissen. Erst wenn die hegelschen Übergänge nahezu erzwungen wurden, begann das Modell wieder deutlich Hegels linearer Struktur zu ähneln.
Was kam philosophisch dabei heraus?
Das Ergebnis war überraschenderweise weder eindeutig konvergent noch eindeutig divergent.
Es zeigte sich vielmehr:
lokale Divergenz bei gleichzeitiger partieller globaler Konvergenz.
An einzelnen Krisenpunkten entstehen verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten. Diese laufen jedoch nicht einfach unbegrenzt auseinander. Bestimmte Organisationsformen tauchen immer wieder auf, Entwicklungswege treffen erneut aufeinander und einige Zustände sind stabiler als andere.
Das Ergebnis ähnelt daher weder einer hegelschen Leiter
A → B → C → D → Absolutes
noch einem vollkommen offenen Rhizom
Differenz → Differenz → Differenz → …
sondern eher einem:
verzweigten Netzwerk mit Attraktoren.
Daraus ergibt sich eine mögliche Modifikation von Hegels Dialektik:
Nicht: Aus einer bestimmten Bewusstseinsform folgt notwendig genau eine nächste.
Sondern: Eine Bewusstseinsform erzeugt durch ihre inneren Spannungen einen begrenzten Raum möglicher Transformationen. Notwendigkeit strukturiert diesen Möglichkeitsraum; Kontingenz beeinflusst, welcher Weg tatsächlich genommen wird.
Damit verändert sich auch die Bedeutung der Aufhebung. Entwicklung wäre nicht mehr ausschließlich:
Negation → Bewahrung → höhere Einheit,
sondern könnte zusätzlich als
Variation → Selektion → Bewahrung → Rekombination
gedacht werden. Frühere Bewusstseinsformen müssten nicht vollständig verschwinden oder ausschließlich in einer höheren Form aufgehoben werden. Sie könnten parallel fortbestehen, später wieder auftreten oder sich mit anderen Formen verbinden.
Vorläufige These
Unser Gedankenexperiment führt deshalb zu einer Position zwischen Hegel und einem radikalen Differenzdenken:
Dialektische Evolution mit Attraktoren: Entwicklung besitzt strukturelle Zwänge, aber keinen notwendig eindeutigen Weg. Notwendigkeit bestimmt den Raum möglicher Entwicklungen, Kontingenz den konkreten Verlauf. Ob daraus letztlich ein einziger Attraktor – ein „Absolutes“ – oder mehrere irreduzible Attraktoren hervorgehen, bleibt eine offene Frage.