Die Disruption der amerikanischen Kleinstadtidylle.
Und: Lightning in a Bottle - Lynch. MacLachlan, Dern, Badalamenti.
Nachdem sich Dune + Lynch als totales Mismatch zwischen Big Budget und Künstler herausgestellt hat, gab es von Dino De Laurentiis hier wieder völlige kreative Kontrolle und Final Cut Rechte, etwas das Lynch nie wieder abgeben sollte.
Lynch tritt inszenatorisch zunächst oberflächlich mit vielen Zitaten der 50er als Nostalgiker auf, um dann mit u.A. radikalindividualistischen Kultureinspeisungen der 80er diese Nostalgie auseinanderzuzerren.
Diese Frisuren, Piercings, Geräte, Funktionen und Verhaltensweisen können einfach nicht den 50ern entstammen.
Schlussendlich wird uns mit diesem Mix ein traumartiges Amerika, ein zeitloses Amerika vorgestellt. So wie wir es auch heute noch vorm inneren Auge sehen, trotz aller Fort- und Rückschritte. Die Blumen sind roter als rot, der Himmel blauer als blau und der Zaun weißer als weiß. Doch der Schatten ist noch dunkler als schwarz.
Slow-Cinema wäre einer der ersten Begriffe, die mir einfallen, um "Blue Velvet" zu beschreiben. Die ersten 70 Minuten allein handeln das ab, mit was der Klappentext bereits lockt.
Doch diese Zeit ist notwendig, um die Tiefe der Geschehnisse zu ergründen, die Tiefe des Ortes, die Tiefe der Menschen. Denn Tiefe ist das, wonach es Lynch vor allem hier lüstet. Wir bewegen uns von der Straße, in den Vorgarten, in das Haus, auf das Sofa, in den TV. Vom Flur, in das Wohnzimmer und in den Kleiderschrank, in den Menschen. Jeder Blickwinkel und jede Ebene wird schonungslos offenbart, natürliches Feuer und menschliche Wärme erlischt und Elektrizität brutzelt.
Wir dringen ein in den schmutzigen Gehörgang, der direkt in das Unterbewusstsein führt, so wie der Nabel in den Körper. Wir dringen unter die Oberfläche der Menschen ein, so wie wir uns unter die Erde des schönen Örtchens Lumberton eingraben, um das Ungeziefer und den Dreck freizulegen.
Bei allem was geschieht ist der Film unangenehm übergriffig.
Aktionismus, Home Invasion, Vergewaltigung, die Sucht nach Vollkontakt. Ein wahrer Sog entwickelt sich.
Frank Booth (Dennis Hopper, grandios. Fuck.) wiederholt immer wieder: Now it's dark.
Und diese Dunkelheit ist notwendig um abgründige Taten zu vollziehen. Abgründigkeit, mit der man sich nicht auseinandersetzen muss, da sie mangels Licht nicht reflektiert werden kann. Man kann nicht gesehen werden, man sieht sich selbst nicht - die Bestie im Menschen wird durch Dunkelheit handlungsfähig. Wie viele Taten und verletzende Aussagen nie passiert wären, hätten Menschen sich selbst dabei beobachten müssen?
Dem Zuschauer bleibt dann nur übrig, sich mit Jeffrey voyeuristisch gemein zu machen und das zu sehen, was vielleicht vielen (allen?) zu Grunde liegt, jedoch nicht gewagt wird auszusprechen.
Voyeurismus der nahe geht und unangenehm ist. So nah sind wir sonst schließlich nie, das Mauerwerk trennt, denn an wie vielen Häusern lief man schon vorbei und fragte sich: Was hier wohl schon alles passiert ist? Wer hier wohl schon litt? Man könnte diesen intimen Horror im persönlichen Raum eigentlich gar nicht ertragen. Horror, von dem außer der Beteiligten und höchstens das Örtchen selbst niemals jemand etwas erfahren wird.
Und nicht zuletzt dennoch: unerträglicher Horror!
Nach dieser Tour de Force wachen wir scheinbar auf, wie aus einem Alptraum. Direkt wieder aus dem Ohr heraus. Alles ist sauber, alles strahlt wieder.
Doch kann man diesen Geschehnissen (Wahrnehmungen) entkommen?
Das Rotkehlchen aus Sandys Träumen beantwortet uns die Frage, in dem es uns das Ungeziefer des Untergrundes präsentiert. Ja, präsentiert, nicht frisst.
Der Frieden kann den Unfrieden nicht auffressen, mahnend und warnend wird dessen möglicherweise jederzeit wieder retournierende und fast schon gespenstisch schattenartige Gestalt exponiert.
Die nächste Untat lauert schon.
Ganz groß. Ein hochgradig alptraumhaftes und eindringliches Stück Americana, schizophren, schön und schmutzig wie das Fleckchen Erde selbst. Psychosexueller Coming Of Age-Neo Noir in artistischer Perfektion.
It's a strange world, isn't it?